Mit dem Herzen sehen

Für Liupiu

Es ist Abend, und bevor der Tag zu Ende geht, möchte ich ihm eine Fussnote aufdrücken. Die Sonne sinkt direkt vor meinem Gesicht; ihr sterbendes Licht fällt mir in die Augen. Ein zirpender Schwarm Mauersegler erntet den fast nackten Himmel nach Mücken ab. Das Klagen einer Möwe bringt den Geruch von Meer her und streut ihn wie Salz in mein von Sehnsucht verwundetes Herz. Vor einigen Tagen hat Liupiu geschrieben "vom Licht, das jedem den Weg in die Herzen anderer weist". Ich habe diesen Satz heute Morgen gelesen, und seitdem trage ich ihn im Herzen mit. Mika liegt auf dem warmen Balkonboden und jagt still und zuckend durch wilde Wolfsträume, worin ich wahrscheinlich auch eine kleine Rolle habe. Die Wärme der sinkenden Sonne ist immer noch erstaunlich in meinem Gesicht. Meine Füsse schmiegen sich an die filigran geschwungenen Eisenbeinen des grünen Gartentischchen. Jetzt bricht die Sonne über dem First des Nachbardaches; angenehm kühle Luft flutet in mein Gesicht; und ich geniesse diese Sinneswahrnehmung fast mit Lust. Die Kinderstimmen von der Strasse unten kommen mir vor wie ein Blumenreigen. Einer Amsel ängstigendes Kreischen holt mir das Bild des rotgetigerten Katers der Nachbarn in den Sinn, der als Fittester noch die Quartierstrasse regieren würde, hätte ihn nicht gerade in diesem Augenblick Mika in seinem Traum zu Tode gebissen. Höher hebt sich der Schwarm der Mauersegler in den sich weitenden und blauenden Abendhimmel; und das Licht der Sonne entzündet die Ränder der langsam segelnden Wolken. Ein kurzer und voller Gesang einer Amsel beglückt mein Herz. Ich fühle mich dankbar, dass es sich langsam zu öffnen scheint, und dass das in meiner Jugend rätselhafte mit dem Herzen sehen allmählich zu einem alltäglichen Ereignis wird.

5.7.16