Unsere persönliche Geschichte

Wenn die Welt zu uns spricht, ist es unmöglich, zu sagen, ob sie etwas mit uns macht oder umgekehrt. Wir mögen uns als Verursacher oder Empfänger verschiedener Ereignisse wahrnehmen, aber niemals wissen wir sicher, ob wir Botschaften aussenden und Antworten bekommen oder ob die Welt uns Botschaften schickt, die wir beantworten.

Diese innewohnende Symmetrie oder Unveränderlichkeit einer Botschaft bedeutet, daß wir nicht annehmen können, das Zentrum des Universums zu sein, das die Dinge initiiert und erschafft. Wir sind ein Aspekt der Welt. Diese radikale Verlagerung der Identität vom Mittelpunkt zum Teilnehmenden ist das Ziel mystischer und spiritueller Traditionen.

Uns selbst als Teil der ganzen Welt zu erleben, könnte eine Identitätskrise auslösen, wenn wir uns der Erfahrung der Umgebung aussetzen würden. Synchronizitäten, obwohl sie momentan erschütternd sein können, sind jedoch nicht in der Lage, Lehrlinge, wie wir es sind, aus unserer personzentrierten Welt hinauszubefördern. Wir werden wahrscheinlich eine weitere Lektion brauchen.

Buddhistische Lehren, schamanische Rituale und selbst der Prozeß des Alterns weisen darauf hin, daß unsere persönliche Identität bald verschwinden wird. Die persönliche Geschichte, die Rolle, die wir in einer bestimmten Gemeinschaft und Welt innehaben, ist gleichbedeutend mit unserer Identität. Wir sind der Mann, die Frau, die Mutter, der Vater, die Ehefrau, der Ehemann, der Partner, der Student, der Mechaniker, der Lehrer; der Protestant, der Katholik, der Jude, der Moslem, der Buddhist; der Afrikaner, der Amerikaner, der Europäer, der Australier, der Japaner, der Indianer und viele andere. Wir sind all das und noch vieles mehr. Wir identifizieren uns mit unseren vergangenen und gegenwärtigen Tätigkeiten, unseren Begabungen und unseren Problemen.

Wir müssen unsere persönliche Geschichte auslöschen; andernfalls sind wir abhängig davon, was die anderen über uns denken. Unsere Identität grenzt uns ein, indem sie uns in eine soziale Rolle oder in eine Form preßt, die von unserer Gemeinschaft gebraucht wird. In diesem Sinn haben die Gedanken der anderen Macht über uns. Wenn wir Indianer sind und an der Universität zu studieren beginnen, könnten unsere neuartigen Bemühungen den Verdacht unserer Geschwister erregen. Wenn wir als Hausmann zu studieren anfangen, könnte der Haushalt zu kurz kommen. Wenn wir als Pfarrer über die Göttlichkeit der Umgebung sprechen, könnte es Schwierigkeiten mit der modernen Kirche geben. Wenn wir uns als Frau entscheiden, nicht zu heiraten, können wir von unserer Familie ausgestoßen werden. Sind wir homosexuell oder lesbisch, wird die Welt uns wahrscheinlich ablehnen. Unsere Welt projiziert ihre Begabungen und ihre Probleme auf unsere Identität und nimmt uns so die Freiheit, zu sein, wer wir sind. Dennoch lösen wir uns auf vielerlei Arten, bewußt oder unbewußt, von unserer persönlichen Geschichte. Veränderte Bewußtseinszustände, wie Zorn oder Ekstase, können unsere Identität stören. Wenn wir uns in eine verbotene Person verlieben, geraten wir in Konflikt mit dem, der wir bisher gewesen sind. Unsere persönliche Geschichte wird erschüttert, wenn wir uns mit verbotenen Dingen beschäftigen, uns in Todesnähe befinden oder krank werden; wenn ein Partner stirbt oder uns verläßt oder wenn unsere Kinder erwachsen werden.

Entweder lösen wir uns freiwillig von unserer persönlichen Geschichte, oder wir beginnen zu fürchten, daß der Tod oder eine Behinderung sie uns wegnehmen wird. Das Leben besteht darin, ständig dem Schrecken und der Freude gewachsen zu sein, ein neues Individuum ohne Geschichte zu werden. Ich weiß von meinen Studien der Kindheitsträume, daß die Loslösung von der persönlichen Geschichte die entscheidende Lektion ist, die jedem von Geburt an zu lernen bestimmt ist. Unsere frühesten Erinnerungen oder Träume enthalten oft einen dramatischen Konflikt und eine Bedrohung unserer Identität; Dämonen, Hexen und Ungeheuer verfolgen uns.

Wenn mächtige Verbündete in unseren frühesten Träumen als Gegner auftreten, ist es unser Mythos, einem Verbündeten entgegenzutreten, ob wir diese Begegnung wollen oder nicht. Im Laufe unseres Lebens treffen wir in vielen Formen auf unsere mythischen Angreifer, bis wir die Art, uns selbst zu definieren, verändern. Während bestimmter Lebensabschnitte scheinen die Attacken nachzulassen. Doch sie kommen wieder, um uns erneut dazu herauszufordern, unsere persönliche Geschichte abzulegen.

Es ist, als würden wir viele Male leben und sterben. Manchmal scheint es, als hätten wir gerade diese eine zentrale Lektion zu lernen: ununterbrochen alle möglichen starren Identitäten fallen zu lassen. Die Taoisten und Buddhisten fassen es kurz: Nichts ist beständig. Statt das jedoch zu realisieren, halten wir immer wieder Ausschau nach einer idealen Zeit, in der wir Freiheit vom Kampf zwischen uns selbst und unseren Träumen erreichen werden. Wir glauben nämlich, frei zu sein, sobald wir unsere Probleme überwunden haben. Wir fühlen uns angezogen von Geschichten, in denen das Leben des Helden davon abhängt, wie der dramatische Kampf zwischen ihm selbst und einem jenseitigen Herausforderer ausgeht.

Wir treffen Entscheidungen, um zu versuchen, uns in eine bestimmte Richtung zu verändern oder ein Programm aufzunehmen, das uns verändern soll, indem wir eine Identität durch eine andere ersetzen oder beide miteinander vermischen. Wir versuchen sogar, unser altes Selbst aufzugeben und uns mit etwas Neuem und Nützlichen zu identifizieren. Aber unser Leben kann immer noch ein völliges Durcheinander sein, das uns mit chronischen Beschwerden und Beziehungskonflikten quält.

Schließlich kommt der Punkt, an dem alles immer komplexer wird, je mehr wir uns verändern. Es reicht nicht, die Identität zu wechseln und von einer früheren Hemmung frei zu werden. Der Prozeß, die persönliche Geschichte zu schaffen und sie wieder fallenzulassen, führt zu der Entdeckung, daß wir weder dies noch jenes sind, sondern das Bewußtsein von allem zusammen.

Schamanische Zerstückelungs- oder Initiationsrituale spiegeln diese Gipfelerfahrungen. In ihnen trifft der Lehrling oder der Suchende auf unglaubliche Kräfte - heimtückische Dämonen - und erlebt unvorstellbare Qualen, während sein Körper in seinen Visionen auseinandergerissen und zerstückelt wird. Die Symbolik, daß Glieder und Eingeweide entfernt und später wieder eingefügt werden, bringt Erfahrungen zum Ausdruck, die viele Menschen über eine Zeitspanne von 10 oder 20 Jahren durchmachen. Chronische Krankheiten, das Gefühl, von entgegengesetzten Mächten auseinandergerissen zu werden, und Nah-Todeserfahrungen haben oft das Ziel, uns von unserem eigenen Ich zu „reinigen" und uns mit Leer-Sein oder der reinen Natur wieder aufzufüllen. In solch schwierigen Zeiten werden wir gezwungen, uns aufzulösen, in Teile zu zerfallen und uns von der Neigung zu befreien, uns selbst immer wieder als eine ganz bestimmte Person mit einer ganz bestimmten Aufgabe zu sehen. Entweder werden wir flexibel, oder die Natur löscht uns auf ihre eigene Weise aus.

Das erinnert mich an eine Klientin, die meditierend an einem inneren Dialog arbeitete. Visionen und Körpersensationen stiegen als Teil ihres mentalen Flusses auf. Plötzlich, aus dem Nichts, hörte sie eine Stimme, die sagte, daß sie das Baby verlieren würde, mit dem sie bereits schwanger war. Die Stimme versetzte sie in großen Schrecken, der verstärkt wurde durch die Tatsache, daß sie bis zu ihren späten 30er Jahren gewartet hatte, um schwanger zu werden und sich jetzt bereits im achten Monat ihrer Schwangerschaft befand.
Unter Tränen gestand sie mir, es sei ihr größter Wunsch gewesen, ein Kind zu bekommen. Das Kind würde die Erwartungen ihrer Verwandten erfüllen und sie endlich zufriedenstellen. Was konnte ich da sagen? „Versuche herauszufinden, wer hinter dieser Stimme steht", schlug ich vor.
Sie wendete sich nach innen und sagte mir, die Stimme gehöre zu Gott. „Er sagt, ich solle meine Identität als Mutter aufgeben und Studentin werden. Andernfalls würde er mich töten", berichtet sie. Sie entschloß sich unverzüglich, ihr neues Studium aufzunehmen. Einige Wochen später wurde ihr Kind völlig gesund geboren. Durch einen ungewöhnlichen Unglücksfall im Krankenhaus starb es jedoch, bevor es drei Tage alt war. Meine Klientin war auf diese Tragödie, so weit das überhaupt möglich war, vorbereitet. Sie ließ ihre persönliche Geschichte als Mutter fallen und lebte weiter, gemäß der neuen Richtung ihres Schicksals. Gott mochte ihr Kind ausgelöscht haben, aber vorher hatte sie sich selbst ausgelöscht.

Die persönliche Geschichte auszumerzen bringt normalerweise großen Schmerz mit sich. Jahre unerträglichen Leidens gehen dieser vom Tod vorhergesagten Wandlung häufig voraus. Wir verbringen viel Zeit damit, gegen das Schicksal anzukämpfen. Es ist so voller Unsicherheiten und erschreckt uns immer wieder mit Symptomen und Schwierigkeiten, die wir glauben, niemals lösen zu können.

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When the world speaks to you, it is impossible to tell whether the world is doing things to you or you are doing things to it. You may perceive yourself as causing some events and being the recipient of others, but you never know for sure whether you send messages and get responses or whether the world sends you messages to which you respond.

This inherent message symmetry or invariance means that you cannot assume that you are the center of the universe, initiating or creating things. You are an aspect of the world. This radical shift in identity from being the center to being a participant is the goal of mystical and spiritual traditions.

Sensing yourself as a part of the entire world would create an identity crisis if you let yourself experience the environment. However, synchronicities, though momentarily shocking, are not enough to shake apprentices like you and me out of our person-centered world. We may need another lesson.

Buddhist teachings, shamanistic rituals, and simply the process of aging imply that your personal identity will soon disappear. Personal history is your identity, the role you have in a given community and world. You are the man, woman, mother, father, wife, husband, partner, student, mechanic, teacher; the Protestant, Catholic, Jew, Mohammedan, Buddhist; the African, American, European, Australian, Japanese, Indian; and so on. You are all of these things and more. You identify with your past and present pursuits, your gifts and your problems.

You must erase your personal history; otherwise, you are at the mercy of what others think. Your identity limits you by forcing you into a social role or mold needed by your community. In this sense, other people s thoughts of you have power over you. If you are a Native American and begin to study at the university, your brothers and sisters might be suspicious of your new endeavor. If you are a homemaker and begin to study, your household may resent you. If you are a minister and talk about God as the environment, you may run into trouble with the modern church. If you are a woman and decide not to marry, your family may reject you. If you are gay or lesbian, the world may disown you. Your world projects its gifts and problems upon your identity and in this way takes away your personal freedom to be who you are. Nevertheless, you detach from your personal history, consciously or unconsciously, in many ways. Altered states of consciousness, such as fury and ecstasy, may disturb your identity. When you fall in love with a forbidden person, you find yourself in conflict with who you were. Your personal history is shaken when you study forbidden subjects, are near death, or become ill; when a partner dies or leaves; or when your children grow up.

Either you detach yourself from your personal history or you begin to fear that death or injury will remove it for you. Life consists of continually facing the terror and pleasure of becoming a new individual without history. I know from my study of childhood dreams that removing personal history is the crucial lesson that everyone seems destined to learn from birth. Your earliest memories or dreams often involve a dramatic conflict and threat to your identified self; demons, witches, and monsters chase you.

If powerful allies appear as antagonists in your earliest dreams, your myth is to confront an ally, whether you agree to this encounter or not. As you live, you confront your mythical attackers in many forms until you change the way in which you define yourself. During certain periods of your life, the attack seems to abate, yet it returns again to provoke you to remove personal history.

It is as if you live and die many times. It seems sometimes as if you have just one central lesson to learn: to continuously drop all sorts of rigid identities. The Taoists and Buddhists put it briefly: Everything is impermanent. Instead of realizing this, however, you find yourself looking forward to some ideal time when you shall achieve freedom from the battle between yourself and your dreams, believing that if you could overcome your problems you would be free. You find yourself attracted to stories in which the hero’s life hangs upon the outcome of a dramatic battle between himself and a challenger from the beyond.

You make decisions to try to change in one direction or to adopt a program that changes you, substituting one identity for another or blending the two. You even try to give up your old self and identify with something new and useful. But your life may still be a mess, as you are troubled by chronic ailments and relationship conflicts.

Finally the point arrives when the more you change, the more you sense the complexity of it all. Changing identities, even becoming free from a previous inhibition, is not enough. The process of creating and dropping personal history leads to the discovery that you are neither this nor that, but the awareness of it all.

Shamanic dismemberment or initiation rituals mirror this peak experience. In these, the apprentice or seeker meets incredible forces—vicious demons—and undergoes unthinkable torture while her body is torn apart and dismembered in visions. The symbolism of having the limbs and intestines taken out and later replaced reflects the experiences many people go through over a period of ten or even twenty years. Chronic illness, feelings of being torn asunder by opposing forces, and near-death experiences frequently have the goal of “cleansing” you from your own self and refilling you with nothingness or with pure nature. During such difficult times, you are forced to undo yourself, to go to pieces, to free yourself from the tendency to think of yourself at any given time as one type of person with one type of task. Either you become fluid, or nature erases you in its own way.

This reminds me of one of my clients who was sitting in meditation, working on an inner dialogue. Visions and body sensations arose as part of her mental flux. Suddenly, out of nowhere, a voice came to her and said that she would lose the baby she was then carrying. The voice sent her into a great shock, compounded by the fact that she had waited until her late thirties to become pregnant and was now in her eighth month.
Tearfully, she told me that having a baby had become her greatest wish. The baby would fulfill and finally satisfy the expectations of her relatives. What could I say? “Find out who stands behind that voice,” I suggested.
She turned inside and told me that the voice belonged to God. “He said I should either give up my identity as a mother and become a student or he would kill me,” she reported. She decided immediately to take up her new studies. A few weeks later, her baby was born as healthy as could be, but because of an unusual accident in the hospital the child was killed before it was three days old. My client was as prepared as she could be for this tragedy. She dropped her personal history as a mother as fluidly as she could and lived on according to the new direction of her fate. God may have erased her baby, but she had erased herself first.

Uprooting personal history usually involves a great deal of pain. Years of unbearable suffering generally precede the transformation presaged by death. You spend a lot of time struggling against fate. Fate always seems so precarious, always threatening you with symptoms and difficulties beyond your ability to solve.

Arnold Mindell The Shaman`s Body - Den Pfad des Herzens gehen

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