Die Zunge

Meine Mutter hielt mich an der Hand, als wir die Metzgerei betraten. Ich war vielleicht fünf, sechs Jahre alt, erinnere mich aber genau: noch bevor hinter uns die Glastür mit zähem Schwung wieder ins Schloss ging, erfasste mich das Gefühl, dass mir in diesem Laden jemand die Zunge rausstreckt.
Wie ich das hasste! Es kam im Kindergarten, den ich damals noch gar nicht so lange besuchte, manchmal vor, dass ein Kind einem anderen Kind die Zunge zeigte. Geschah das bei mir, das heisst, richtete ein Kindergärtler seine Zunge auf mich, wurde ich sehr zornig; auch wenn es nur spielerisch und neckisch gemeint war, ich konnte es nicht anders auffassen, als eine üppige Beleidigung.
Diesmal aber überfiel mich hier in der Metzgerei unseres Dorfes dieses ohnmächtige Gefühl, Ziel einer fremden Zunge zu sein. Doch der Metzgermeister war es nicht, der stand mit rundlichem, angerötetem Gesicht hinter seiner Auslage und fragte meine Mutter höflich nach ihrem Wunsch. Höchst irritiert durch dieses klebrige Gefühl einer auf mich gerichteten Zunge, schaute ich mich im Raum um. Ich konnte aber ausser uns dreien niemanden ausmachen, der als Täter in Frage kam. Die Auslage an Fleisch in der Kühltheke war beträchtlich, satt aneinander, zum Teil auch übereinander lagen allerhand rotes Fleisch, Wurst- und Aufschnittwaren. Da entdeckte ich die Zunge!
Sie präsentierte sich blassrosa auf einem weissen Teller, gewölbt wie eine Schuheinlage und direkt auf mich gerichtet, allerdings frei von jeglichem Körper. Meine erste Reaktion war, ihr meinerseits die Zunge zu zeigen; meine Zungenspitze war auch bereits über den Lippen, als mir bewusst wurde, dass kein Besitzer dieser Zunge vorhanden ist und demzufolge meine sinnlos ins Leere schösse. So zog ich die voreilig aktivierte Zunge wieder ein und stand verwirrt mit noch halboffenem Mund genau im Zielbereich dieser fremden, herrenlosen Zunge, die unerschütterlich mich meinte, daran lag kein Zweifel, mich schamlos anvisierte, übrigens ohne dem winzigsten Zucken zu verfallen und auch ohne den leisesten Mucks von einem "Ähh", das gewöhnlich ein Zungenzeigen zu begleiten pflegte.
Welch tiefe Verachtung springt mir da unaufhörlich ins Gesicht! Das war zuviel! Wie konnte mir jemand (wer?) für ewig die Zunge zeigen? Aber anstelle einer Antwort auf meine bedrängende Frage, narrte mich diese Zunge weiterhin, indem sie stumm und geschützt durch das trennende Glas der Kühltheke auf dem weissen Teller verharrte, und zwar derart ausdauernd, dass es ihr gelang, mir Tränen der Ohnmacht zu entlecken, der Wut auch, ich begann zu plärren, und meine Augen, um dem weitgeöffneten Mund Platz zu machen, verknifften sich.
Sowohl Mutter als auch Metzger erschraken. Mutter bückte sich sofort zu mir hinunter und fragte mich besorgt, was los sei. Ich deutete mit dem Finger auf die Zunge; meine Mutter konnte jedoch nicht verstehen, was mich an dieser völlig normalen Fleischauslage zum Weinen brächte. Inzwischen hatte der Metzgermeister die obligate Scheibe Wurst abgeschnitten, die mir eigentlich erst nach erfolgreichem Verkauf zustände; er streckte sie mir hin, in der Hoffnung, mich zu besänftigen, denn mein Weinen und Schreien war in beunruhigender Weise angeschwollen und drohte auch draussen vernehmbar zu werden und Kunden abzuhalten. Meine Mutter, die die heikle Lage erkannte, fragte mich nochmals, was mir denn fehle, ich deutete wieder auf das besagte Objekt, worauf sie zwar die Zunge erkannte, wohl aber annahm, ich wünschte mir diese gekauft.
Sie versicherte sich beim Metzgermeister, ob diese Zunge vom Kalb sei, der Metzger nickte, Mutter schien zufrieden und sagte, sie nehme diese, worauf der Metzger die Zunge mit einer fetten Bewegung seiner dicklichen Hand vom Teller schnappte, sie wog, in Wachspapier einpackte, das er in eine Papiertüte steckte und meiner Mutter übergab.
Das Kalb! Mein Weinen versiegte, einerseits beruhigt durch den Umstand, dass ich nun wusste, wer mir die Zunge gezeigt hatte, andererseits weil die Zunge in der Papiertüte verschwunden war und mich erst mal in Ruhe liess.
Abends wurde dann das Problem vollständig aus der Welt geschafft, indem meine Mutter, eine vortreffliche Köchin,  die Kalbszunge an Kapernsauce so köstlich anrichtete, dass ich sie genüsslich verkaute und mit unendlicher, nur einem Kind fähiger Genugtuung verschluckte.

Mamma Lupa

Ganz zu Ehren von Mamma Lupa hat Kaya heute zum ersten Mal ihren Kleinen das Futter erbrochen.

Sie hat abends eine riesige Portion Rohfleisch, dem grünes Smoothie und etwas Zusätze beigemischt war, mit besonderem Eifer aufgefressen; es hat mich noch verwundert, wie sorgfältig sie die Schale ausgeleckt hat, was gar nicht ihre Gewohnheit ist. Dann ist sie ins Welpenzimmer rüber, hat ein paar Mal gefiept und den Kleinen eine Handvoll hingekotzt.

Seit gestern stillt sie auch nicht mehr im Liegen sondern nur noch stehend.

Vollmondnacht 05:43

Still ist diese Vollmondnacht
vollkommen still
Wie eine Saite gespannt
über das Tal unberührt
vibriert sie doch
O Silbersirren der Stille
Horch!
Einsam ruft ein Käuzchen
Niemand zählt die Sterne
Niemand beendet das Gedicht

Anleitung zum Welpenbad

Man nehme mindesten fünf Welpen, noch besser sind sieben. Es ist von Vorteil, wenn die Welpen von mittelgrossen bis grossen Rassen stammen. Auch dürfen es keinesfalls solche sein, die von unverantwortlichen Vermehrern in die Welt verstreut werden. Je mehr Liebe, Sorgfalt und Fürsorglichkeit in die Begleitung der Hündin zur Zeit der Trächtigkeit, der Geburt und in der vegetativen Phase geflossen sind, desto wirkungsvoller das Bad.
In der frühen neonatalen Phase, d.h. solange die Welpen die Augen geschlossen haben und die Ohren auch, ist die Voraussetzung für ein wirksames Welpenbad noch nicht gegeben. Der beste Zeitpunkt ist die Übergangsphase, wenn ihre Augen langsam wie Blüten aufgehen. Da die Welpen dann immer noch viel schlafen, die Mutterhündin aber die Wurfkiste bereits für längere Dauer verlässt, findet man in dieser Zeit ideale Voraussetzungen vor. Es empfiehlt sich, das Bad am Morgen zu nehmen, wenn der Geist durch den Schlaf und die Träume gereinigt, noch eine gewisse Offenheit dem Leben gegenüber einzunehmen vermag. Menschen, die den Morgen gerne mit einer Dusche beginnen, sollten sich das Welpenbad vor der Dusche genehmigen. Falls gerade ein heller Sommermorgen ist, wäre es gut, den Raum noch abgedunkelt zu lassen, denn alles Grelle übt einen störende Wirkung aus und alles Zwielichtige, Dämmrige, Verschummerte und Schlummernde wirkt unterstützend.
Ganz leise schleiche man sich in das Welpenzimmer zur Wurfkiste. Ein stark gebückter Gang oder besser ein Gang auf allen Vieren, hilft beim Eintritt ins Bad ungemein. Die Öffnung der Wurfkiste, falls sie so gestaltet ist, dass sie sich leichterhand öffnen lässt, kann mit etwas Geschick beim Hinzuschleichen aufgeschoben werden. Danach stecke man langsam den Kopf mit erhobenem Blick in die Wurfkiste. Man koste den leicht milchigsüssen, mit der rauchigen Herbheit der Ausscheidungen vermischten Welpenduft ausgiebig mit der Nase. Dieser Duft hat über den olfaktorischen Sinneskanal eine stark massierende und deshalb tief und nachhaltig entspannende Wirkung auf das Grosshirn, das bekanntlich bei den meisten Menschenartigen mehr oder weniger neurotisch verkrampft in der Hirnschale hockt. Deshalb ist es auch wichtig, sich zu bemühen, diesen Duft das ganze Bad über im Bewusstsein zu halten. Danach kann man beginnen, mit den Händen vorsichtig zwischen den sanften, warmen und flauschigen Körperwesen hindurch Stellen am Boden zu ertasten, an denen die Handballen wie Säulenwurzeln eine feste Stütze für die eigene Körperschwere finden; das hilft den Oberkörper nochmals so zu neigen, dass man in eine kleine Verbeugung gelangt. Diese Verbeugung ist zwar bescheiden in der äusseren Bewegung, aber bodenlos tief in der inneren Haltung. Statt nun aber die Erde zu küssen, beginne man diese rauchigen, felligen, feinen Körper liebevoll mit den Lippen zu berühren, bis die Nase, der Mund, die Augen, die Ohren, das ganze Gesicht gänzlich in diesem allmählich erwachenden Gewusel baden, das durch das Welpenmeer geht und eine Art Wellengang des Lebens aufrührt.
Dann tauchen sie auf, die Boten der Götter und des Lebens, und beginnen dich zu begrüssen, zu empfangen, zu küssen, reiben ihre süssen, kleinen Körper streichelnd über dein Gesicht, knabbern an deinen Ohrläppchen, trinken deine Tränen des Glücks, ihre winzigen Krallen kratzen dir wahre Risse ins Herz, und der immer kräftiger aufklingende Welpengesang bricht es schliesslich auf wie einen saftigen Apfel. Du kannst nicht mehr aufhören mit Baden und Trinken, das Leben schwemmt wie ein über die Ufer tretender Fluss in dich, und du bist ob all deinem Entzücken in fast schierer Verzweiflung bemüht, ihm einigermassen das Bett zu halten.
Deshalb muss hier auch warnend auf den grossen Suchtdruck hingewiesen werden, den solche Welpenbäder auf den Menschen ausüben können. Das kommt daher, dass es ein gewisses Mass an gewachsenem Bewusstsein erfordert, um diese nackte Naturgewalt von Leben, die einem mit voller Wucht entgegenprallt, auch nur einigermassen auszuhalten. Falls nun bei einem Menschen wegen grob unerledigten Geschichten und Geschäften zuwenig Bewusstseinsstärke vorhanden ist, dann können diese heraussprudelnden Emotionen der Lebendigkeit und Liebe nicht wirklich erlebt werden; eine heftige Sehnsucht entsteht, die sich sirenenhaft wiederholend zu einer starken Sucht ausfressen kann.
Zuletzt sei noch darauf hingewiesen, dass die unglaublich verjüngende Wirkung der Welpenbäder, die einem wahren Jungbrunnen in nichts nachsteht, nach einer gewissen Zeit verfällt. Gerade weil sie dermassen beglückend sind, kann es aber durchaus sein, dass man den rechten Zeitpunkt aufzuhören, verpasst, und dann - von den mit kräftigen Zähnen und Krallen bewaffneten Junghunden regelrecht traktiert - sehr alt aussieht.

In deinem Gesicht ist das Licht

In deinem Gesicht
ist das Licht
Und mit deinem Gesicht
bist du das Licht
Ein dunkles Monster
lehrt dich das
Es ist dein Meister

 

In einer wilden und hügeligen Landschaft: Wir entdecken grosse, wilde Tiere; da ist zum Beispiel eine Wildsau mit ihren Frischlingen, die aber auch gewaltig sind; und auch andere urtümliche, menschtierartige Wesen kommen plötzlich aus ihren Verstecken. Ich fürchte mich einwenig und versuche mich deshalb unscheinbar zu verhalten. Plötzlich kommt so ein Ungeheuer auf mich zu und packt mich. Doch zu meinem Erstaunen zeigt es mir, wie ich mit meinem Gesicht das weisse Licht aufnehmen kann, indem ich mein Gesicht danach richte und es aufsauge…

Mitten in dieser Nacht nach diesem Traum, ziemlich genau bei Vollmond, weckt mich Kaya und will raus - was ganz unüblich ist.

 

Antonio Saura - Goyas Hund http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/kunst/Goyas-kecker-Hund/story/11895659

An einem Donnerstag im April

Es ist ein Tag an einem Donnerstag im April. Ich sitze auf dem blauen Sofa, neben mir liegt Kaya ausgestreckt, entspannt. Draussen auf dem Balkon ist Mika, er liebt die Kälte, die zwar heute nicht so recht zum April passen will.
Das Leben zittert, es ist da, immer, ich beschreibe es, ich notiere es, sinnlos, sisyphoisch, und trotzdem tut es irgendwie gut, es stärkt mein Da-Sein, zieht meine Identifikation weg vom Verstand; mein Körper, der Rücken spürt das Kissen, meine Fusssohlen spüren den Druck des Sofas, besonders die Fersen; so reich ist das Leben, sind die ständigen Sinneseindrücke, dass es mir ganz verständlich erscheint, dass wir nicht nachkommen, dieses Erleben zu beschreiben.
Weshalb, frage ich mich, träumte ich diese Nacht, wie so oft, ich wäre unvorbereitet oder wichtige Dinge meines Alltags vergessend mit dem Zug auf eine weite Reise gegangen? Im Zug habe ich dann festgestellt, dass mein Kontaktlinsenbehälter und die Kontaktlinsenflüssigkeit noch daheim sind. Auch habe ich keine anständigen Kleider dabei. Es geht an irgendein familiäres Treffen, mit Grosspapa, könnt in Italien sein, bei meinen Verwandten dort.
Es ist ein übles Gefühl so im Zug zu sitzen. Ich kenne dieses Gefühl. Nicht vorbereitet, nicht bereit, dem nächsten Moment zu begegnen oder zu stark in der Angst vor dem nächsten Moment. Weshalb will der Traummacher, dass ich immer wieder dieses Gefühl erlebe? Denn anders kann ich`s nicht ansehen, als eine fortwährende Einladung, diese Unvorbereitung zu fühlen.
Wenn ich nicht vorbereitet bin, was passiert dann? Dann bin ich irgendwie deplaziert, irgendwie falsch, falle auf; andererseits zwingt mich dieses "unvorbereitet" in den Augenblick, zwingt mich weg vom Planen, von der Vorstellung, wie es sein könnt, und ich muss ganz in den Moment. Es entsteht Kontakt, Leben, und ich komme an im Leben der Improvisation, der Kreation und werde spontan.
Das Leben ist immer da, ich vergesse es; es erinnert mich, weil ich`s vergessen hab. Schlechte Gefühle, sogar in der Nacht, erzeugt durch üble Geschichten, erinnern mich, hinzuschauen und diese Gefühle zu erleben und zu fühlen und damit wieder in den Fluss des Lebens zu steigen, den ich in Tat und Wahrheit gar nie verlassen konnte. Das Vergessen führt zum Erinnern. Die Entdeckung des Vergessens. Die Entdeckung des Verlierens. Die Entdeckung des Versagens. Die Entdeckung des Falschen, des Fehlers. So, scheint es, funktioniert das menschliche Leben.

Abschied

Für Tina

In der Schlaufe des Depots
jammert die erste Strassenbahn
Und Krähen fangen an
den Morgen hervorzuschimpfen
Das Dunkel zerbröckelt
und die Kälte beisst
Die Stadt macht ein Auge auf
spürt den Kater
macht es wieder zu
Ein betrunkener Engel
schiebt sein Fahrrad
durch die Gassen
Und verblühte Nachtschwestern
sind unterwegs
heimzu
Da und dort
hängen noch
Uhren ohne Zeiger
und aus einem offnen Fenster
piepst ein elektronischer Wecker
O Gott
Schlag ihn tot!
Der Morgen möcht noch einwenig Ruhe haben
vor der Grausamkeit des Tages
wie ein Frischgeworfenes in der Fruchthülle
vor dem rauen Zungenlecken des Lebens
Einer Geige klagend Lied wird fortgetragen
vom Trauerzug des Morgennebels
Und in den Bistros suchen die ersten Fabrikarbeiter
ihre dumpfen Spiegelbilder in den halb leeren Kaffeetassen
Ich kann mich dem Gesang des Heilsarmeechores nicht entziehen
der am Frost des Tages glühende Herzen kühlt
und gebe den Uhren die Zeiger zurück
verschämt
weil ich ihre Blösse nicht ertrage
und bin der erste Kunde
in der Buchhandlung um die Ecke
wo ich mir das Buch erwerbe
mit den Liebesbriefen
die du mir
nie geschrieben
du
damals
umarmt
vom Duvet der Nacht
die wir zusammen durchschlafen
bis in der Schlaufe des Depots
die erste Strassenbahn
jammert

Bild: Goyas Hund, aus:
http://de.wikipedia.org/wiki/Hund_%28Goya%29

In der Schönheit ist immer die Liebe versteckt.

Schönheit ist Ausdruck der Liebe. Schönheit ist der Ruf, mit dem die Liebe das Herz weckt. Schönheit berührt die Herzen und öffnet die Herzen, und Schönheit ent­springt dem Herzen aller Dinge selbst.
In der gewaltigsten wie in der winzigsten Äußerung von Schönheit ist die Liebe zu finden; in der Schönheit des Sonnenaufgangs wie in der Schönheit einer Blüte, ei­nes Steins, eines Fliegenflügels; in der Schönheit eines Lächelns, einer Handlung, einer Geste; in der Schönheit der Bewegung von Blättern und Wogen, Wolken und Meer, im Flug der Amsel wie im Sprung des Jaguars.
In der Schönheit ist immer die Liebe versteckt.
Liebe ist das Verborgene; Schönheit das Offenbare.
Wenn die Schönheit einer Blume dein Herz berührt, dann deshalb, weil du die Liebe fühlst, die in ihr Aus­druck findet.
Hänge dein Herz nicht an die Blume, die morgen verwelkt; hänge es an die Liebe. Liebe die Blume; pfle­ge und ehre und achte sie; fühle ihr Leben und fühle ihr Sterben; aber hänge dein Herz nicht an sie.

Safi Nidiaye, Die Stimme des Herzens, ISBN: 978-3-404-70153-7

Ein ganz banaler Engel

Für Ursula

Graublau ist der Himmel
Mein Körper liegt auf dem Sofa
Die Füsse biegen sich angenehm satt
über die Wölbung der Sofakante
Fern klingen die Geräusche der Stadt
und ab und zu der Motor
eines ankommenden oder abfahrenden Autos
Alles ist in der Grossen Stille geborgen
wie in einer dunklen Muschel
Jetzt höre ich sie
mit dem Hund
die Treppe hinaufkommen
Ein Kratzen an der Tür
sie geht auf
und ein nasser und verdreckter Hund
stürmt hinein
und begrüsst mich
hingebungsvoll
Da schwirrt ein ganz banaler Engel
durch den graublauen Himmel
Oder war das eine Täuschung?
Das Rauschen der Pelerine
die sie jetzt abstreift
ist ein Klagegesang
von tausenden
sterbenden
Regentropfen
Es ist unmöglich
das Leben zu beschreiben
Es ist zu gross
Mein Verstand stürzt zusammen
und ich begrüsse das Leben
so hingebungsvoll
wie der Hund
mich

Kaya träumt den Wolfstraum

der in etwa so lautet:

Wurfhöhle

Bei fortschreitender Trächtigkeit hält sich das Rudel in der Nähe der von der Leitwölfin ausgewählten Wurfhöhle auf, welche über mehrere Jahre dieselbe sein kann. Entweder wurde sie selbst gegraben, oder sie übernehmen eine bestehende, von einer anderen Tierart verlassene Höhle. Im Territorium gibt es verschiedene Höhlen, damit im Falle einer Störung, die Welpen in eine andere Höhle verlegt werden können. Kurz vor der Geburt verkriecht sich die Wölfin in die Höhle und lässt kein anderes Rudelmitglied mehr hinein. Nach der Geburt suchen die Kleinen sofort die Zitzen und beginnen zu trinken. Die ersten 3 Tage bleibt die Mutter immer bei ihren Welpen, sorgt sich liebevoll um die Kleinen und verlässt die Höhle nicht.

Geburt

Wolfswelpen sind Nesthocker und kommen mit verschlossenen Augen und Ohren zur Welt und haben ein Geburtsgewicht von 300-500g. Der neugeborene Welpe nimmt seine Umwelt überwiegend durch Berührungs- Wärme- und Geruchsreize war.

1-14 Tage (Vegetative / Neonatale Phase)

In den ersten 2 Lebenswochen sind die Welpen vor allem am Schlafen und Trinken. Sie suchen die Zitzen der Mutter mit suchpendelnden Bewegungen und im Kreis kriechen, sie machen den Milchtritt und können sich abstemmen. Sie suchen immer die Wärme der Mutter und Geschwister, da sie ihre Körpertemperatur noch nicht selbst regulieren können. Ihre Lautäusserungen sind Mucken und Schreien. In dieser Phase sehen und hören sie noch nichts, der Geruch- und Geschmacksinn sind aber schon vom 9. Tag an voll ausgeprägt.

2-4 Wochen (Prägungsphase)

Die Prägung ist ein rascher Lernvorgang in einer frühen, sensiblen, kurzen Lebensphase mit  irreversiblen Ergebnis. In der 3. Lebenswoche verändert sich die Fähigkeiten der Jungen gewaltig, mit 12-15 Tagen öffnen sich die Augen, sie sehen zu Beginn aber nur schwach, hell und dunkel. Bis sie wirklich scharf sehen vergehen noch 14 Tage.  Die Ohren richten sich auf und öffnen sich, die Hörfähigkeit ist Ende 3. Woche vorhanden. Erste Umweltreize werden wahrgenommen, die Bewegungen werden kontrollierter, sie können schon knurren und selbständig Harn- und Kot absetzen. Die ersten Zähne brechen durch, zuerst kommen die Schneide- (Incisivi) dann die Eckzähne (Canini). Zwischen der 3. und 4. Lebenswoche verlassen die neugierigen Welpen zum ersten Mal die Höhle und lernen das Rudel kennen. Sie bekommen auch schon etwas vorverdautes Fleisch, das die erwachsenen Wölfe ihnen vorwürgen. Die Mutter verlässt die Höhle immer häufiger.

4-8 Wochen (Sozialisierungsphase)

Mit 4 Wochen sind alle Sinnesorgane voll ausgebildet und die körperliche und mentale Entwicklung geht rasant vorwärts. Vor allem die Gliedmassen und alle anderen überlebenswichtigen und relevanten Körperteile wachsen extrem schnell, um sich auf das Überleben in der Natur vorzubereiten. In dieser Lebensphase lernen sie das ganze körperliche Grund-Know-How. Sie erlernen die Körpersprache, das Spiel- und Jagdverhalten entwickelt sich, sie machen erste Beiss- Kampf- und Bewegungsspiele. Alles im Rudel dreht sich nun um die Aufzucht der Welpen. Alle Rudelmitglieder helfen bei der Welpenaufzucht mit. Wenn das Rudel auf der Jagd ist, bleibt immer mindestens 1 Rudelmitglied bei den Kleinen (meist einer der Jährlinge). Bereits in der 6. Woche verfügen Wolfsjunge über den Grossteil ihres späteren Verhaltensrepertoires, das beim intensiven Spiel immer weiter gefestigt wird. Beim Spielen üben die Welpen Verhaltensweisen aus verschiedenen Funktionskreisen, sie üben körperliche Fertigkeit und Sozialverhalten. Spielen ist für eine normale soziale Entwicklung unerlässlich und umfasst angeborenes und erlerntes Verhalten. Sie nehmen immer mehr feste Nahrung zu sich und mit  6-8 Wochen werden sie von der Mutter entwöhnt. Die Augenfarbe wechselt langsam von blau zu meist bernsteinfarben.

8-10 Wochen

Das Rudel zieht nun mit den Welpen an einen seiner sogenannten „Rendevouz“ Plätze, der sowohl weite Flächen für Spiele und Jagdversuche, als auch ausreichendes Rückzugsgebiet für den Gefahrenfall bietet.

3 Monate

Die Welpen begleiten gelegentlich das Rudel beim Herumstreifen und erkunden immer mehr die Umgebung. Mit 3-4 Monaten beginnt der Zahnwechsel. Zuerst wechseln die Incisivi (Schneidezähne).

4-6 Monate

Mit 4-6 Monaten wechseln die Canini (Eck- oder Fangzähne), dann die Prämolaren  2, 3 und 4 (vordere Backenzähne). Der Prämolar 1 erscheint mit 4-5 Monaten und wechselt nicht. Alle Molaren (hintere Backenzähne) erscheinen nur im Ersatzgebiss. Mit  ca. 7 Monaten ist das Ersatzgebiss vollständig.

6-8 Monate

Die Jungwölfe verlassen nun den „Rendevous“ Platz und begleiten das Rudel auf dessen Wanderungen und auf der Jagd. Jagderfolge wurden in diesem Alter aber noch nicht beobachtet. Sie sind schon beinahe so gross wie die erwachsenen Wölfe.

12 Monate

Von der Grösse her unterscheiden sie sich von den erwachsenen Wölfen kaum mehr, das Skelett ist nun vollständig ausgewachsen. Die vollständige Masse erreichen sie aber erst mit ca. 2 Jahren.

22 Monate

Erreichen der Geschlechtsreife. Viele Jungwölfe verlassen jetzt das Rudel um einen Partner/in zu suchen und in einem neuen Territorium eine eigene Familie zu gründen.

aus:
http://chwolf.org/woelfe-kennenlernen/biologie-ethologie/welpen-entwicklung/geburt-bis-geschlechtsreife

Kaya

Ich bin im Schlafzimmer und halte Kaya in den Armen. Sie ist 8 Wochen alt und ihre Augenfarbe jadegrünlich. Wir schauen uns in die Augen; dabei verwandelt sie sich und ich auch; sie wird kein Mensch, ich kein Hund, aber wir treffen uns, irgendwo in der Mitte - im Sehen. Es ist ein sehr eigenartiges Gefühl.
Dann sagt sie zu mir: Nicht wahr, dir geht es um die Liebe. Ich sage, ja. Sie sagt, nein, nicht diese Liebe, die du meinst, nicht die romantische, dir geht es um die grosse Liebe, um die Liebe des Herzens.

Ich erwache. Es ist der Morgen des 5. August 2012. Ich schlafe bei meiner Partnerin, die zu dieser Zeit bei einer Freundin wohnt, deren Husky-Hündin Enya am 10. Juni 2012 sieben muntere Welpen  geworfen hat. Kaya ist die Zweite im Wurf, und ab diesem Morgen soll sie zu uns gehören.

Der Vorname Kaya ist zum einen ein Mädchenname, und zum anderen ein Jungen- beziehungsweise Familienname. In Deutschland ist Kaya eher ein Vorname für Mädchen. In der Türkei hingegen ist der Name eher für Jungen zu finden, dort gibt es ihn aber auch als Familiennamen. Aus dem Türkischen übersetzt bedeutet Kaya „Der Fels“. Den Namen Kaya gibt es in sehr vielen verschiedenen Sprachen, somit hat er auch verschiedene Bedeutungen. In Zulu beispielsweise bedeutet Kaya so viel wie „Zuhause“. In der Sprache der Hopi Indianer hat Kaya auch die Bedeutung „kluges Kind“, „grosse Schwester“ oder „Weide“. In Japan ist Kaya ein Mädchenname und bedeutet so viel wie „Ort der Ruhe“. Im Französischen kommt Kaya auch als Abkürzung von Katharina vor und bedeutet somit „Die Reine“. Möglicherweise hat Kaya seinen Ursprung auch in der griechischen Mythologie und bezieht sich auf die Göttin Gaia, der personifizierten Erde. Auch in afrikanischen Ländern ist Kaya als Vorname gebräuchlich. Der berühmteste Deutsche namens Kaya, ist der Komiker und Fernsehmoderator Kaya Yanar. Seine Durchbruch hatte er mit der Comedy-Sendung „Was guckst du?!“.

aus:
http://www.frauenzimmer.de/tools/vornamen-lexikon/name/bedeutung/vorname-kaya-568

Kaya ist grazil, 18 kg schwer, knapp 54 cm hoch. Sie hat helle, bernsteinfarbige Augen - die Augen des Wolfes. Sie ist symmetrisch gezeichnet und bewegt sich anmutig schwebend. Sobald etwas Schnee liegt, wird ihr Gang wie beim Wolf schnürend. Sie hat eine starke Ausstrahlung von Schönheit und Ruhe, eine wilde Ruhe. Menschen, die gewöhnlich Angst vor Hunde haben, verlieren bei ihr diese Angst. Ihre Mischung zwischen Wildheit und Lieblichkeit ist bezaubernd. Sie ist zudem unglaublich wendig und schnell. Den mehr als 10 kg schwereren und viel kräftigeren Mika legt sie spielend auf den Rücken. Sie macht das geschickt, indem sie ihn verfolgt, seine Rute packt und ihn mit der Rute in der Schnauze seitlich überholt. Er verliert unweigerlich sein Gleichgewicht, stürzt und sie ist über ihm.

IMG_1950Kaya ist eine gesellige Hündin mit grosser sozialer Intelligenz. Ein A-Typ, doch einiges sensibler als Mika. Sie regelt Hundebegegnungen gerne selber und immer sehr kompetent.
Sie verlangt eine hohe Individualdistanz, was ihr etwas Stolzes und Würdevolles gibt, aber auch Unnahbares; dies ist aber eigentlich typisch für eher ernstere, urtümliche Hunderassen. Sie ist eine Rüdin, das heisst sie hebt beim Markieren ein Bein.

Ihre Mutter ist Enya, eine sehr schöne, helle Siberian Husky Hündin, die eigentlich mit einem Husky-Zucht Rüden hätte verpaart werden sollen. Doch der Nachbarshund vom Bauernhof, ein Mischmasch von Border Collie und angeblich auch Husky, entführte sie in einem günstigen Augenblick, und als am 10. Juni 2012 sieben gesunde Welpen zur Welt kamen, fand dieses Romeo und Julia Thema der Hundewelt ein glückliches Finale.

IMG_9445

IMG_9447Der Vater von Kaya:

IMG_0506Unter anderem da Kaya eine schöne, selbstsichere und doch sensible Hündin ist, hatten wir im Sinn mit ihr im 2016 einmal zu züchten, dann nämlich, wenn wir endlich ein Haus auf dem Lande gefunden hätten und unsere 2-Zimmerwohnung in der Stadt aufgeben könnten.
Doch die Hunde, die grossen Botschafter des Lebens, wollten es anders. Obwohl wir aufpassten, schafften es die beiden, sich bereits am 7. Februar dieses Jahres zu decken (Mika war erst 8 Monate alt).
Ich war mit ihnen allein in einer Blockhütte. Der Moment, ab dem sie für einige Monate die Kontrolle über unser Leben übernahmen, wurde - Ironie des Schicksals - von mir zufälligerweise dokumentiert:

Da ich rutschige Hausschuhe an hatte, bin ich ihnen in dem hohen Schnee nicht sofort nachgesprungen, stattdessen in die Hütte hinein, um vom Fenster aus zum Rechten zu sehen - doch da war es schon zu spät! Die nächste Aufnahme, die mir dann, von meinem psychischen Zustand her, zu schiessen wieder möglich war, sah - 15 Minuten später - so aus:

HängendEs macht mich, neben all dem guten Stress und dem vielen organisatorischen Aufwand dieser Zeit, immer wieder glücklich zu sehen, wie instinktsicher Kaya ist. Die fast reibungslose Geburt hat es gezeigt; und momentan läuft auch alles mit der Laktation bestens. Kaya hat schnell genügend Milch produziert, frisst bereits das dreifache und die Welpen sehen gesund aus. Sie verhält sich sehr mütterlich und sauber, kaum, dass man Kotwürstchen in der Wurfkiste antrifft.

Kaya im Alter ihrer Welpen heute mit 18 Tagen:

Kaya 18 Tage alt io