Der Poltergeist

Vor einigen Jahren, als ich in der Schweiz arbeitete, war ich darüber erstaunt, wie Integration ein parapsychologisches Problem löste. Eine Familie brachte ihre zwölf Jahre alte Tochter zu mir, weil sie regelmäßig von einem Poltergeist Besuch erhielt, der gegen das Wohnzimmerfenster polterte, sobald sich die Familie zum Abendessen an den Tisch setzte. Die Familie bat mich um Hilfe. Alle bestätigten, welchen Lärm der Poltergeist machte. Sie hatten Angst vor dem Gespenst und sagten, es poltere nur gegen das Fenster, wenn die Zwölfjährige anwesend sei.

Ich bat das Mädchen, das bis zu dem Moment sehr still gewesen war, ein Spiel mit mir zu spielen. Ich schlug ihr vor, Krach zu machen und auf den Boden meiner Praxis zu hämmern. Zunächst war sie schüchtern, aber nachdem sie ein wenig Krach gemacht und sich in meiner Praxis vergnügt hatte, sagte sie, das würde sie nun auch zuhause versuchen. Ich bat sie, auf den Tisch zu Hause zu hämmern und sich dabei laut zu äußern, insbesondere dann, wenn der Poltergeist in der Nähe sei.

Das Mädchen folgte meinen Vorschlägen und „integrierte“ den Poltergeist. Sie reflektierte sein Verhalten nicht nur in meiner Praxis, sondern auch zuhause. Zum Erstaunen ihrer Familie wurde sie beim Abendessen ziemlich rüpelhaft, anstatt das stille Kind zu bleiben, das sie bis dahin gewesen war. Die ansonsten ruhige Familie war jedoch von dem lärmenden Mädchen begeistert, da der Poltergeist verschwand, sobald sie beim Abendessen auf den Tisch hämmerte. Er kehrte nie wieder zurück.

Was war geschehen? Man könnte sagen, dass der Poltergeist einer Wellenfunktion ähnlich ist, das heißt, er ist teilweise real - alle haben ihn gehört - und teilweise imaginär, da er nicht fotografiert werden konnte. Er war für jene Familie wie eine komplexe Zahl, eine der Nicht-Konsensusrealität angehörige Realität. Einer Wellenfunktion ähnlich kollabierte der Poltergeist, als er von dem auf den Familientisch hämmernden Mädchen reflektiert wurde.

Von einem Standpunkt aus betrachtet, könnte man sagen, dass das Mädchen den Poltergeist integrierte, indem es ihm einen bestimmten und dauerhaften Ort in ihrem eigenen Verhalten gab. Davor war sein Ort, sein Zuhause, unbekannt. Bevor die Zwölfjährige das Poltern übernahm, sagte die Familie, befand er sich irgendwo in der Atmosphäre ihres Hauses.

Von einem anderen Standpunkt aus betrachtet, träumte das Mädchen den Poltergeist auf. In gewisser Hinsicht provozierte sie die Natur, indem sie so ruhig war. Oder vielleicht hatte sie mit ihm geflirtet, ohne irgendjemandem davon zu erzählen. Eine weitere Erklärung lautet, dass der Poltergeist, wie die Wellenfunktion, ein Aspekt ihres Träumens war, ein Teil ihrer gesamten Umgebung in Mitteleuropa und selbstverständlich auch Teil meiner Psychologie.

Alle diese Erklärungen sind theoretisch äquivalent, da wir nicht überprüfen können, welche die einzig richtige ist. Das Mädchen würde sagen, dass ein Teil von ihr auf den Poltergeist projiziert wurde, ein lärmender Teil, den sie sich im Alltag nicht auszuleben getraute.

Man könnte aber ebenso gut argumentieren, dass der Poltergeist überhaupt nicht zu dem Mädchen gehörte, sondern zu ihrer gesamten Familie. Sie war einfach die „identifizierte Patientin“ der Familie, die als Einheit ein Problem damit hatte, laut zu sein. Andere Schulen der Psychologie oder der Parapsychologie werden andere Theorien darüber haben, was geschah. Manche werden sagen, dass sie ihre Sexualität unterdrückt habe oder dass ein Archetyp konstelliert gewesen sei oder dass ein außerirdisches Wesen von einem anderen Planeten angekommen oder ein lange verstorbener Geist ins Leben zurückgekehrt sei.

Alle diese Interpretationen sind den Interpretationen von virtuellen Teilchen in der Physik ähnlich. Abhängig vom Bewusstseinszustand der beteiligten Menschen können alle diese Interpretationen nützlich sein. Was das Ereignis des Poltergeistes selbst betrifft, sind alle Interpretationen äquivalent und nicht voneinander zu unterscheiden. Man könnte sagen, dass das Ereignis des Poltergeistes viele verschiedene Seiten hatte und dass die Sicht einer jeden Seite vom Standpunkt der Konsensusrealität aus äquivalent ist, da jede zum schließlichen Kollaps der Wellenfunktion führt, zum Verschwinden des Poltergeistes oder zu dessen Integration. Jede Sichtweise ist wertvoll und jede ist vom finalen Standpunkt aus betrachtet äquivalent.

Antworten auf Fragen wie diejenigen, wie oder warum das Poltern gegen das Fenster ohne Wind und bekannte Ursachen erfolgen konnte und warum es aufhörte, nachdem das Mädchen es selbst übernahm, können nicht überprüft werden. Da die Konsensusrealität keine Mittel besitzt, die der Nicht-Konsensusrealität angehörige Erfahrung zu messen, kann ein Beobachter in der Konsensusrealität dies Glück nennen, obgleich eine Schamanin oder Therapeutin davon sprechen könnte, spirituelle Kräfte angezapft zu haben.

Hier sehen wir den Unterschied und die Ähnlichkeit zwischen Integration und Beobachtung. Die beiden Konzepte sind insofern ähnlich, als sie eine Tendenz in einen psychologischen oder physikalischen Fakt kollabieren lassen. Aber dennoch sind sie auch verschieden. Im Falle der Integration greift der Beobachter der Nicht-Konsensusrealität angehörige Tendenzen auf und wird dazu. Alle traumähnlichen Ereignisse werden potentiell bedeutungsvoll. Im Falle der Physik besitzen der Nicht-Konsensusrealität angehörige Ereignisse keine Bedeutung, da Bedeutung eine der Konsensusrealität angehörige Eigenschaft ist und Beobachter nicht versuchen, einen psychologischen Nutzen aus dem zu ziehen, was sie sehen. Stattdessen marginalisieren sie die Gefühle und persönlichen Erfahrungen, die mit ihren Beobachtungen einhergehen.

Beim Kollaps der Wellenfunktion und bei der Integration von flirtendem, traumähnlichem Material sehen wir, wie Psychologie und Physik schließlich zu einer einheitlichen Wissenschaft werden können. Pauli (Physiker und Nobelpreisträger zur Zeit C.G.Jungs) hoffte auf eine solche Vereinigung und sagte: „Es wäre am befriedigendsten, wenn Physik und Psyche (Materie und Geist) als komplementäre Aspekte derselben Realität angesehen würden.“ In der Tat liefert uns unsere Diskussion jener Mathematik, welche die Realitäten der Nicht-Konsensusrealität beschreibt, einen Hinweis darauf, wie die miteinander geteilte Realität sein muss. Der gemeinsame Boden von Physik und Psychologie ist die präverbale, der Nicht-Konsensusrealität angehörige Realität des Träumens, die in der Mathematik der Physik in Form von komplexen Zahlen und in der Psychologie in Form von traumähnlichen und mythischen Figuren zum Ausdruck kommt. Um Paulis Worte zu gebrauchen, „Physik und Psyche“ sind „komplementäre Aspekte derselben Realität“.

Was in der Konsensusrealität Psyche oder Materie zu sein scheint, ist in der Nicht-Konsensusrealität nicht voneinander zu unterscheiden. Ob Ereignisse materiell oder psychologisch, Sie oder ich, Objekt und Beobachter, persönlich, kollektiv, bedeutungsvoll oder bedeutungslos sind, ist eine Sache der Perspektive.

Während auf die Konsensusrealität bezogene Beobachter der offenkundigen Nichtlokalität und dem symmetrischen Verhalten der Nicht-Konsensusrealität gegenüber entweder ehrfürchtig oder misstrauisch bleiben, wissen sowohl der traditionelle schamanistische Krieger als auch der moderne Schamane auf dem Weg zur Selbsterkenntnis, dass der Zweck der Existenz darin besteht, über die Realität des Alltagslebens hinauszugelangen, indem man in der Welt des Träumens lebt und sich durch sie hindurchbewegt.

Das Mädchen in der Geschichte vom Poltergeist demonstriert den grundlegenden Unterschied zwischen Physik und Schamanismus. In der Physik ebenso wie im Alltagsleben verharren Beobachter in der Konsensusrealität und blicken durch die Brille der Konsensusrealität auf die träumende Welt, in unserem Fall den Poltergeist. Im Schamanismus hält der Krieger „auf dem Weg der Selbsterkenntnis“ „die Welt an“, das heißt, er tritt aus der Konsensusrealität heraus, um das Träumen zu untersuchen.

Obgleich das Heraustreten aus der Zeit eine Spekulation in der heutigen Physik darstellt, wird die Wissenschaft von morgen anders sein. Das Träumen wird als der Hintergrundprozess des Universums betrachtet werden, als ein alter schamanistischer Weg. In der neu entstehenden Weltsicht wird die moderne Schamanin fähig sein, sich über die sie lähmende Identifikation durch die Konsensusrealität hinauszubewegen. Soweit es Beobachter in der Konsensusrealität betrifft, wird sie zu einem unvorhersehbaren Geist, einem rätselhaften fühlenden Wesen, einem Teil eines symmetrischen Universums, in dem Raum und Zeit und die Konsensusrealität nicht so wichtig sind, wie die unmittelbare, direkte Erfahrung.

Die moderne Schamanin tritt in das Träumen ein, begegnet Poltergeistern und was auch immer sich ihr vorstellt, wechselt die Form und wird dazu. Mit der Zeit transformiert sich ihre Identität als ein gewöhnlicher Mensch, während sie erkennt, dass sie Bewusstsein ist, eine nichtlokale Wesenheit, die Beobachter in der Konsensusrealität nicht länger verstehen können. Während sie sich von den Konzepten der Lokalität und der Zeit befreit, binden sie die der Konsensusrealität angehörigen Sichtweisen dessen, was es heißt, ein Mensch zu sein, nicht länger. Für sie sind die Mathematik und die Symmetrieprinzipien der Physik nur noch eine blasse Beschreibung der Erfahrung ihres gesamten Selbst. Für sie scheinen psychologische Erklärungen im Vergleich mit der farbenfrohen Erfahrung des Träumens blass zu sein.

Arnold Mindell Quantum Mind