Mondmord

Einer stiess sich am Vollmond, der ihn nachts nicht schlafen liess; stur schien der Mond durch das offene Fenster ins Bett des Betreffenden, stöberte seine Einsamkeit auf und leuchtete sie schamlos aus mit seinem weissen, sanft flutenden Licht.
Der von Schlaflosigkeit Geplagte stand schliesslich auf und stellte dem Vollmondgesicht sein eigenes übernächtigtes und bleiches Gesicht entgegen, indem er sich an die Brüstung des offenen Fensters stellte, die Arme verschränkte und den Mond lange böse anblickte. Nach einer Weile zog er die Luft stark durch die Nase und sagte dem Mond ein paar übel gelaunte Worte. Aber der blieb stumm und starrte weiterhin steinern wie eine jahrhundertealte Büste vom düsteren Himmelssockel hinunter; er hätte ihn ohrfeigen können! ihm die Faust ins feisse Antlitz treiben! aber der Mond blieb unberührt.
Da kam dem Schlaflosen eine Idee, wie er den Stummen zum Sprechen bringen könnte. Diese Idee packte ihn dergestalt, dass er sogar vergass, sich umzuziehen, und im weissen, längs und blau gestreiften und laut schlenkernden Baumwollpyjama ins Freie jagte, mit ausladenden Schritten das Dorf rasch hinter sich liess und in die Berge kam. Und hier, in den vom Mond liebevoll beschienen Hügeln, begann er sein Mondspielchen: Zuerst rannte er einen der Hügel hinunter, bis er den Mond hinter dem messerscharfen Horizont der Kuppe zum Verschwinden brachte, ihn sozusagen in die schwarze Erde drückte; und dann, als dem armen Mond fast die Luft ausging, liess er ihn wieder auftauchen, indem er elegant den Berg hinauf sprang.
Aber immer noch wollte der Mond nicht mit ihm reden, und deshalb trieb er das Spiel weiter, tauchte den Mond wieder in den Boden, und im letzten Moment, als er glaubte, er höre ihn um Hilfe gurgeln, hüpfte er den Berg hinauf, gab ihm etwas Luft, brachte ihn aber wieder nicht zum Reden, wurde noch wütender und schrie: Wart nur, Bürschchen, das nächste Mal drück ich dich tot!, raste den Berg hinunter, der Mond litt beträchtlich, bekam kaum noch Himmelsluft, und so ging die Folter weiter, die ganze Nacht lang berauschte er sich an diesem sadistischen Spiel, und der Mond begann schon zu Verblühen, der Tag floss milchig über die östlichen Berge, als der Schlaflose einen Fehltritt tat und über eine Felswand zu Tode stürzte.
In diesem Augenblick ging über das starr gemeisselte Antlitz des Mondes ein feines, aber mieses Grinsen, das den ganzen frühen Morgen anhielt, und uns alle im Dorf davon überzeugte, dass unser schlafloser Mitbürger vom Mond ermordet worden ist.

Eine Geschichte, Wort für Wort dem Leben abgeschrieben

Sonntag, den 27. September 1931

Furchtbares Unglück beim Luzerner Flugmeeting

Tausende von Zuschauern säumen die sonnige Allmend. Hoch über der Horwer Bucht entschwebt der „Uto“ und vom Pilatus her gleitet Farner auf seinem Segelflugzeug ruhig und still in unsern Sichtkreis. Der Lautsprecher kündigt ihn an. Auf ihn richten sich aller Blicke, auf ihn und auf Gerber, der über der Allmend seine Kunstflüge ausführt. Gerber trudelt und hebt sich wieder hoch. Um 15:05 sollte er landen. Fast um dieselbe Zeit geschieht das Furchtbare. Über dem westlichen Ende des Platzes, bei der Baumgruppe, führt er wieder eine Vrille aus, hält das Flugzeug zu lange in dieser Übung; es sackt auf einer Höhe von etwa 50 Meter durch, schiesst steil wie ein Raubvogel nieder und kann nicht mehr aufgerichtet werden. Hätte Gerber noch zehn Meter Luftraum zur Verfügung gehabt, hätte er es vielleicht noch auffangen können. Dass er die Absicht hatte, auf den Platz zu gelangen, war aus der Lage des abgestürzten Apparates ersichtlich.
Unten standen die Zuschauer, dicht gedrängt. Noch ahnten nicht alle die Gefahr, die drohte. Wir, die wir zwanzig Meter von der Unglücksstätte entfernt Augenzeugen waren, glaubten zuerst, dass Gerber sich in jedem Moment wieder aufrichten könnte.
Dann aber schmetterte das Flugzeug mit grausamer Wucht in das dichte Menschengewühl an der oberen westlichen Seite des Platzes. Ein namenloser Aufschrei gellte auf. Ein Knirschen und Bersten, ein Rennen und Flüchten. Kinder weinten, zerschlagene Gesichter, blut- und hirnbespritzte Kleider, ein verstörtes Antlitz alle.
Die Stätte, die von Militär und Feuerwehr sofort abgesperrt war, bot einen grässlichen Anblick. Das Flugzeug zertrümmert, in die Erde gebohrt, die Tragflächen von den Flüchtenden zertrampelt, die Verletzten schwer wankend oder schwer stöhnend am Boden, drei Leichen zerstümmelt. Das vierjährige Knäblein Häberlin aus Obfelden, zusammengekauert unter einer Bank, die Schädeldecke abgeschlagen, das Hirn ausgeflossen. Ein junger Mann daneben, mit einer furchtbaren Kopfwunde, liegt zugedeckt. Dem dritten Toten, einem Knaben, wurde der Leib aufgerissen und das linke Bein vollständig weggemäht. Der Pilot selber wurde sehr schwer verletzt; er erlitt eine Schädelfraktur und auch Bein- und Brustverletzungen.
Der Sanitätsdienst wurde sofort eingesetzt, die Verletzten, die Rippenbrüche, Beinbrüche, Kopf- und Armwunden hatten, wurden mit Tragbahren zur Kantine gebracht, wo sie gepflegt und von wo sie in den Kantonsspital, in das Sanatorium St. Anna und nach Hause übergeführt wurden.
Als das Unglück sich ereignet hatte, stürzte das Publikum in voller Panik über den Platz zur Unheilstätte, so dass die Gefahr eines neuen schweren Unfalls in die Nähe gerückt war. Nicht nur Verletzte waren in Ohnmacht gefallen, der Schrecken hatte alles gelähmt. Viele Personen erlitten Nervenschocks und brachen zusammen. Eine schmerzliche Szene: Das Knäblein Häberlin, zu einem blutenden, traurigen Klumpen geballt; über ihm sitzt der Freund seines Vaters, der es behüten musste, während sein Vater zu einem Passagierflug sich wegbegeben hatte; als er zurückkam, fand er sein Kind tot, den Freund halb ohnmächtig, aber unverletzt. Wir hörten diesen nachher erzählen, dass er und seine Frau aus unbestimmter Furcht schon vorher zurückgewichen seien, der Knabe jedoch, um besser sehen zu können, vorn, einige Meter von ihnen entfernt, zugeschaut hatte; so entgingen sie dem Schicksal. Ein Mann, der neben dem Knaben sass, war über und über mit Blut und Hirn bespritzt. Andere waren, die so dicht am Tode gestanden sind und von ihm nicht berührt wurden und nur einen tödlichen Schrecken empfingen, den sie nie mehr vergessen werden. So wurde eine Dame aus Luzern von einem Flügel gestreift aber nicht verwundet. Die Frau Gerbers, die selber, wenn wir uns nicht täuschen, Sportfliegerin ist, war mit ihrem Mann nach Luzern gekommen und ist Zeugin des Unfalls gewesen. Sie musste abgeführt werden.
Wir wollen, unter dem tiefen Eindruck des Unsäglichen, nicht urteilen, nicht anklagen, aber es war ein Missgriff, der nur durch die allgemeine Kopflosigkeit zu entschuldigen war, dass plötzlich - Lautsprecher-Trichter standen unmittelbar neben der Stätte, auf der noch Tote und Verwundete lagen - irgend ein Schlager ertönte und dass noch Farner angekündigt wurde, der über seinen Flug hätte orientieren sollen. Farner schien aber glücklicherweise darauf verzichtet zu haben, und der Schlager wurde am Unglücksort so rasch wie möglich ausgeschaltet. Vielleicht hatte man mit dem Lautsprecher die Leute auf ihrem Platze festbannen, von der gefährlichen Rollbahn fernhalten wollen, aber man wollte, man konnte nichts hören. Das Verhängnis wuchtete schwer und das Mitleid und die Angst stiegen hoch angesichts des Schicksals, das ein stolzes, menschliches Tun jäh unterbrochen und die Frage nach unserm Menschsein stärker denn je geweckt hatte.
Die Untersuchung durch das Statthalteramt und das eidgenössische Luftamt wurde sofort eingeleitet. Es ist aber kaum möglich, festzustellen, ob ein technischer Fehler das Unglück mitverursacht hat. Wahrscheinlich hat aber die Unvorsichtigkeit des Piloten, die Vrille zu wenig hoch ausgeführt zu haben, die Hauptschuld. Gerber soll als zuverlässig gelten, er soll aber auch schon seinen Apparat dicht über dem Erdboden aufgefangen haben. Was die Haftpflicht anbelangt, so ist zu sagen, dass das Organisationskomitee mit der Zürcher Haftpflichtversicherung eine Versicherung abgeschlossen hat. Auf dem Platze anwesend waren verschiedene Vertreter der kantonalen und der städtischen Behörde und Militärs. Infolge des Militärpatrouillenlaufes waren genügend Soldaten da, um die Absperrung vorzunehmen.

Amtliche Darstellung (Mitteilung des Polizeikommissariates.)
Anlässlich des vom Zentralschweizerischen Verein zur Förderung des Flugwesens gestern auf der Allmend veranstalteten Flugmeetings ereignete sich ein schwerer Unfall infolge Absturzes eines Flugzeuges, geführt vom Piloten Oberleutnant Gerber. Kurz nach 3 Uhr nachmittags stieg Oberleutnant Gerber mit einem kleinen Sport-Doppeldecker zu einem Schaufluge auf. Nach Vollführung einiger Loopings, Steilflügen usw. setzte Gerber im sürdwestlichen Teile des Flugfeldes, in einer Höhe von schätzungsweise 300 Meter, zu einer Vrille an. Das Flugzeug befand sich in diesem Augenblick über dem Zuschauerring. Der Pilot vermochte das Flugzeug nicht mehr rechtzeitig aufzurichten. Einige Meter über Boden brachte er es noch in etwas Schrägstellung, in welcher Lage es in die Zuschauer stürzte und dort zerschellte, wobei drei jugendliche Personen getötet und 30 Personen teils schwer, teils leichter verletzt wurden.
Der nach Bergng der Toten und Verletzten einsetzende amtliche Untersuch wurde geleitet von Herrn Staatsanwalt Dr. Bucher, wozu später noch Hr. Amtsstatthalter Dr. Zimmermann beigezogen wurde. Später traf auch Herr Amtsstatthalter Schnieper auf dem Unglücksplatze ein. Als Fachexperten beteiligten sich am Untersuch die Herren Ing. Gfell vom eidgenössischen Luftamt, Hauptmann Höger, technischer Experte des Aero-Klubs, und als Zeugen die Herren Köhl, Generalsekretär des Aero-Klubs, sowie die Herren Flieger Fahrmann und Steger. Über die Ursache des Unglücks gehen die Meinungen der Sachverständigen dahin, dass die Brille von Gerber in zu geringer Höhe und über den Köpfen der Zuschauer angesetzt wurde.
Von der Veranstaltung des Flugmeetings ist eine Drittmannsversicherung von 50`000 Franken für den Einzel- und von 300`000 Franken für den Katastrophenfall abgeschlossen worden. Für das von Gerber geführte Flugzeug besteht eine Drittmannsversicherung von 60`000 Franken.

Die unglücklichen Opfer, Toten und Verletzten,
deren Namen wir gestern abend in Extrabulletins bekannt gegeben haben, sind unten angeführt. Die Verletzten befinden sich, den Umständen angemessen, in ordentlichem Zustande; die Art ihrer Verletzungen ist angegeben, doch ist darauf hinzuweisen, dass unter Umständen noch innere Verletzungen erkennbar werden, dass ferner Komplikationen eintreten können, die eine sichere Aussage, eine genaue Übersicht über das Ausmass der schweren Katastrophe, die unsere ganze Stadt in Trauer versetzt, unmöglich macht. In den Strassen herrschte gestern abend eine ungeheure Aufregung; der Schmerz, das Entsetzen war allen ins Gesicht geschrieben. Vor dem Geschäftshause der „L.N.N.“ staute sich stundenlang die Menge zu Hunderten, um besonders die Zahl und die Namen der Betroffenen zu vernehmen.

Die Namen

Tote:
Staub Josef, von Menzingen (Zug), geb. den 22. April 1916, Gärtnerlehrling, Kriens, Feldmühle.
Krieger Hans, geb 1919, Knabe des Baumeister Krieger in Luzern.
Häberlin Hans, ca. 4 Jahre alt, wohnhaft in Obfelden (Aargau)

Verletzte:
Nachstehende befinden sich im Kantonsspital:
Schnyder Otto, Musiklehrer, Rhynauerstr. 20, Luzern (Unterschenkelbruch).
Gilli Eduard, wohnhaft in Geuensee (leicht verletzt).
Zürcher Karl, wohnhaft Gibraltarstr., Luzern (leicht verletzt).
Wey Josef, wohnhaft an der Baldeggerstr. 22, Hochdorf (leicht verletzt).
Pfäffli Alois, wohnhaft an der Schachenstrasse, Kriens (leicht verletzt).
Stadelmann Josef, geb. 1914, Lehrling, Reussthal 27 (Oberschenkelbrüche).
Buholzer Walter, geb. 1913, Lehrling, wohnhaft Seewen (Schwyz) (schwer verletzt).
Zbinden Walter, geb. 1913, Dekorateur, Kriens (Kopfverletzung).
Gerber Fritz, Pilot, Oberlt., Materialverwalter, Dübendorf (Schädelbasisfraktur).
Ferrari Franco, 23 Jahre alt, wohnhaft in Zürich (Beinbrüche).
Baumeister Karl, geb. 1910, Maler, Hergiswil a. See (leicht verletzt).
Schmid Willy, geb. 1910, Koch, Bruchstr. 6 (Kopfverletzung).
Schnyder Jean, geb. 1915 (leicht verletzt).
Raviera Karl (leicht verletzt).
Ritzi Ludwig, Luzern (leicht verletzt).

Sanatorium St. Anna:
Teichert Gustav, Libellenstrasse 17 (Schulterbruch).
Bollet Louis, Kriens (Schlüsselbeinbruch).
Zbinden Hans, Kriens (Beinbruch).
Bögli, Apothekersohn, zirka 14 Jahre alt, Bruchstrasse (Gehirnerschütterung).
Mathieu Moritz, Kriens (Rippenfraktur).

Verletzte in privater Wohnung (Grendelstrasse 8):
Herr und Frau Banz aus Wolhusen.
Bühlmann-Studer Klara in Escholzmatt.

Leichtverletzte und nach Hause verbracht:
Frey Friedrich, Kriens.
Lust Edwin, Rothen 73.
Eichenberger Hans, Lädelistrasse 4.
Aregger Martha, Horwerstrasse 18.
Roth Johann, Hochdorf.
Suter Anton, Dufourstrasse 20.
Bachmann Hans, Löwengraben 4b.
Krieger Josef, Baumeister, Sonnenbergstr. 1.

aus: Luzerner Neueste Nachrichten und Zentralschweizerisches Handelsblatt        Nr.229 2. Blatt, Montag, den 28. September 1931
Tages-Zeitung für die Kantone Luzern, Uris, Schwyz, Unterwalden und Zug

Justitia

Der Schnee sitzt der Justitia im Nacken, lastet schwer auf ihrer grazilen Gestalt, beugt sie und macht sie um Jahrhunderte älter; wie eine alte, gebückte Frau schaut sie zu Boden, auch wenn sie immer noch hoch oben auf der Brunnensäule balanciert. Ihre Waage ist durch den Schnee aus dem Gleichgewicht geraten; in der einen Schale hat sich mehr Schnee angesammelt und das Mehrgewicht drückt die Waage fast aus dem Gestell. Doch ihr Schwert fackelt immer noch gerade und steil in die Höhe und schneidet jede Schneeflocke elegant entzwei, die es wagt, ihr zu nah zu Boden zu fallen.

Die Absage

Für Ecila

Ein Mann sitzt in seinem Zimmer an einem Biedermeier Tischchen. Er hat ein weisses Blatt Papier im Postkartenformat vor sich und schreibt die Absage zu seinem 50sten Geburtstag. Er sei leider verhindert, genauer gesagt, noch nicht bereit, ihn zu feiern, deshalb werde er nicht ans Fest kommen. Er schaut durch das Fenster auf die Dächer der Stadt. Manchmal, wenn er derart sinnierend durchs Fenster schaut, nimmt ihn Ecila hoch: Du leckst an diesem kleinen Kaktus vor dir auf dem Tischchen und dann siehst du das Meer. Das Meer hat in diesem Augenblick genau ihre Augenfarbe, denkt er. Das Meer ist ihre Augen. Und das Weiss des wolkenüberzogenen Himmels über dem Meer ist das Weiss ihres hellen Körpers. Der Himmel ist ihr Körper. Und in den Augenblicken der Liebe löst er sich auf zu einem leeren Blatt Papier.

Eine kleine billige Porzellanvase mit blauen Verzierungen auf weissem Grund

He du, sagt jemand, irgendwie von links, von links schräg hinten, vage. Ich glaube, ich habe nichts gehört. Die Arbeit vor mir auf dem Tisch ist zweifellos bedeutend und vereinnahmt all meine Kräfte. He du, sagt dieser Jemand erneut, mit leicht und hübsch geformten Worten wie reizende Sommerwölkchen, so dass ich unwillkürlich mich ein kleinwenig mehr über meine Arbeit beuge; aber als wäre das gerade der genau passende Auslöser gewesen, auf den er nur gewartet habe, schleudert er mir jetzt eine Serie ganzer Sätze wie Boxhiebe in die linke Flanke, ob ich nicht gemerkt hätte, dass es das Leben gewesen sei, das vorhin auf den Boden gefallen sei und dort zerbrochen, dass es das Leben gewesen sei, mehrmals, direkt links in meine Niere mit einer Stimme, die mit der Monotonie eines chronisch tropfenden Wasserhahns in meiner Tiefe die Seele verstört. Aufgeschreckt hebe ich meinen Kopf und richte mich im Stuhl gross auf.
Dieser Elende, der glaubt, das Leben sei vorhin am Boden zerbrochen, sage ich und lächle überlegen. Wie er es mir wieder sagt, diesmal unverschämt vertraulich wie einem Freund ins Ohr, breche ich in unmässiges Lachen aus und schlage mir mit der platten Hand auf den Schenkel: Nein, so ein Unsinn, hat man das schon gehört! Sicher nicht das Leben, nur eine kleine billige Porzellanvase mit blauen Verzierungen auf weissem Grund.
Aber hartnäckig glaubt er mir nicht, und deshalb erkläre ich ihm nochmals, das letzte Mal und mit vor Wut bereits erstarkter Stimme, dass es eine billige Vase gewesen sei, die auf meinem Tisch gestanden wäre und durch irgendeine unkontrollierte, zufällige Bewegung meines linken Ellbogens höchstpersönlich zu Boden gefallen sei, wo sie natürlich auf den harten Fliesen sofort zerbrochen.
Aber plötzlich werde ich unsicher. Es kommt in mich wie eine dunkle schöne Krankheit kommt mit sanft tanzender, schlangenartiger Bewegung, erfasst mich, hebt mich vom Stuhl, legt sich auf meine Schultern und drückt mich tief in die Knie ganz in eine einzige Bewegung hinein, die sich in meinen Fingern zuspitzt, um die Scherben zusammenzukratzen.

Bild: Kreuzigung hinter Gittern Eitempera auf Packpapier, 1987

Ein Kieselsteinchen

Ein Mensch, der alles Überflüssige und Fehlerhafte, alles Unzulängliche und Allzumenschliche wegschälte, um das Göttliche freizulegen, das zweifellos in ihm ist, aber nur etwa so gross wie ein Kieselsteinchen, wurde ein Kieselsteinchen.

Im Dornbusch

Du steckst tief im Dornbusch. Frag Dich nicht, warum Du da hineingeraten bist! Unergründliche Frage, die nur eine der Dornen ist, die in Deinen Schläfen stecken. Die Dornen haben Dich unbeweglich genagelt. Nicht nur an ein paar belanglosen Stellen. Sie haben Dich regelrecht übersät. Als wärst Du bracher Acker und Sie, die Dornen, wären Samen, die der Bauer in seine Wunden streut.
Ärgerlich nur, dass Sie gerade die zwei Stellen nicht aufgespiesst haben, die Du Ihnen freiwillig angeboten hättest, und die Du Ihnen auch jetzt noch anbietest, in der Hoffnung, es hagle erneut. “Wenn schon,“ sagst Du und merkst grad, wie tief Du schon gefangen sein musst, dass Du bereit bist, mit Ihnen zu verhandeln: „Wenn schon, nehmt meine Augen!“ Denn diese rollen ihren Blick unerschöpflich ab durch die Lücken in den Zweigen und ertasten hoffnungsirr die Gegend auf Hilfe zur Befreiung.
Du hast Dich an einem Berghang verfangen. Du erinnerst Dich jetzt. Du warst auf einer Wanderung. Womöglich bist Du ausgerutscht. Und hinuntergeschlittert. Direkt in diesen Busch. Der Dich zwar vor tödlichem Absturz gerettet. Aber zum Preis, Dir den Körper zu verstechen. Und jetzt nagelt Er sich auch noch ran an Deine Seele. Jesus hat der Dornenkranz beim Eccehomo gewiss nicht ärger gestochen, als jetzt dieser Busch Dich dornenbestückt.
Es herrscht Tag, wüstenheisser, sonnenübersengter, lichtockriger Tag. Der wenige Schatten, gespendet von diesem schütteren Gestrüpp, täte Dir gewiss gut, würdest Du nur neben Ihm liegen und nicht mitten drin. Stattdessen schmerzüberfluten Dich die Dornen bei jeder unbeabsichtigten Bewegung, zu denen sich auch der Herzschlag gesellt.
Bist Du nicht mit einer Reisegruppe unterwegs gewesen? Warst Du nicht bis vor kurzem noch festes Mitglied einer Gruppe von Nahosttouristen. Die forsch die Gegend unter ihre Füssen und in ihre Kameras nahmen? Fragen über Fragen! Und nicht einmal ein Echo! Aber Fragen, die Dir entfallen und in der Hitze verstäuben wie vermodernde Äpfel. Ein Dorn muss Dir in der Erinnerung stecken. Nicht anders kannst Du es Dir erklären, dass nur Gedächtnisfetzen in Deinem Geist herumschwirren wie dürre, gebleichte, zersplitterte, harte Blätter. Blätter wie kleine Skelette, die unter Schritten knacken, könntest du nur gehen.
Aber Du bist im Dornbusch. Und versuchst, das beste aus Deiner Lage zu machen. Mit einem in den Himmel schweifenden Blick tastest Du die Ewigkeit ab. Dort versuchst Du Dich für die genagelte Enge zu entschädigen. Ein Himmel voll gnadenlosen Spottens! Erst Dein gekreuzigter Körper erkennt die Unendlichkeit seiner Freiheit. Wie könntest Du jetzt leben. Glücklich! Aus vollen Zügen! Mit offenem Herzen!
Da plötzlich ein Mensch. Von weitem nähert er sich. Ein Mitmensch. Ein Retter! Es könnte ein guter Hirte sein. Die Sonne drückt ihm im Rücken, schiebt ihn vorwärts, zu Dir. Seine Schafe bewölken schon die sonnenverbrannte Gegend und suchen sie ab nach den spärlichen Grasbüscheln. Mit gesenktem Blick läuft der Hirte geradewegs auf Dich zu.
„Hallo Fremder, die Richtung stimmt!“ rufst Du ihm leutselig zu. Da Dein Mund aber von Dornen zugeheftet ist, vergären Dir die Worte schon in der Mundhöhle, wie Wein zu Essig wird. Einwenig Lallen höchstens sprudelt zwischen den Lippen hervor: „He du, Fremder. Würdest du mir bitte helfen? Würdest du mich aus meiner elenden Lage befreien?“
Da hebt der Hirte, als hätte er eine Stimme säuseln gehört, den schweren Kopf und starrt in Dich oder durch Dich hindurch. Sein Hund beginnt Dich anzukläffen. Immerhin, der scheint Dich zu sehen. Er hüpft wild hin und her. Sein freies Hüpfen und lautes Bellen verhöhnen Deine hündische Lage. Hier steckst Du, geschützt vor den Zähnen des kläffenden Hirtenhundes, aber längst blutig verbissen von den stillen Zähnen des Dornenbuschs. Und selbst ein Hund, bedürftig nach einer starken Herrenhand, die Dich rettet.
Die Augen des Hirten weiten sich. Er starrt immer noch gebannt in Dich. Während Du mit Gedankenworten wild um Hilfe winkst wie mit einer verfetzten Friedensfahne: „Hirte, hörst du mich, bitte, hole mich da raus, ich wäre dir unendlich dankbar!“
Doch jetzt zieht dieser Dummkopf seine Sandalen aus, als gehorchte er einem unbekannten Befehl. Und stellt sich barfuss neben diese, obschon der Boden gewiss eine glühende Herdplatte ist. Er starrt Dich weiterhin unentwegt, ja entsetzt an.
„Bitte Fremder, hol mich hier raus, bitte!“, gurgelst Du. Die Dornen entkitzeln Dir ungeahnte Kräfte.
Endlich antwortet er: „Wer bin ich schon! Ein Mann wie ich kann doch nicht vor den Pharao treten und ein ganzes Volk befreien!"
Wie wirr er schwatzt! Die Hitze tut ihm definitiv nicht gut. Du musst ihm jetzt gut zureden, Mut zusprechen: „Doch doch, du musst kein Volk befreien, nur mich, nur meine Wenigkeit, das kannst du, ich trau's dir zu! Nur zu! Mach schon! Bitte! Das ist doch ein Kinderspiel!“
Jetzt ruft der Hirt: „Wer bist Du?“
Wer Du den seist? Ja, Du trägst einen Namen, das ist gewiss! Du trägst ihn schon dreiunddreissig Jahr, deine Mutter könnt's bezeugen, wäre sie nur da! Aber die Buchstaben Deines Namens sind von fünf Dornen unkenntlich gestochen. Was sollst Du ihm antworten? Es hängt jetzt alles nur von Deinem Namen ab! Nur Deinen Namen nennen! Und er wird Dich befreien!
Da ist Dir, als schlüge es Deine Zunge wie eine Welle im Mund herum, von einem ungeahnten Meer bewegt und fetzt Dir die Lippen auf und ein ICH BIN DER ICH BIN entstürzt Deinem Mund und die unumgängliche Reibung der Wortpaare entzünden Dich und legen den Dornbusch in rollende Flammen, wobei Du erkennst: Du bist der Dornbusch, niemand muss dich befreien, niemand muss dich herausholen, niemand muss dich retten, du bist der Dornbusch, du warst ihn schon immer, es gab nie einen Moment, wo du ihn nicht warst, du bist die Dornen, du bist die harten Blätter, du bist die starken Äste, du hast es einfach nicht gesehen, du warst blind und bist blind durch Leben geirrt, und jetzt endlich, erkennst du, du bist nicht nur die Dornen, du bist auch die Flammen, du bist das Feuer brennend in unverzehrbarer Flamme zeitlos.

In meiner Brust

In meiner Brust, welche Not! Jemand klopft, klopft hinter den Rippen, klopft als wären`s Planken, Planken eines Tors, klopft um Einlass, klopft sich tot, klopft, was soll`s, klopft ununterbrochen, klopft, und die Verzweiflung schleudert seine Fäuste, klopft rasend, Tag und Nacht, klopft so, als wär Klopfen das A und O, klopft dann ruhiger, von längeren Pausen durchsetzt, die er aber nur nutzt, die Kraft seiner Schläge zu verdoppeln, um in rascher Folge zu klopfen wie kurze Atemstösse Liebender. Unermüdlich klopft er, gibt keine Ruh, hämmert die Tür, klopft wohl schon seit dreissig Jahr, klopft, wie halt ich`s nur aus! Klopft, als wär er schon von Rippen zerspiesst, klopft sich die Fäuste wund, klopft sich den Schmerz taub!
Und nur manchmal, wenn meine Seele in den Dingen ertrinkt, hör ich ihn nicht, und Ruhe täuscht mich, flüstert Frieden. Dann aber, wenn ich abends schwer und träg dem Lärm des Tages wie einem abgestandnen Bad entsteigen will: Was war das? Ich horche:
Es klopft. Hör nur, wie er wieder klopft! Wie er sein Rufen niederklopft! Wie er seine Botschaft überklopft! Wie er den Frieden erschlägt! Wie seine Fäuste niederprasseln, getrieben von der Kraft der Wahrheit! Ja! Er klopft. Er klopft noch in meinen Träumen, fliehen nützt nichts, er sucht mich in Häusern auf, klopft das verrammte Tor, klopft die versperrte Tür, klopft die verriegelten Fensterläden, klopft, dass sie bersten wollen!
Soll ich ihn reinlassen? Vom Klopfen bedrängtes Gleichgewicht! Auf der Kippe zu diesem Entschluss lebe ich. Was, wenn ich ihm die Tür öffnete? Was würd er anrichten? Er, der schlägt, als bete er an der Himmelspforte? Welche Verzweiflung peitscht ihn? Welche Not jagt ihn? Kann ich ihm nachfühlen? Ist sie auch meine? Soll ich ihm öffnen? Ihn umarmen? Wer ist`s? Wer ist`s? Mörder oder verlorner Sohn?

 

Als kleines Kind hätte ich einmal meine Mutter gefragt, was in meiner Brust so klopft. Als sie mir erklärte, dass darin ein klopfendes Herz wäre, hätte ich vor Angst geweint.

Bild: Wie es im Menschen aussieht gezeichnet im Alter von ca. 8 Jahren

HUHN

Gewiss habe ich in meinem Leben schon mehr als hundert Mal das Wort Huhn geschrieben, meistens mit Bleistift oder Kugelschreiber; einige Male mit schwarzer Kohle an rauher Mauer oder mit weisser Kreide auf Strassenasphalt; ein paar Mal haben es meine Finger über Schreibmaschinentasten in das blanke Blatt getanzt; in letzter Zeit floss es auch schon so leicht wie ein hastig gestürztes Glas Bier in den unendlich durstenden Bildschirmraum der Computervirtualität; einmal - aber da bin ich mir nicht mehr so sicher - habe ich es am Strand von Ligurien von Hand in den Sand gestrichen und danach - und das kommt mir jetzt vor wie ein Traum - mit den Fingern in die spiegelnde Oberfläche des still mich wiegenden Meeres.
Von all diesen vielen Fällen darf ich mit einem gewissen Stolz behaupten, dass ich das Wort jeweils fehlerlos niederrang, mit grosser, selbstverständlicher, traumwandlerischer Sicherheit. Es ist ja auch ein simples Wort; ein Wort bar jeglicher vertrackter Orthografie.
Doch wie das Simple sich unversehens in Tücke verwandeln kann, demonstrierte sich heute, als wieder einmal die Zeit da war, mich ihm anzunehmen.
Kann durchaus sein, dass das Zundhölzchen des Unheils darin lag, dass ich zum ersten Mal beschloss, es durchgehend in Grossbuchstaben niederzuschrieben. Ich hatte mir wohl ausgedacht, damit seine Wirkungskraft zu verdoppeln, auf jeden Fall - ich schriebs hin, hielt inne, lüpfte den Kugelschreiber weg, um es eingehend zu mustern, leicht misstrauisch auch, denn ich wollte sicher gehen, dass mir trotz aller Sorgfalt, die ich beim Schreiben anzuwenden pflege, kein Fehler unterlaufen sei, und war auch begierig zu sehen, wie ihm diese ungewohnte Form der Grossbuchstaben stehe.
Aber zu meiner grossen Bestürzung schmetterte es meinen Blick unverzüglich zurück, indem es mich seinerseits so namenlos anguckte, dass es mir geradezu auf die Brust drückte und ich sogar einen Augenblick lang nach Luft ringen musste.
Ich erkannte das Wort nicht mehr, es war mir fremd geworden. Ich rief: „Was habe ich da in die Welt gesetzt!“ Doch das half auch nichts, seine Namenlosigkeit sass bereits so selbstverständlich in meinem Hirn wie eine Henne auf ihrem Ei. Ich konnte zwar noch die einzelnen Buchstaben entziffern, aber diese zu einem Wort zusammenfügen, das mir irgend einen Sinn gäbe, misslang.
Ich geriet in die grösste Verwirrnis. Und die absurde Vermutung begann mich zu bekriechen, dass das Wort gar noch nicht zu Ende sein könnte, dass das Ende nur im weissen Meer des Blattes ertrunken sei. Meine Augen taten verrückt, sie blieben an diesem verwunschenen Ende des Wortes stocken, scheuten und stürzten zurück zum Anfang und begannen, da das Wort quasi einen Anfang nimmt, aber kein Ende, begannen dort die Flucht erneut, flüchteten zum Ende, das sie für den Anfang hielten und so weiter, hin und her, unzählige Male, bis ich mich drehte im Schwindel, unmöglich über dieses Wort hinwegzukommen, weiterzuschreiben, auch wenn ich erst am Anfang meines Briefes bin, erst beim zweiten Wort, und meine Seele übervoll.
Nicht einmal zum ersten geschriebenen Wort zurück kann ich, sehe es zwar von weitem wie eine rote Boje in der Weite des unendlichen Ozeans - und hätte es doch als Sprungbrett benutzen können! - , sattdessen ertrank ich in den Fluten der Bedeutungslosigkeit.

So ist auch heute wieder nichts aus dem Brief an meine Exfreundin geworden.

 

Bild: Selbstportrait Ölkreide,  gezeichnet im Alter von 5 Jahren

Selbstmord eines Vogels

Ein Vogel beschloss. Ein Vogel beschloss; ein Vogel beschloss, Selbstmord zu begehen. Den geeigneten Ort hatte er schnell erflogen: die Nationalstrasse 1, dort, wo sie sich mehrere Kilometer lang so gerade über eine unbehauste Ebene zieht, dass sie in Kriegszeiten schleunigst in eine Flugpiste verwandelt werden kann. Die Pappeln, die an der einen Strassenseite entlang wie gereihte grüne Kerzen flackern, müssten dann allerdings gefällt werden, aber das kümmerte den Vogel wenig, er zog es vor, sich allein dem Gedanken hinzugeben, wie es ihm gelänge, seinen Entschluss in einen Plan umzusetzen und diesen Plan in die Tat; eine Tat übrigens, die ein wahrhaftes Kunstwerk abzugeben hätte, und, weil sie in der Vogelwelt einzigartig wäre, gar den stummen Himmel zum jubilieren bringen würde vor Entzücken.
Der Vogel hatte sofort erkannt, dass er sein Werk mittels denjenigen Bedingungen bauen musste, die ihm seit frühester Kindheit vertraut waren. Da er sich vor nicht allzu langer Zeit auf einer dieser Pappeln aus dem Ei gesprengt hatte und im Zwischenraum zur nächsten flügge gefallen war, verstand es sich von selbst, dass diese beiden Pappeln den Moment seines Todes wie zwei Wächter flankieren würden. Mit diesem Todestor als Ziel rollte er sich den ganzen Plan schon bald im Geiste aus wie einen kunstvoll gewobenen fliegenden Teppich: Mittels eines steckengeraden Anflugs autobahngleich auf die Autobahn zufliegen, den ausgewählten Pappelzwischenraum golden und die Autobahn in einem exakt dreiunddreissigkommadreidrei…gradigem Winkel schneiden, um dann im Zusammenstoss mit einem Auto sein Leben zu lassen, es gleichsam zu Ende krönend!
So einfach nun sein Plan klingen mochte - und alles Geniale, das wusste er, ist einfach , - dessen Umsetzung in die Wirklichkeit, sozusagen Flügelschlag um Flügelschlag, war kein Kinderspiel. Da mussten mannigfaltige Einflüsse erkannt und einberechnet werden, zum Beispiel die Winde, die je nach Richtung und Stärke verschieden in die Kräfte des Anflugs griffen und jeweils fein abgewogenen Ausgleich verlangten.
Bis er diesen Anflug mit nachtwandlerischer Sicherheit beherrschte, vollbrachte er unzählige, zähe, immer wieder misslingende Probeflüge, alle um zwei Meter höher gemessen, als der entscheidende, wollte er doch eine verfrühte Kollision mit einem zufälligen Auto vermeiden, schliesslich war er zwar ein kleiner, unbedeutender Vogel aber mit grossem Bewusstsein. Zu erwähnen sei auch, dass ihn dabei niemand unterstützte, zudem war es ihm kaum möglich, die ganze Zeit seinem Meisterwerk zu opfern, denn schon ein gewöhnliches Vogelleben, wie es die Vogelschaft um ihn betrieb, war naturgemäss sehr anstrengend, geschweige denn sein ungewöhnliches. Insbesondere im Winter reichten die nur kurz aufflackernden Tage kaum aus, soviel Nahrung zusammenzupicken, dass wenigstens das Überleben garantiert blieb, wobei an sein Werk nicht einmal zu denken war; verständlich, dass er bald missmutig wurde und den Frühling mit Erleichterung empfing und sich mit viel Freude und Dankbarkeit in die knospende Ebene und anschwellenden Tage schmetterte, die ihm endlich wieder die Zeit zur Verfügung stellten, seine Übungsflüge aufzunehmen und an seinem Werk weiter zu bauen.
Doch dann wurde er von etwas Unvorhergesehenem überrascht, von einer Unannehmlichkeit, die dem Frühling auf den Fersen gefolgt war, die ihm aber wahrscheinlich schon im Ei mit festem Dreh in den Körper geschraubt worden ist - sogar der Eifriede ist eine Täuschung! -, denn nicht anders konnte er sich erklären, dass er trotz heftigstem Widerstand all seiner körperlichen und geistigen Kräfte doch das Weibchen bestieg, das ihm der Zufall an den Leib gedrückt hatte und das ihm - überflüssig zu erwähnen - höchst zuwider war. Doch nicht genug, auch beim Nestbau musste er Schnabel anlegen und beim Brüten und Füttern der Jungen seine wertvolle Zeit zur Verfügung stellen. Und all das verdankte er dem, wie alle seine Mitvögel rundum sangen "Frohen Frühling"; er aber weigerte sich mitzusingen, der sogezwitscherte "Frohe Frühling" machte ihn alles andere als froh, machte ihn förmlich lodern vor Empörung; es nützte nichts, die verzweifelte Anstrengung, womit er sich gegen dieses tief in ihm eingerostete Gesetz stemmte, liess ihn abmagern und malte ihm grosse Schattenringe um die Augen.
Einzig und allein dank seinem eisernen Willen hielt er diese geprüfte Zeit durch, und tatsächlich, eines glücklichen Tages hatten ihn die Jungen verlassen und am nächsten Tag war - oh Wunder! - auch das Weibchen verschwunden. Er konnte sich wieder ganz seinem Werk widmen, und unterstützt von einem schönen Herbst und einem milden Winter raste sein Meisterwerk der Vollendung förmlich entgegen.
Als letzter Schritt ging es darum, die Autos, die tagaus, tagein die Nationalstrasse 1 durchjagen, auseinanderzuhalten, was dem Vogel dadurch gelang, dass er sich die einzelnen Automarken an den Emblenen einprägte, die jeweils bei den jagenden Fahrten über die Autobahn in der Sonne aufblitzten. Nicht lange und er kannte die meisten Marken und konnte die edleren, teureren von den gewöhnlichen, billigen unterscheiden. Er achtete darauf, ein Auto seltener, nobler Marke ausfindig zu machen, das fünf Tage in der Woche ungefähr zur gleichen Zeit die Autobahn duchfahre und zudem ein teures wäre und eines, das die Höchstgeschwindigkeit chronisch missachtete, denn auch der Vogel fühlte sich zuinnerst als grosser Rebell.
Danach benötigte sein Werk nurmehr etwas Kosmetik. Und als die Tage sich wieder zu türmen begannen und die Sonne von Tag zu Tag höher und höher in den Himmel rutschte, als also ein neuer Frühling dem Vogel an den Leib zu rücken drohte, der sich vor einer neuen Verwirklichung dessen, was er als entsetzliche Erfahrung schon in sich trug, förmlich schüttelte, kam auch der Tag, an dem er die übervogelsche Kraft fand, seinen Plan mit der Tat zu tauschen.
Als wären es goldige Meissel schlugen ihm die ersten Sonnenstrahlen am letzten Morgen seines Lebens die Augen auf; das Wetter war ideal; die Luft federleicht; ein sanfter Rückenwind versprach liebevolle Unterstützung; ausgiebig wurde ein letztes Mal gefrühstückt, auch wenn die Würmer schal und sinnlos schmeckten; wie gewohnt der Schnabel gesäubert und an einem Stein gewetzt; dann plusterte er sich auf; schniegelte mit dem Schnabel das Federkleid zurecht, die Federn dabei sorgfältig an den Körper glättend; bewegte alle Muskeln einzeln durch; wippte den Bürzel; spannte die Flügel horizontgleich aus und stiess seinen Körper - ein letztes Mal! - mit einem gewaltigen Herzschlag von der Erde ab, sich in die freie Luft schwingend, wo er im Rüttelflug das auserkorene Auto abwartete, bis es in sein Blickfeld geriet, und in ihm das lang eingeübte Gespür schrie: Jetzt! Da schnellte er los, liess alle Erinnerung, liess alle Zukunft, alle Instinkte und Schmerzen zurück, schnitt klar wie ein Messer durch die Ebene, durchschnitt den Pappelzwischenraum golden und traf das auserkorene Auto im wahren Winkel und an der gewünschten Stelle, dort nämlich, wo das rechte Vorderrad unter dem Kotflügel in ewiger Drehung schwingt und ihn augenblicklich verschlang. Ja, er war schon immer ein Erfolgstyp gewesen und auch diesmal gelang es ihm auf den ersten Schlag und so sanft, dass der Fahrer - den er nicht kannte und deshalb nicht hatte auswählen können - trotz der grossen Aufmerksamkeit, die die schnelle Fahrt abverlangte, kein Rütteln verspürte und nicht das leiseste Geräusch von Zerquetschendem, kurz, der Vogel hat sage und schreibe das Kunstwerk zustande gebracht, sich das Leben zu nehmen ohne den Fahrer in seiner Weise als Mensch in geringster Weise zu stören oder gar zu manipulieren, denn auch unter den Kotflügel, wo er jetzt dank seinem Blute klebt, schaut bei diesem noblen Wagen niemand.
"Dort ruht er perfekt," murmelt der Fahrer zu sich selbst, "an meinem Wagen gleiten immer vier Särge mit, vier mit Kot und Dreck ausgebettete Särge, immer bereit und offen für Fälle wie diese, für in ihre Instinkte verflogene Vögel und anderes Geschmeiss."
Und es hat ihn nur eine kaum merkliche Korrektur des Steuerrads gefordert, um den an und für sich schon lächerlichen Zusammenstoss vollends in die Vergessenheit zu befördern, den Wagen in der schnurgeraden Bahn zu festigen und weiterzugleiten unter dem strahlenden, lachenden Himmel wie ein rein gesungener, glasklarer Ton.

 

Bild: Ohne Titel Ölkreide auf Papier, 2004

Die Zunge

Meine Mutter hielt mich an der Hand, als wir die Metzgerei betraten. Ich war vielleicht fünf, sechs Jahre alt, erinnere mich aber genau: noch bevor hinter uns die Glastür mit zähem Schwung wieder ins Schloss ging, erfasste mich das Gefühl, dass mir in diesem Laden jemand die Zunge rausstreckt.
Wie ich das hasste! Es kam im Kindergarten, den ich damals noch gar nicht so lange besuchte, manchmal vor, dass ein Kind einem anderen Kind die Zunge zeigte. Geschah das bei mir, das heisst, richtete ein Kindergärtler seine Zunge auf mich, wurde ich sehr zornig; auch wenn es nur spielerisch und neckisch gemeint war, ich konnte es nicht anders auffassen, als eine üppige Beleidigung.
Diesmal aber überfiel mich hier in der Metzgerei unseres Dorfes dieses ohnmächtige Gefühl, Ziel einer fremden Zunge zu sein. Doch der Metzgermeister war es nicht, der stand mit rundlichem, angerötetem Gesicht hinter seiner Auslage und fragte meine Mutter höflich nach ihrem Wunsch. Höchst irritiert durch dieses klebrige Gefühl einer auf mich gerichteten Zunge, schaute ich mich im Raum um. Ich konnte aber ausser uns dreien niemanden ausmachen, der als Täter in Frage kam. Die Auslage an Fleisch in der Kühltheke war beträchtlich, satt aneinander, zum Teil auch übereinander lagen allerhand rotes Fleisch, Wurst- und Aufschnittwaren. Da entdeckte ich die Zunge!
Sie präsentierte sich blassrosa auf einem weissen Teller, gewölbt wie eine Schuheinlage und direkt auf mich gerichtet, allerdings frei von jeglichem Körper. Meine erste Reaktion war, ihr meinerseits die Zunge zu zeigen; meine Zungenspitze war auch bereits über den Lippen, als mir bewusst wurde, dass kein Besitzer dieser Zunge vorhanden ist und demzufolge meine sinnlos ins Leere schösse. So zog ich die voreilig aktivierte Zunge wieder ein und stand verwirrt mit noch halboffenem Mund genau im Zielbereich dieser fremden, herrenlosen Zunge, die unerschütterlich mich meinte, daran lag kein Zweifel, mich schamlos anvisierte, übrigens ohne dem winzigsten Zucken zu verfallen und auch ohne den leisesten Mucks von einem "Ähh", das gewöhnlich ein Zungenzeigen zu begleiten pflegte.
Welch tiefe Verachtung springt mir da unaufhörlich ins Gesicht! Das war zuviel! Wie konnte mir jemand (wer?) für ewig die Zunge zeigen? Aber anstelle einer Antwort auf meine bedrängende Frage, narrte mich diese Zunge weiterhin, indem sie stumm und geschützt durch das trennende Glas der Kühltheke auf dem weissen Teller verharrte, und zwar derart ausdauernd, dass es ihr gelang, mir Tränen der Ohnmacht zu entlecken, der Wut auch, ich begann zu plärren, und meine Augen, um dem weitgeöffneten Mund Platz zu machen, verknifften sich.
Sowohl Mutter als auch Metzger erschraken. Mutter bückte sich sofort zu mir hinunter und fragte mich besorgt, was los sei. Ich deutete mit dem Finger auf die Zunge; meine Mutter konnte jedoch nicht verstehen, was mich an dieser völlig normalen Fleischauslage zum Weinen brächte. Inzwischen hatte der Metzgermeister die obligate Scheibe Wurst abgeschnitten, die mir eigentlich erst nach erfolgreichem Verkauf zustände; er streckte sie mir hin, in der Hoffnung, mich zu besänftigen, denn mein Weinen und Schreien war in beunruhigender Weise angeschwollen und drohte auch draussen vernehmbar zu werden und Kunden abzuhalten. Meine Mutter, die die heikle Lage erkannte, fragte mich nochmals, was mir denn fehle, ich deutete wieder auf das besagte Objekt, worauf sie zwar die Zunge erkannte, wohl aber annahm, ich wünschte mir diese gekauft.
Sie versicherte sich beim Metzgermeister, ob diese Zunge vom Kalb sei, der Metzger nickte, Mutter schien zufrieden und sagte, sie nehme diese, worauf der Metzger die Zunge mit einer fetten Bewegung seiner dicklichen Hand vom Teller schnappte, sie wog, in Wachspapier einpackte, das er in eine Papiertüte steckte und meiner Mutter übergab.
Das Kalb! Mein Weinen versiegte, einerseits beruhigt durch den Umstand, dass ich nun wusste, wer mir die Zunge gezeigt hatte, andererseits weil die Zunge in der Papiertüte verschwunden war und mich erst mal in Ruhe liess.
Abends wurde dann das Problem vollständig aus der Welt geschafft, indem meine Mutter, eine vortreffliche Köchin,  die Kalbszunge an Kapernsauce so köstlich anrichtete, dass ich sie genüsslich verkaute und mit unendlicher, nur einem Kind fähiger Genugtuung verschluckte.

Anleitung zum Welpenbad

Man nehme mindesten fünf Welpen, noch besser sind sieben. Es ist von Vorteil, wenn die Welpen von mittelgrossen bis grossen Rassen stammen. Auch dürfen es keinesfalls solche sein, die von unverantwortlichen Vermehrern in die Welt verstreut werden. Je mehr Liebe, Sorgfalt und Fürsorglichkeit in die Begleitung der Hündin zur Zeit der Trächtigkeit, der Geburt und in der vegetativen Phase geflossen sind, desto wirkungsvoller das Bad.
In der frühen neonatalen Phase, d.h. solange die Welpen die Augen geschlossen haben und die Ohren auch, ist die Voraussetzung für ein wirksames Welpenbad noch nicht gegeben. Der beste Zeitpunkt ist die Übergangsphase, wenn ihre Augen langsam wie Blüten aufgehen. Da die Welpen dann immer noch viel schlafen, die Mutterhündin aber die Wurfkiste bereits für längere Dauer verlässt, findet man in dieser Zeit ideale Voraussetzungen vor. Es empfiehlt sich, das Bad am Morgen zu nehmen, wenn der Geist durch den Schlaf und die Träume gereinigt, noch eine gewisse Offenheit dem Leben gegenüber einzunehmen vermag. Menschen, die den Morgen gerne mit einer Dusche beginnen, sollten sich das Welpenbad vor der Dusche genehmigen. Falls gerade ein heller Sommermorgen ist, wäre es gut, den Raum noch abgedunkelt zu lassen, denn alles Grelle übt einen störende Wirkung aus und alles Zwielichtige, Dämmrige, Verschummerte und Schlummernde wirkt unterstützend.
Ganz leise schleiche man sich in das Welpenzimmer zur Wurfkiste. Ein stark gebückter Gang oder besser ein Gang auf allen Vieren, hilft beim Eintritt ins Bad ungemein. Die Öffnung der Wurfkiste, falls sie so gestaltet ist, dass sie sich leichterhand öffnen lässt, kann mit etwas Geschick beim Hinzuschleichen aufgeschoben werden. Danach stecke man langsam den Kopf mit erhobenem Blick in die Wurfkiste. Man koste den leicht milchigsüssen, mit der rauchigen Herbheit der Ausscheidungen vermischten Welpenduft ausgiebig mit der Nase. Dieser Duft hat über den olfaktorischen Sinneskanal eine stark massierende und deshalb tief und nachhaltig entspannende Wirkung auf das Grosshirn, das bekanntlich bei den meisten Menschenartigen mehr oder weniger neurotisch verkrampft in der Hirnschale hockt. Deshalb ist es auch wichtig, sich zu bemühen, diesen Duft das ganze Bad über im Bewusstsein zu halten. Danach kann man beginnen, mit den Händen vorsichtig zwischen den sanften, warmen und flauschigen Körperwesen hindurch Stellen am Boden zu ertasten, an denen die Handballen wie Säulenwurzeln eine feste Stütze für die eigene Körperschwere finden; das hilft den Oberkörper nochmals so zu neigen, dass man in eine kleine Verbeugung gelangt. Diese Verbeugung ist zwar bescheiden in der äusseren Bewegung, aber bodenlos tief in der inneren Haltung. Statt nun aber die Erde zu küssen, beginne man diese rauchigen, felligen, feinen Körper liebevoll mit den Lippen zu berühren, bis die Nase, der Mund, die Augen, die Ohren, das ganze Gesicht gänzlich in diesem allmählich erwachenden Gewusel baden, das durch das Welpenmeer geht und eine Art Wellengang des Lebens aufrührt.
Dann tauchen sie auf, die Boten der Götter und des Lebens, und beginnen dich zu begrüssen, zu empfangen, zu küssen, reiben ihre süssen, kleinen Körper streichelnd über dein Gesicht, knabbern an deinen Ohrläppchen, trinken deine Tränen des Glücks, ihre winzigen Krallen kratzen dir wahre Risse ins Herz, und der immer kräftiger aufklingende Welpengesang bricht es schliesslich auf wie einen saftigen Apfel. Du kannst nicht mehr aufhören mit Baden und Trinken, das Leben schwemmt wie ein über die Ufer tretender Fluss in dich, und du bist ob all deinem Entzücken in fast schierer Verzweiflung bemüht, ihm einigermassen das Bett zu halten.
Deshalb muss hier auch warnend auf den grossen Suchtdruck hingewiesen werden, den solche Welpenbäder auf den Menschen ausüben können. Das kommt daher, dass es ein gewisses Mass an gewachsenem Bewusstsein erfordert, um diese nackte Naturgewalt von Leben, die einem mit voller Wucht entgegenprallt, auch nur einigermassen auszuhalten. Falls nun bei einem Menschen wegen grob unerledigten Geschichten und Geschäften zuwenig Bewusstseinsstärke vorhanden ist, dann können diese heraussprudelnden Emotionen der Lebendigkeit und Liebe nicht wirklich erlebt werden; eine heftige Sehnsucht entsteht, die sich sirenenhaft wiederholend zu einer starken Sucht ausfressen kann.
Zuletzt sei noch darauf hingewiesen, dass die unglaublich verjüngende Wirkung der Welpenbäder, die einem wahren Jungbrunnen in nichts nachsteht, nach einer gewissen Zeit verfällt. Gerade weil sie dermassen beglückend sind, kann es aber durchaus sein, dass man den rechten Zeitpunkt aufzuhören, verpasst, und dann - von den mit kräftigen Zähnen und Krallen bewaffneten Junghunden regelrecht traktiert - sehr alt aussieht.