Abfall

Wenn wir in einer Gruppe einen «Abfallkübel» aufstellen, in den alle Mitglieder Zettel mit ihren schlimmsten und kritischsten Gedanken werfen können, und diese Zettel dann vorlesen und bearbeiten, lernen wir auf lockere Art die spannungsgeladensten Bereiche des jeweiligen Gruppenlebens kennen. Abfall ist Schatten: die heimlichen, bösen, verbotenen und doch schönen Gedanken, die wir schnell wieder beiseite schieben. Gute psychische Ökonomie heißt, diesen Abfall so oft wie nötig zu prozessieren. Menschliche Gruppen zeichnen sich alle durch denselben Abfall aus, er manifestiert sich in unseren heimlichen Gedanken, die wir über einander haben: Wer verdient wieviel? Wer ist am stärksten? Wer am schwächsten? Wer ist am intelligentesten oder schönsten? Wer schläft wohl mit wem? Wer gehört zu den «Insidern», wer zu den Außenseitern? Wer hat Macht? Wer bestimmt, was wirklich läuft?

Dieser Abfall ist zwar faszinierend, wird aber abgelehnt, weil er den Gruppenideologien widerspricht und weil Gruppen meistens wenig Humor für ihren Schatten aufbringen. Netzwerke (Gruppen) verhalten sich wie einzelne Menschen und beschäftigen sich nicht gern mit ihrem Schatten, sondern ziehen es vor, ihn «irgendwie» loszuwerden, wodurch sie eine Informationswolke und eine mitunter beklemmende Atmosphäre erzeugen.

Wenn der Abfall prozessiert wird, schafft er immer mehr Beziehungen und stärkt die geistige Verbindung zwischen den Gruppenmitgliedern. Aber in den meisten Organisationen besteht kaum Hoffnung, daß sie ihren Abfall jemals ans Licht bringen.

Bei einem Supervisionsseminar, das ich kürzlich in der Schweiz durchführte, waren einige Studenten fortgeschrittener als andere, und die weniger Fortgeschrittenen fühlten sich übergangen und vernachlässigt. Die äußeren Umstände waren wirklich so, denn ich konzentrierte mich damals tatsächlich mehr auf die fortgeschrittenen Studenten.

Wir fingen an, den Abfall - in diesem Fall das Gefühl, übergangen zu werden - zu prozessieren, und dies führte zu einer wunderschönen Erfahrung. Einige Teilnehmerinnen spielten die «Eingeweihten», andere die Außenseiter. Nachdem sich die beiden Parteien eine Weile angeklagt und bekämpft hatten, bemerkte schließlich jemand, wie ruhig es im Raum geworden war. Eine andere Person sagte schüchtern, sie habe eine Melodie gehört und fing an, sie zu summen. Das Lied, das sie gehört hatte, war «Dona»; die Worte lauten:

Auf dem Wagen liegt ein Kälbchen
liegt gebunden mit dem Strick.
Durch den Himmel fliegt ein Schwälbchen,
fliegt und flattert hin und zurück.

Lacht der Wind im Korn
lacht und lacht und lacht.
Lacht darob den ganzen Tag, den ganzen,
und die halbe Nacht.
Dona dona dona dona...

Weint das Kälbchen, sagt der Bauer:
Wer hat dir gesagt: Sei Kalb?
Solltest lieber sein ein Vogel,
solltest lieber sein die Schwalb.

Lacht der Wind im Korn . . .

Dumme Kälbchen soll man binden,
schlachtet sie und hat noch recht.
Doch wer Flügel hat, kann fliegen
und ist keines Menschen Knecht.

Lacht der Wind im Korn .. .

Als sie das Lied vorsang, erklärte uns ein Mann seine Bedeutung. Er sagte uns, daß es während des Zweiten Weltkriegs von einem Juden in einem Konzentrationslager geschrieben wurde, der - wie das Kalb - für den Transport in die Gaskammer gebunden war. Ein Priester konnte das Lied aus dem Lager schmuggeln. Das Lied besagt, daß ein Kalb nicht weiß, daß es einen Vogel gibt, eine frei fliegende Schwalbe am Himmel oben. Der gequälte Außenseiter muß sich den Geist von Freiheit und Ungebundenheit vor Augen halten, den Geist des Vogels, der stolz und frei ist. Drinnen oder draußen zu sein ist etwas Relatives, eine momentane Rolle in einem Feld. Dies zu wissen bedeutet wahre Freiheit, die hoch aufsteigende Freiheit der frei fliegenden Schwalbe am Himmel.

Nach dem Lied waren alle still. Das Lied hatte die Barrieren geschmolzen, welche die beiden Lager getrennt hatten, und die Spannung in ein Gefühl von Ewigkeit umgewandelt.

Arnold Mindell Das Jahr Eins, 1989