Ich bin da – ich – bin – da – ich bin das Leben

Dann mag einem dieses oder jenes Detail aus dieser oder jener Geschichte von der inneren Größe eines Menschen einfallen – wie etwa die Geschichte vom Sterben einer jungen Frau im Konzentrationslager, deren Zeuge ich war. Die Geschichte ist schlicht – es gibt da nicht viel zu erzählen – und trotzdem wird sie wie erfunden klingen, so dichterisch erscheint sie mir:
Diese junge Frau wußte, daß sie in den nächsten Tagen werde sterben müssen. Als ich mit ihr sprach, war sie trotzdem heiter. »Ich bin meinem Schicksal dankbar dafür, daß es mich so hart getroffen hat«, sagte sie zu mir wörtlich; »denn in meinem früheren, bürgerlichen Leben war ich zu verwöhnt und mit meinen geistigen Ambitionen war es mir wohl nicht ganz ernst.« In ihren letzten Tagen war sie ganz verinnerlicht. »Dieser Baum da ist der einzige Freund in meinen Einsamkeiten«, meinte sie und wies durchs Fenster der Baracke. Draußen stand ein Kastanienbaum gerade in Blüte, und wenn man sich zur Pritsche der Kranken hinabneigte, konnte man, durch das kleine Fenster der Revierbaracke, eben noch einen grünenden Zweig mit zwei Blütenkerzen wahrnehmen. »Mit diesem Baum spreche ich öfters«, sagt sie dann. Da werde ich stutzig und weiß nicht, wie ich ihre Worte zu deuten habe. Sollte sie delirant sein und zeitweise halluzinieren? Darum frage ich neugierig, ob der Baum ihr vielleicht auch antworte – ja? – und was er ihr da sage. Darauf gibt sie mir zur Antwort: »Er hat mir gesagt: Ich bin da – ich – bin – da – ich bin das Leben, das ewige Leben...«

Viktor E. Frankl ...trotzdem Ja sagen zum Leben

 

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