Im Dornbusch

Im Dornbusch

Du steckst tief im Dornbusch. Frag Dich nicht, warum Du da hineingeraten bist! Unergründliche Frage, die nur eine der Dornen ist, die in Deinen Schläfen stecken. Die Dornen haben Dich unbeweglich genagelt. Nicht nur an ein paar belanglosen Stellen. Sie haben Dich regelrecht übersät. Als wärst Du bracher Acker und Sie, die Dornen, wären Samen, die der Bauer in seine Wunden streut.
Ärgerlich nur, dass Sie gerade die zwei Stellen nicht aufgespiesst haben, die Du Ihnen freiwillig angeboten hättest, und die Du Ihnen auch jetzt noch anbietest, in der Hoffnung, es hagle erneut. “Wenn schon,“ sagst Du und merkst grad, wie tief Du schon gefangen sein musst, dass Du bereit bist, mit Ihnen zu verhandeln: „Wenn schon, nehmt meine Augen!“ Denn diese rollen ihren Blick unerschöpflich ab durch die Lücken in den Zweigen und ertasten hoffnungsirr die Gegend auf Hilfe zur Befreiung.
Du hast Dich an einem Berghang verfangen. Du erinnerst Dich jetzt. Du warst auf einer Wanderung. Womöglich bist Du ausgerutscht. Und hinuntergeschlittert. Direkt in diesen Busch. Der Dich zwar vor tödlichem Absturz gerettet. Aber zum Preis, Dir den Körper zu verstechen. Und jetzt nagelt Er sich auch noch ran an Deine Seele. Jesus hat der Dornenkranz beim Eccehomo gewiss nicht ärger gestochen, als jetzt dieser Busch Dich dornenbestückt.
Es herrscht Tag, wüstenheisser, sonnenübersengter, lichtockriger Tag. Der wenige Schatten, gespendet von diesem schütteren Gestrüpp, täte Dir gewiss gut, würdest Du nur neben Ihm liegen und nicht mitten drin. Stattdessen schmerzüberfluten Dich die Dornen bei jeder unbeabsichtigten Bewegung, zu denen sich auch der Herzschlag gesellt.
Bist Du nicht mit einer Reisegruppe unterwegs gewesen? Warst Du nicht bis vor kurzem noch festes Mitglied einer Gruppe von Nahosttouristen. Die forsch die Gegend unter ihre Füssen und in ihre Kameras nahmen? Fragen über Fragen! Und nicht einmal ein Echo! Aber Fragen, die Dir entfallen und in der Hitze verstäuben wie vermodernde Äpfel. Ein Dorn muss Dir in der Erinnerung stecken. Nicht anders kannst Du es Dir erklären, dass nur Gedächtnisfetzen in Deinem Geist herumschwirren wie dürre, gebleichte, zersplitterte, harte Blätter. Blätter wie kleine Skelette, die unter Schritten knacken, könntest du nur gehen.
Aber Du bist im Dornbusch. Und versuchst, das beste aus Deiner Lage zu machen. Mit einem in den Himmel schweifenden Blick tastest Du die Ewigkeit ab. Dort versuchst Du Dich für die genagelte Enge zu entschädigen. Ein Himmel voll gnadenlosen Spottens! Erst Dein gekreuzigter Körper erkennt die Unendlichkeit seiner Freiheit. Wie könntest Du jetzt leben. Glücklich! Aus vollen Zügen! Mit offenem Herzen!
Da plötzlich ein Mensch. Von weitem nähert er sich. Ein Mitmensch. Ein Retter! Es könnte ein guter Hirte sein. Die Sonne drückt ihm im Rücken, schiebt ihn vorwärts, zu Dir. Seine Schafe bewölken schon die sonnenverbrannte Gegend und suchen sie ab nach den spärlichen Grasbüscheln. Mit gesenktem Blick läuft der Hirte geradewegs auf Dich zu.
„Hallo Fremder, die Richtung stimmt!“ rufst Du ihm leutselig zu. Da Dein Mund aber von Dornen zugeheftet ist, vergären Dir die Worte schon in der Mundhöhle, wie Wein zu Essig wird. Einwenig Lallen höchstens sprudelt zwischen den Lippen hervor: „He du, Fremder. Würdest du mir bitte helfen? Würdest du mich aus meiner elenden Lage befreien?“
Da hebt der Hirte, als hätte er eine Stimme säuseln gehört, den schweren Kopf und starrt in Dich oder durch Dich hindurch. Sein Hund beginnt Dich anzukläffen. Immerhin, der scheint Dich zu sehen. Er hüpft wild hin und her. Sein freies Hüpfen und lautes Bellen verhöhnen Deine hündische Lage. Hier steckst Du, geschützt vor den Zähnen des kläffenden Hirtenhundes, aber längst blutig verbissen von den stillen Zähnen des Dornenbuschs. Und selbst ein Hund, bedürftig nach einer starken Herrenhand, die Dich rettet.
Die Augen des Hirten weiten sich. Er starrt immer noch gebannt in Dich. Während Du mit Gedankenworten wild um Hilfe winkst wie mit einer verfetzten Friedensfahne: „Hirte, hörst du mich, bitte, hole mich da raus, ich wäre dir unendlich dankbar!“
Doch jetzt zieht dieser Dummkopf seine Sandalen aus, als gehorchte er einem unbekannten Befehl. Und stellt sich barfuss neben diese, obschon der Boden gewiss eine glühende Herdplatte ist. Er starrt Dich weiterhin unentwegt, ja entsetzt an.
„Bitte Fremder, hol mich hier raus, bitte!“, gurgelst Du. Die Dornen entkitzeln Dir ungeahnte Kräfte.
Endlich antwortet er: „Wer bin ich schon! Ein Mann wie ich kann doch nicht vor den Pharao treten und ein ganzes Volk befreien!"
Wie wirr er schwatzt! Die Hitze tut ihm definitiv nicht gut. Du musst ihm jetzt gut zureden, Mut zusprechen: „Doch doch, du musst kein Volk befreien, nur mich, nur meine Wenigkeit, das kannst du, ich trau's dir zu! Nur zu! Mach schon! Bitte! Das ist doch ein Kinderspiel!“
Jetzt ruft der Hirt: „Wer bist Du?“
Wer Du den seist? Ja, Du trägst einen Namen, das ist gewiss! Du trägst ihn schon dreiunddreissig Jahr, deine Mutter könnt's bezeugen, wäre sie nur da! Aber die Buchstaben Deines Namens sind von fünf Dornen unkenntlich gestochen. Was sollst Du ihm antworten? Es hängt jetzt alles nur von Deinem Namen ab! Nur Deinen Namen nennen! Und er wird Dich befreien!
Da ist Dir, als schlüge es Deine Zunge wie eine Welle im Mund herum, von einem ungeahnten Meer bewegt und fetzt Dir die Lippen auf und ein ICH BIN DER ICH BIN entstürzt Deinem Mund und die unumgängliche Reibung der Wortpaare entzünden Dich und legen den Dornbusch in rollende Flammen, wobei Du erkennst: Du bist der Dornbusch, niemand muss dich befreien, niemand muss dich herausholen, niemand muss dich retten, du bist der Dornbusch, du warst ihn schon immer, es gab nie einen Moment, wo du ihn nicht warst, du bist die Dornen, du bist die harten Blätter, du bist die starken Äste, du hast es einfach nicht gesehen, du warst blind und bist blind durchs Leben geirrt, und jetzt endlich, erkennst du, du bist nicht nur die Dornen, du bist auch die Flammen, du bist das Feuer brennend in unverzehrbarer Flamme zeitlos.