HUHN

Selbstportrait

Gewiss habe ich in meinem Leben schon mehr als hundert Mal das Wort Huhn geschrieben, meistens mit Bleistift oder Kugelschreiber; einige Male mit schwarzer Kohle an rauher Mauer oder mit weisser Kreide auf Strassenasphalt; ein paar Mal haben es meine Finger über Schreibmaschinentasten in das blanke Blatt getanzt; in letzter Zeit floss es auch schon so leicht wie ein hastig gestürztes Glas Bier in den unendlich durstenden Bildschirmraum der Computervirtualität; einmal - aber da bin ich mir nicht mehr so sicher - habe ich es am Strand von Ligurien von Hand in den Sand gestrichen und danach - und das kommt mir jetzt vor wie ein Traum - mit den Fingern in die spiegelnde Oberfläche des still mich wiegenden Meeres.
Von all diesen vielen Fällen darf ich mit einem gewissen Stolz behaupten, dass ich das Wort jeweils fehlerlos niederrang, mit grosser, selbstverständlicher, traumwandlerischer Sicherheit. Es ist ja auch ein simples Wort; ein Wort bar jeglicher vertrackter Orthografie.
Doch wie das Simple sich unversehens in Tücke verwandeln kann, demonstrierte sich heute, als wieder einmal die Zeit da war, mich ihm anzunehmen.
Kann durchaus sein, dass das Zundhölzchen des Unheils darin lag, dass ich zum ersten Mal beschloss, es durchgehend in Grossbuchstaben niederzuschrieben. Ich hatte mir wohl ausgedacht, damit seine Wirkungskraft zu verdoppeln, auf jeden Fall - ich schriebs hin, hielt inne, lüpfte den Kugelschreiber weg, um es eingehend zu mustern, leicht misstrauisch auch, denn ich wollte sicher gehen, dass mir trotz aller Sorgfalt, die ich beim Schreiben anzuwenden pflege, kein Fehler unterlaufen sei, und war auch begierig zu sehen, wie ihm diese ungewohnte Form der Grossbuchstaben stehe.
Aber zu meiner grossen Bestürzung schmetterte es meinen Blick unverzüglich zurück, indem es mich seinerseits so namenlos anguckte, dass es mir geradezu auf die Brust drückte und ich sogar einen Augenblick lang nach Luft ringen musste.
Ich erkannte das Wort nicht mehr, es war mir fremd geworden. Ich rief: „Was habe ich da in die Welt gesetzt!“ Doch das half auch nichts, seine Namenlosigkeit sass bereits so selbstverständlich in meinem Hirn wie eine Henne auf ihrem Ei. Ich konnte zwar noch die einzelnen Buchstaben entziffern, aber diese zu einem Wort zusammenfügen, das mir irgend einen Sinn gäbe, misslang.
Ich geriet in die grösste Verwirrnis. Und die absurde Vermutung begann mich zu bekriechen, dass das Wort gar noch nicht zu Ende sein könnte, dass das Ende nur im weissen Meer des Blattes ertrunken sei. Meine Augen taten verrückt, sie blieben an diesem verwunschenen Ende des Wortes stocken, scheuten und stürzten zurück zum Anfang und begannen, da das Wort quasi einen Anfang nimmt, aber kein Ende, begannen dort die Flucht erneut, flüchteten zum Ende, das sie für den Anfang hielten und so weiter, hin und her, unzählige Male, bis ich mich drehte im Schwindel, unmöglich über dieses Wort hinwegzukommen, weiterzuschreiben, auch wenn ich erst am Anfang meines Briefes bin, erst beim zweiten Wort, und meine Seele übervoll.
Nicht einmal zum ersten geschriebenen Wort zurück kann ich, sehe es zwar von weitem wie eine rote Boje in der Weite des unendlichen Ozeans - und hätte es doch als Sprungbrett benutzen können! - , sattdessen ertrank ich in den Fluten der Bedeutungslosigkeit.

So ist auch heute wieder nichts aus dem Brief an meine Exfreundin geworden.

 

Bild: Selbstportrait Ölkreide,  gezeichnet im Alter von 5 Jahren