Enttäuschung ist des Kaisers neues Kleid


Der Regen regnet. Ich höre sein rieselndes Tropfen. Etwas Sanftes. In mir drin fühle ich synchron etwas Trauriges. Hatte heute eine Auseinandersetzung mit einem mir nahestehenden Menschen. Es regnet etwas kräftiger. Jetzt hat sich mein Hören verändert. Etwas Weiches liegt in meinem Bauchraum auf etwas Hartem, Spitzigem. Das Weiche liegt da wie ein Ei, und weiter oben kommt es mir weit, aber auch nass vor, wie milde Trauer, eine Art Lösen. Trauer hat etwas Lösendes. Jetzt zeichnet der Konflikt deutlich in meinen Gedanken ein Bild. Ich spüre die Spannung zwischen uns, ich spüre sie in mir, lasse sie dort sein und halte sie einwenig. Da zeigt sich Enttäuschung. Irgendwie fühle ich mich enttäuscht, andererseits ist es auch okay. Es ist so. Es herrscht Istigkeit. Wohl deshalb fühle ich jetzt etwas Friedliches in mir. Es passt zum leichten Luftzug, der vom Fenster, das  aufgeklappt ist, hineinzieht und mich berührt. Friede ist Vertrauen, Vertrauen ins Leben, Vertrauen ins Wahrnehmen, ins Nehmen des Wahren. Im Grunde genommen sind wir doch immer eingebettet. Wir sind wie ein Ei eingebettet im Nest des Erlebens, im Nest dessen, was gerade passiert, im Nest des Augenblickes. Ja, in mir ist Frieden eingezogen, vielleicht die Art von Frieden, die sich nach einer erlebten Enttäuschung einstellt. Die Enttäuschung ist des Kaisers neues Kleid. Ich habe mich getäuscht. Ich habe ein Bild gezeichnet, das ich wieder ausradieren musste, weil es nicht stimmte. Das frei radierte Blatt Papier ist ein weiter Raum, jetzt gerade im Brustbereich als Frieden erlebbar. Und etwas Aufregendes entsteht, wenn ich daran denke, dass dieser Friede vom steigenden Vertrauen ins Leben herkommt. Jetzt geschieht das Geräusch eines unten durch den Blumenweg fahrenden Autos. Die Räder des Autos zeichnen das Geräusch ins Nass der Strasse. Und der Regen ist kräftiger geworden. Die Regentropfen trommeln. Mein Rücken schmiegt sich in die Kissen des Bettsofas. Leichte Kopfschmerzen ziehen durch die Stirn wie Wolken. Und der rechte Arm zieht etwas von der Anstrengung des Schreibens. Im Einklang ist die Welt. Ein leeres Schlucken. Da ist Schmerz. Ich lege mich in den Schmerz. Ich fühle ihn. Ich respektiere ihn und bin gleichzeitig frei, frei mit dem Schmerz, der da ist, der unpersönlich durchs Leben zieht, wie ein zäher und dunkler Fluss.

23.08.15