Unsere Augen

Unsere Augen gebrauchen wir, um uns zu sehen und zu erkennen. Wir können damit unsere Hände, unsere Füße und unseren Bauchnabel betrachten. Nun gibt es aber bestimmte Körperteile, die wir niemals direkt zu sehen bekommen, etwa unser Gesicht.
Um die unseren Augen nicht zugänglichen Körperpartien erkunden zu können, brauchen wir einen Spiegel.
Gleichermaßen gibt es in unserer Persönlichkeit, in unserer ganzen Art, mit Menschen und Dingen umzugehen, Eigenschaften, die unserer Wahrnehmung verborgen bleiben. Um sie zu sehen, brauchen wir ebenfalls einen Spiegel. Und der einzige Spiegel, in dem wir uns möglicherweise erkennen können, ist der andere. Der Blick des anderen zeigt mir, was meine Augen nicht sehen.
Und genau wie in der physikalischen Wirklichkeit hängt auch hier die Präzision des Widergespiegelten von der Qualität des Spiegels und der Entfernung ab, in der er zu uns steht. Je präziser der Spiegel ist, desto detaillierter und wirklichkeitsgetreuer wird sein Bild ausfallen. Je geringer die Distanz ist, aus der ich mein reflektiertes Bild betrachte, desto klarer wird die Wahrnehmung meiner selbst sein.

Aus: Jorge Bucay Lieben mit offenen Augen