Das grosse Warten

Jetzt sind wir am Warten. Wir haben alles sorgfältig vorbereitet, alles ist eingerichtet, so gut, wie wir es in unserer neugierigen Unerfahrenheit uns vorstellen können.
Ich liege - an der Wand angelehnt und mit einem grossen türkisen Kissen gepolstert - auf dem Doppelbett, das wir am Ostersonntag ins zweite Zimmer rüberverschoben haben.
Meine Freundin haushaltet, das heisst sie hängt grad die frisch gewaschenen Kleidungsstücke über den kleinen Wäscheständer. Zur umsichtigen Vorbereitung gehörte auch, dass wir die Waschkarte auf einen satten dreistelligen Betrag aufladen liessen, denn in den nächsten Tagen soll die Waschmaschine im Keller, die von der ganzen Hausgemeinschaft der vier Stockwerkwohnungen benutzt wird, hauptsächlich für uns hart und fleissig arbeiten.
Derart sorgfältig vorbereitet zu warten hat was Schönes, so ganz ähnlich wie das Wetter draussen: es wandert, von einer kalten Brise noch etwas gebremst, unweigerlich einem schönen blauen Frühling entgegen.
Das Warten hat mir endlich den inneren Raum freigegeben, mit diesem ersten Blogeintrag zu beginnen. Die Domain konnte ich mit Hilfe eines guten alten Freundes, der sich damit auskennt, schon Ende März eröffnen; und vor drei Tagen gelang es mir trotz einigen technischen Widrigkeiten, das erste Foto raufzuladen.
Es zeigt Kaya und Mika, unsere beiden Siberian Husky-Mischlinge, wie sie durch den frischen Schnee spuren.
Ich liebe dieses Bild, da mir darin unsere beiden Hunde vorführen wie auch wir Menschen durch das Leben gehen könnten. Wir könnten nämlich auch achtsam bebenden Schrittes durch das leere Blatt des Nichtwissens wandern, durch das gedanklich unfassbare Mysterium, das wir Leben nennen, so als gäbe es nur den nächsten Schritt doch noch keinen Weg.
Das weisse leere Papier ist eine Metapher, die mich seit Jahren begleitet; und in den letzten Jahren hat sich diese schöne Metapher in meiner Psyche fast schon eingefleischt.
Aus jedem offen und direkt erlebten Augenblick folgt unweigerlich ein nächster kleiner Schritt, ein nächster leichter Atemzug, ein nächster zuckender Gedanke, eine nächste huschende Empfindung, ein nächster überraschender Impuls, eine Handlung, Entdeckung, Erkenntnis, Einsicht.
Diese unschätzbare Würde, die im Erleben des ursprünglichen Augenblicks zu finden ist, erkenne ich zunehmend leidenschaftlicher, natürlicher und gelassener, je älter ich werde. Vielleicht heisst das Weisheit, die mit den Falten im Gesicht nun langsam auch in die Psyche einzieht. Diese Einsicht zieht mich dann jedesmal zurück, zurück aus dem neureichen Land meiner Vorstellungen, vollgestopft mit all den angesammelten Erwartungen, dem kontrollierenden Planen und Sorgen, dieser grandiosen Welt mit den exzellenten Zielen in meinem Kopf, in die mich die Angst vor dem Schmerz des direkten Erleben immer neu verführt und verirrt.
Die Hunde erinnern mich daran, diesem Schritt in den Augenblick zu vertrauen in einem Leben, das trotz allem zutiefst ein Nichts, eine Leere, ein Nichtwissen, ein Wunder und Mysterium bleibt, unberechenbar höllisch und unbegreiflich paradiesisch zugleich.
Im Grunde genommen ist diese Welt der Gedanken und Vorstellungen - ich nenne sie die vierte Welt - etwas ganz Grandioses und Geniales, etwas das uns Menschen über Jahrtausende wohl hauptsächlich durch eine ausgeprägte Grosshirntwicklung erschaffen wurde und auf die wir mit Recht sehr stolz sein dürfen. Ich werde diese vierte Welt weiterhin sehr wertschätzen. Doch gerade weil sie so hochentwickelt ist, wirkt sie auch so verführerisch ausgrenzend. Sie kann uns derart elegant einnehmen, dass wir vergessen, dass gleichzeitig andere Welten da sind, direkter wahrnehmbare, näherliegende, offensichtlichere wie zum Beispiel die leisen Schritte meiner Hunde durch den frischen Schnee, die ich jetzt zu höre wähne, wenn ich das Bild betrachte.
Und dieses Lauschen erinnert mich wieder daran, dass meine Freundin und ich grad in einem weiten Warten sind auf das baldige Ereignis, auf das wir uns so umsichtig vorbereitet haben und das mich veranlasst hat, mit diesem Blog zu starten. Und dieses Erinnern wiederum öffnet mir den Blick auf das Schnee-Feld, auf den Hintergrund, auf das weisse Papier hinter den Buchstaben und Wörtern, auf die nackte Leinwand hinter den Filmfiguren. Und ich realisiere erneut, wie aus diesem leeren Hintergrund heraus die Lehrrede der Hunde spricht...

8.4.15