Die Zunge

Die Zunge

Meine Mutter hielt mich an der Hand, als wir die Metzgerei betraten. Ich war vielleicht fünf, sechs Jahre alt, erinnere mich aber genau: noch bevor hinter uns die Glastür mit zähem Schwung wieder ins Schloss ging, erfasste mich das Gefühl, dass mir in diesem Laden jemand die Zunge rausstreckt.
Wie ich das hasste! Es kam im Kindergarten, den ich damals noch gar nicht so lange besuchte, manchmal vor, dass ein Kind einem anderen Kind die Zunge zeigte. Geschah das bei mir, das heisst, richtete ein Kindergärtler seine Zunge auf mich, wurde ich sehr zornig; auch wenn es nur spielerisch und neckisch gemeint war, ich konnte es nicht anders auffassen, als eine üppige Beleidigung.
Diesmal aber überfiel mich hier in der Metzgerei unseres Dorfes dieses ohnmächtige Gefühl, Ziel einer fremden Zunge zu sein. Doch der Metzgermeister war es nicht, der stand mit rundlichem, angerötetem Gesicht hinter seiner Auslage und fragte meine Mutter höflich nach ihrem Wunsch. Höchst irritiert durch dieses klebrige Gefühl einer auf mich gerichteten Zunge, schaute ich mich im Raum um. Ich konnte aber ausser uns dreien niemanden ausmachen, der als Täter in Frage kam. Die Auslage an Fleisch in der Kühltheke war beträchtlich, satt aneinander, zum Teil auch übereinander lagen allerhand rotes Fleisch, Wurst- und Aufschnittwaren. Da entdeckte ich die Zunge!
Sie präsentierte sich blassrosa auf einem weissen Teller, gewölbt wie eine Schuheinlage und direkt auf mich gerichtet, allerdings frei von jeglichem Körper. Meine erste Reaktion war, ihr meinerseits die Zunge zu zeigen; meine Zungenspitze war auch bereits über den Lippen, als mir bewusst wurde, dass kein Besitzer dieser Zunge vorhanden ist und demzufolge meine sinnlos ins Leere schösse. So zog ich die voreilig aktivierte Zunge wieder ein und stand verwirrt mit noch halboffenem Mund genau im Zielbereich dieser fremden, herrenlosen Zunge, die unerschütterlich mich meinte, daran lag kein Zweifel, mich schamlos anvisierte, übrigens ohne dem winzigsten Zucken zu verfallen und auch ohne den leisesten Mucks von einem "Ähh", das gewöhnlich ein Zungenzeigen zu begleiten pflegte.
Welch tiefe Verachtung springt mir da unaufhörlich ins Gesicht! Das war zuviel! Wie konnte mir jemand (wer?) für ewig die Zunge zeigen? Aber anstelle einer Antwort auf meine bedrängende Frage, narrte mich diese Zunge weiterhin, indem sie stumm und geschützt durch das trennende Glas der Kühltheke auf dem weissen Teller verharrte, und zwar derart ausdauernd, dass es ihr gelang, mir Tränen der Ohnmacht zu entlecken, der Wut auch, ich begann zu plärren, und meine Augen, um dem weitgeöffneten Mund Platz zu machen, verknifften sich.
Sowohl Mutter als auch Metzger erschraken. Mutter bückte sich sofort zu mir hinunter und fragte mich besorgt, was los sei. Ich deutete mit dem Finger auf die Zunge; meine Mutter konnte jedoch nicht verstehen, was mich an dieser völlig normalen Fleischauslage zum Weinen brächte. Inzwischen hatte der Metzgermeister die obligate Scheibe Wurst abgeschnitten, die mir eigentlich erst nach erfolgreichem Verkauf zustände; er streckte sie mir hin, in der Hoffnung, mich zu besänftigen, denn mein Weinen und Schreien war in beunruhigender Weise angeschwollen und drohte auch draussen vernehmbar zu werden und Kunden abzuhalten. Meine Mutter, die die heikle Lage erkannte, fragte mich nochmals, was mir denn fehle, ich deutete wieder auf das besagte Objekt, worauf sie zwar die Zunge erkannte, wohl aber annahm, ich wünschte mir diese gekauft.
Sie versicherte sich beim Metzgermeister, ob diese Zunge vom Kalb sei, der Metzger nickte, Mutter schien zufrieden und sagte, sie nehme diese, worauf der Metzger die Zunge mit einer fetten Bewegung seiner dicklichen Hand vom Teller schnappte, sie wog, in Wachspapier einpackte, das er in eine Papiertüte steckte und meiner Mutter übergab.
Das Kalb! Mein Weinen versiegte, einerseits beruhigt durch den Umstand, dass ich nun wusste, wer mir die Zunge gezeigt hatte, andererseits weil die Zunge in der Papiertüte verschwunden war und mich erst mal in Ruhe liess.
Abends wurde dann das Problem vollständig aus der Welt geschafft, indem meine Mutter, eine vortreffliche Köchin,  die Kalbszunge an Kapernsauce so köstlich anrichtete, dass ich sie genüsslich verkaute und mit unendlicher, nur einem Kind fähiger Genugtuung verschluckte.