7.7.2015

Ich liege auf dem Sofa in der Stube des alten Bauernhäuschens. Es ist halb drei. Unter dem Esstisch höre ich das Hitzeschnauben von Mika. Rechts neben mir auf dem Holzboden bearbeitet Ely mit welpischer Leidenschaft ein Stück getrocknete Rinderhirnhaut. Kaya ist irgendwo draussen. Von dort kommt auch der hartnäckig wiederkehrende, langatmige Lärm eines Kunstfliegers, der angestrengt versucht, dem Himmel seine goldene Unterschrift einzugravieren.
Eine grosse Hitze herrscht. Seit Tagen hat sie sich aufgebaut. Nun scheint sie ihren Höhepunkt erreicht zu haben und sollte mit heftigen Gewitter wieder abziehen, zumindest nach Wettervorhersage. Es sind vorgezogene Hundstage. Das ganze Land hechelt. Ich wollte eigentlich schon frühmorgens einige noch anstehende Aufräumarbeiten in die Hände nehmen, doch ich fühlte mich derart faul und träge, dass ich den halben Morgen auf dem Sofa verschlafen habe. Endlich wieder mal einen unnützen Tagschlaf mit viel Träumen!
Vorhin, als ich mit den verschwommenen Augen eines Taugenichts die uralte Zimmerdecke des Bauernhäuschens anschaute und in den zahllosen, verzierten Hieroglyphen der Holzwürmer zu lesen versuchte, wie es hier vor 200 Jahren am 7.7.1815 wohl ausgesehen haben mag, wer hier sass oder lag, wie die Landschaft rundum bewachsen war, da fällt mir plötzlich ein, dass ich in der ganz nahen Vergangenheit, nämlich am 7.2.2015, also vor genau fünf Monaten, auch auf diesem Sofa gelegen bin, zur nämlichen Zeit, auch in einem unnützen Zustand, allerdings unnütz durch seine chaotische Verstörtheit: Mika und Kaya hatten sich draussen im Schnee ungeplant gedeckt, und die unweigerlich anstehenden Folgen passten überhaupt nicht in unser Leben.
Ich schaue auf Ely, dem letztgeborenen Sohn aus dieser Verbindung, der bereits ein kräftiger Welpe ist und mit seinen neun Kilogramm Körpergewicht und seinem entwaffnenden Blick jetzt am Boden der Realität sein Leben feiert.
Welches Wunder! Welche Inkarnation und Fleischwerdung in dieser kurzen Zeit! Vielleicht fressen die Hunde darum so viel Fleisch, weil sie so schnell werden und weil sie so rasend reisen. Sie sind so nah an der Materie und doch, wenn ich in ihren Augen ihre Tiefe ergründen möchte, wirken sie derart weit, vergeistigt und spirituell. Ist das Palindrom dog/god in der englischen Sprache eigentlich ein Zufall?
Wir hätten damals Kayas Empfängnis wegspritzen können. Wir haben es uns auch überlegt, obschon für mich sofort klar war, dass wir ihrem Weg folgen würden. Ursula war sich da zuerst nicht sicher. Bis sie mich anrief und sagte, Kaya will es so.
Und jetzt sind wir durch. Heute Abend gehts zurück in die Stadt. Ich nehme meine 4 Tage Arbeit als Therapeut in der Psychiatrischen Klinik wieder auf; die stark befahrene Strasse des Alltags wartet, dass wir unser Leben wieder dort einzweigen.
Und Kaya und Mika hatten recht. Sie haben uns den Weg gezeigt. Der Weg ging da durch. Dieses Stück Leben wollte gelebt werden. Wir sind um eine wunderbare Erfahrung reicher. Sie haben uns nicht nur einen guten, ausgewogenen Wurf geschenkt, wir haben neben den guten Plätzen für die Welpen auch wunderbare Menschen kennengelernt, die ähnliche Einstellungen zum Leben pflegen. Ich habe zwar vielleicht zwei Kilogramm an Körpergewicht abgenommen, dafür einiges an spezifischem Gewicht angesetzt. Und mein Blick in die Weite ist kräftiger, mein inneres Sehen klarer.
Ich danke euch Hunde, Kaya und Mika, für diese wundervolle Reise, durch die ihr uns so sicher geleitet habt!