Eine Geschichte, Wort für Wort dem Leben abgeschrieben

Sonntag, den 27. September 1931

Furchtbares Unglück beim Luzerner Flugmeeting

Tausende von Zuschauern säumen die sonnige Allmend. Hoch über der Horwer Bucht entschwebt der „Uto“ und vom Pilatus her gleitet Farner auf seinem Segelflugzeug ruhig und still in unsern Sichtkreis. Der Lautsprecher kündigt ihn an. Auf ihn richten sich aller Blicke, auf ihn und auf Gerber, der über der Allmend seine Kunstflüge ausführt. Gerber trudelt und hebt sich wieder hoch. Um 15:05 sollte er landen. Fast um dieselbe Zeit geschieht das Furchtbare. Über dem westlichen Ende des Platzes, bei der Baumgruppe, führt er wieder eine Vrille aus, hält das Flugzeug zu lange in dieser Übung; es sackt auf einer Höhe von etwa 50 Meter durch, schiesst steil wie ein Raubvogel nieder und kann nicht mehr aufgerichtet werden. Hätte Gerber noch zehn Meter Luftraum zur Verfügung gehabt, hätte er es vielleicht noch auffangen können. Dass er die Absicht hatte, auf den Platz zu gelangen, war aus der Lage des abgestürzten Apparates ersichtlich.
Unten standen die Zuschauer, dicht gedrängt. Noch ahnten nicht alle die Gefahr, die drohte. Wir, die wir zwanzig Meter von der Unglücksstätte entfernt Augenzeugen waren, glaubten zuerst, dass Gerber sich in jedem Moment wieder aufrichten könnte.
Dann aber schmetterte das Flugzeug mit grausamer Wucht in das dichte Menschengewühl an der oberen westlichen Seite des Platzes. Ein namenloser Aufschrei gellte auf. Ein Knirschen und Bersten, ein Rennen und Flüchten. Kinder weinten, zerschlagene Gesichter, blut- und hirnbespritzte Kleider, ein verstörtes Antlitz alle.
Die Stätte, die von Militär und Feuerwehr sofort abgesperrt war, bot einen grässlichen Anblick. Das Flugzeug zertrümmert, in die Erde gebohrt, die Tragflächen von den Flüchtenden zertrampelt, die Verletzten schwer wankend oder schwer stöhnend am Boden, drei Leichen zerstümmelt. Das vierjährige Knäblein Häberlin aus Obfelden, zusammengekauert unter einer Bank, die Schädeldecke abgeschlagen, das Hirn ausgeflossen. Ein junger Mann daneben, mit einer furchtbaren Kopfwunde, liegt zugedeckt. Dem dritten Toten, einem Knaben, wurde der Leib aufgerissen und das linke Bein vollständig weggemäht. Der Pilot selber wurde sehr schwer verletzt; er erlitt eine Schädelfraktur und auch Bein- und Brustverletzungen.
Der Sanitätsdienst wurde sofort eingesetzt, die Verletzten, die Rippenbrüche, Beinbrüche, Kopf- und Armwunden hatten, wurden mit Tragbahren zur Kantine gebracht, wo sie gepflegt und von wo sie in den Kantonsspital, in das Sanatorium St. Anna und nach Hause übergeführt wurden.
Als das Unglück sich ereignet hatte, stürzte das Publikum in voller Panik über den Platz zur Unheilstätte, so dass die Gefahr eines neuen schweren Unfalls in die Nähe gerückt war. Nicht nur Verletzte waren in Ohnmacht gefallen, der Schrecken hatte alles gelähmt. Viele Personen erlitten Nervenschocks und brachen zusammen. Eine schmerzliche Szene: Das Knäblein Häberlin, zu einem blutenden, traurigen Klumpen geballt; über ihm sitzt der Freund seines Vaters, der es behüten musste, während sein Vater zu einem Passagierflug sich wegbegeben hatte; als er zurückkam, fand er sein Kind tot, den Freund halb ohnmächtig, aber unverletzt. Wir hörten diesen nachher erzählen, dass er und seine Frau aus unbestimmter Furcht schon vorher zurückgewichen seien, der Knabe jedoch, um besser sehen zu können, vorn, einige Meter von ihnen entfernt, zugeschaut hatte; so entgingen sie dem Schicksal. Ein Mann, der neben dem Knaben sass, war über und über mit Blut und Hirn bespritzt. Andere waren, die so dicht am Tode gestanden sind und von ihm nicht berührt wurden und nur einen tödlichen Schrecken empfingen, den sie nie mehr vergessen werden. So wurde eine Dame aus Luzern von einem Flügel gestreift aber nicht verwundet. Die Frau Gerbers, die selber, wenn wir uns nicht täuschen, Sportfliegerin ist, war mit ihrem Mann nach Luzern gekommen und ist Zeugin des Unfalls gewesen. Sie musste abgeführt werden.
Wir wollen, unter dem tiefen Eindruck des Unsäglichen, nicht urteilen, nicht anklagen, aber es war ein Missgriff, der nur durch die allgemeine Kopflosigkeit zu entschuldigen war, dass plötzlich - Lautsprecher-Trichter standen unmittelbar neben der Stätte, auf der noch Tote und Verwundete lagen - irgend ein Schlager ertönte und dass noch Farner angekündigt wurde, der über seinen Flug hätte orientieren sollen. Farner schien aber glücklicherweise darauf verzichtet zu haben, und der Schlager wurde am Unglücksort so rasch wie möglich ausgeschaltet. Vielleicht hatte man mit dem Lautsprecher die Leute auf ihrem Platze festbannen, von der gefährlichen Rollbahn fernhalten wollen, aber man wollte, man konnte nichts hören. Das Verhängnis wuchtete schwer und das Mitleid und die Angst stiegen hoch angesichts des Schicksals, das ein stolzes, menschliches Tun jäh unterbrochen und die Frage nach unserm Menschsein stärker denn je geweckt hatte.
Die Untersuchung durch das Statthalteramt und das eidgenössische Luftamt wurde sofort eingeleitet. Es ist aber kaum möglich, festzustellen, ob ein technischer Fehler das Unglück mitverursacht hat. Wahrscheinlich hat aber die Unvorsichtigkeit des Piloten, die Vrille zu wenig hoch ausgeführt zu haben, die Hauptschuld. Gerber soll als zuverlässig gelten, er soll aber auch schon seinen Apparat dicht über dem Erdboden aufgefangen haben. Was die Haftpflicht anbelangt, so ist zu sagen, dass das Organisationskomitee mit der Zürcher Haftpflichtversicherung eine Versicherung abgeschlossen hat. Auf dem Platze anwesend waren verschiedene Vertreter der kantonalen und der städtischen Behörde und Militärs. Infolge des Militärpatrouillenlaufes waren genügend Soldaten da, um die Absperrung vorzunehmen.

Amtliche Darstellung (Mitteilung des Polizeikommissariates.)
Anlässlich des vom Zentralschweizerischen Verein zur Förderung des Flugwesens gestern auf der Allmend veranstalteten Flugmeetings ereignete sich ein schwerer Unfall infolge Absturzes eines Flugzeuges, geführt vom Piloten Oberleutnant Gerber. Kurz nach 3 Uhr nachmittags stieg Oberleutnant Gerber mit einem kleinen Sport-Doppeldecker zu einem Schaufluge auf. Nach Vollführung einiger Loopings, Steilflügen usw. setzte Gerber im sürdwestlichen Teile des Flugfeldes, in einer Höhe von schätzungsweise 300 Meter, zu einer Vrille an. Das Flugzeug befand sich in diesem Augenblick über dem Zuschauerring. Der Pilot vermochte das Flugzeug nicht mehr rechtzeitig aufzurichten. Einige Meter über Boden brachte er es noch in etwas Schrägstellung, in welcher Lage es in die Zuschauer stürzte und dort zerschellte, wobei drei jugendliche Personen getötet und 30 Personen teils schwer, teils leichter verletzt wurden.
Der nach Bergng der Toten und Verletzten einsetzende amtliche Untersuch wurde geleitet von Herrn Staatsanwalt Dr. Bucher, wozu später noch Hr. Amtsstatthalter Dr. Zimmermann beigezogen wurde. Später traf auch Herr Amtsstatthalter Schnieper auf dem Unglücksplatze ein. Als Fachexperten beteiligten sich am Untersuch die Herren Ing. Gfell vom eidgenössischen Luftamt, Hauptmann Höger, technischer Experte des Aero-Klubs, und als Zeugen die Herren Köhl, Generalsekretär des Aero-Klubs, sowie die Herren Flieger Fahrmann und Steger. Über die Ursache des Unglücks gehen die Meinungen der Sachverständigen dahin, dass die Brille von Gerber in zu geringer Höhe und über den Köpfen der Zuschauer angesetzt wurde.
Von der Veranstaltung des Flugmeetings ist eine Drittmannsversicherung von 50`000 Franken für den Einzel- und von 300`000 Franken für den Katastrophenfall abgeschlossen worden. Für das von Gerber geführte Flugzeug besteht eine Drittmannsversicherung von 60`000 Franken.

Die unglücklichen Opfer, Toten und Verletzten,
deren Namen wir gestern abend in Extrabulletins bekannt gegeben haben, sind unten angeführt. Die Verletzten befinden sich, den Umständen angemessen, in ordentlichem Zustande; die Art ihrer Verletzungen ist angegeben, doch ist darauf hinzuweisen, dass unter Umständen noch innere Verletzungen erkennbar werden, dass ferner Komplikationen eintreten können, die eine sichere Aussage, eine genaue Übersicht über das Ausmass der schweren Katastrophe, die unsere ganze Stadt in Trauer versetzt, unmöglich macht. In den Strassen herrschte gestern abend eine ungeheure Aufregung; der Schmerz, das Entsetzen war allen ins Gesicht geschrieben. Vor dem Geschäftshause der „L.N.N.“ staute sich stundenlang die Menge zu Hunderten, um besonders die Zahl und die Namen der Betroffenen zu vernehmen.

Die Namen

Tote:
Staub Josef, von Menzingen (Zug), geb. den 22. April 1916, Gärtnerlehrling, Kriens, Feldmühle.
Krieger Hans, geb 1919, Knabe des Baumeister Krieger in Luzern.
Häberlin Hans, ca. 4 Jahre alt, wohnhaft in Obfelden (Aargau)

Verletzte:
Nachstehende befinden sich im Kantonsspital:
Schnyder Otto, Musiklehrer, Rhynauerstr. 20, Luzern (Unterschenkelbruch).
Gilli Eduard, wohnhaft in Geuensee (leicht verletzt).
Zürcher Karl, wohnhaft Gibraltarstr., Luzern (leicht verletzt).
Wey Josef, wohnhaft an der Baldeggerstr. 22, Hochdorf (leicht verletzt).
Pfäffli Alois, wohnhaft an der Schachenstrasse, Kriens (leicht verletzt).
Stadelmann Josef, geb. 1914, Lehrling, Reussthal 27 (Oberschenkelbrüche).
Buholzer Walter, geb. 1913, Lehrling, wohnhaft Seewen (Schwyz) (schwer verletzt).
Zbinden Walter, geb. 1913, Dekorateur, Kriens (Kopfverletzung).
Gerber Fritz, Pilot, Oberlt., Materialverwalter, Dübendorf (Schädelbasisfraktur).
Ferrari Franco, 23 Jahre alt, wohnhaft in Zürich (Beinbrüche).
Baumeister Karl, geb. 1910, Maler, Hergiswil a. See (leicht verletzt).
Schmid Willy, geb. 1910, Koch, Bruchstr. 6 (Kopfverletzung).
Schnyder Jean, geb. 1915 (leicht verletzt).
Raviera Karl (leicht verletzt).
Ritzi Ludwig, Luzern (leicht verletzt).

Sanatorium St. Anna:
Teichert Gustav, Libellenstrasse 17 (Schulterbruch).
Bollet Louis, Kriens (Schlüsselbeinbruch).
Zbinden Hans, Kriens (Beinbruch).
Bögli, Apothekersohn, zirka 14 Jahre alt, Bruchstrasse (Gehirnerschütterung).
Mathieu Moritz, Kriens (Rippenfraktur).

Verletzte in privater Wohnung (Grendelstrasse 8):
Herr und Frau Banz aus Wolhusen.
Bühlmann-Studer Klara in Escholzmatt.

Leichtverletzte und nach Hause verbracht:
Frey Friedrich, Kriens.
Lust Edwin, Rothen 73.
Eichenberger Hans, Lädelistrasse 4.
Aregger Martha, Horwerstrasse 18.
Roth Johann, Hochdorf.
Suter Anton, Dufourstrasse 20.
Bachmann Hans, Löwengraben 4b.
Krieger Josef, Baumeister, Sonnenbergstr. 1.

aus: Luzerner Neueste Nachrichten und Zentralschweizerisches Handelsblatt        Nr.229 2. Blatt, Montag, den 28. September 1931
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