In Deinen Armen

Ich kann in Deinen Armen
nicht einen Gedanken verschwenden
an die Zukunft
und die Erinnerung bricht
wie die Augen eines sterbenden Hundes
denn nur Du
nur Du
bist wahr
Du bist das All
das in meine Hände glitscht
wie ein frisch geborenes Vogelei
Du bist der Apfel
dem Baum des Lebens geraubt
von meinen Zähnen gehehlt
und von der Seele verdaut
Oh lass mich endlich
die Zeit beerdigen
in der Unendlichkeit
Deines Lidschlags
Und kentere mich
vom Deck des rostenden Kahns
der unter der hochmütigen Flagge meines Ichs
seit zahllosen Lebenszeiten
die Weltmeere betrübt
Schiffbrüchiger will ich sein
auf dem Meeresgrund Deiner Augen
an die azurnen Korallen
Deiner Seele gekreuzigt
trunken von der Weisheit der Ertrunkenen
nichts anderem verfallen
als Muttermale zu zählen
auf dem sandgelben Grund Deiner Haut
die Schatten
die die unzähligen Sterne
werfen

Bild: wahrscheinlich Alex Grey

Tanz der Teetassen

Heut Morgen
sind den Liebenden
die Teetassen entwischt
Jetzt tanzen sie
am Himmel
für dich
Schau hin
sie schweben da
nur einen Teeschluck lang
Unsinnige Leute
bejagen sie
als Unbekannte
Fliegende Dinge
Sinnige
vermissen hingegen
ihre Spiegelbilder im Tee
und finden sie jetzt
in jedem Gesicht
Eine alte Frau
hat auch nicht mehr
alle Tassen im Schrank
Vom Hausdach aus
will sie
die Getürmten
vom Himmel holen
Doch Herr Engel
die ungelebte Liebe
in ihrem Leben
klammert sie dort
beharrlich fest
und trinkt
ihren herben Tee
so ganz entzückt
wie nur
ein Engel
trinken kann
Heut ist der Himmel
voller Teetassen
Sie schweben
über uns
für dich
Und die Engel
haben das gleiche Problem
Ihnen sind
die Gloriolen entwischt
Jetzt tanzen sie
auf Erden
über jedem Gesicht

Bild: Teetassentanz Zeichnung auf Teebeutelpapier

Vorstadtblues

Über der Vorstadt
flimmert der Himmel
wie die Filmleinwand
nach dem Abspann

Aug um Aug
stirbt den Passanten
das Schauen

Wie Blinde
mit den Regenschirmen
gen Himmel
tasten sie sich
nach Hause

Im Birkengeäst verletzen sich
die Regentropfen

Unter den Dolendeckeln frohlockt
das Abwasser

An den Buchenhecken
hängen noch
tote Blätter
vom Jahr zuvor
braun und schwer
wie nasse Hundezotteln

Jedes Auto wirft
Gischt auf
die trüb
 über
die Gehsteige spült

In den Tannenwipfeln
ratschen die Raben
ihre pechschwarzen Seelen
aus den Leibern

Und obschon auf den Wiesen
die Bauprofile ballettieren
und abmessen
zur Himmelnahme
im kommenden Frühjahr

Applaudiert niemand

Marcello Mastroianni liegt im Sarg

Intonieren die gelben Aushänge
im Chor der Kioske
die aus der Stadt schiessen
wie ockerfarbige Pilze

In den Einfamilienhäusern
dröhnen die Heizungskessel

Und hie und da
beglückt dich

Einer Amsel
frierendes Zwitschern

 

 

Bild: An Land gebundene Wolke Zeichnung

Ostern 1984

Angst nach einer Blume
am Abend

Und tote Fliegen
auf dem Tisch

Die Hunde bleiben draussen
und drinnen bleibe ich

Jeder Spiegel
ist ein weiteres Ich

Und jeder Andere
ist der Spiegel

Woher kommen
die Worte?

Woher kommen
die Gedanken?

Woher kommen
die Gedanken über die Gedanken?

Reinkarnation ist jetzt
Ich bin der Andere

Ich bin das verzehrte Osterlamm
Ich bin der zersplitterte Schokoladenhase

Ich bin Jesus Christus
der himmlische Wolf

 

 

Bild: Angst nach einer Blume Tinte auf Papier, ca. 1972

Gestern ist Lila gegangen

Gestern ist Lila gegangen
Unser letztes Spiel
wurde verregnet
von den Glockenklängen der Kühe
und der Heiterkeit der Götter
die voller Staunen sahen
dass es keinen Unterschied gibt
zum Spiel
das sie mit uns spielen

Aiyana

Lila (göttliches Spiel) hört nun auf den schönen Namen Aiyana (ewige Blüte).

Ein unnützer Tag

Erstaunlicherweise
kein Besuch
heut

Nur das Hecheln
des Hundes
nah am Ohr

Im langen Atemzug
des Abends

Vollendet sich
ein unnützer Tag

Höchste Zeit
die Hängematte zu hissen

Am Baum der Erkenntnis
das eine

Am Baum des Lebens
das andere Ende

Und in ihre sehnende Leere
zu fallen

Meine Haut
bekommt der Wind

Meine Ohren
der Gesang der Singdrossel

Meine Augen
behalte ich

So gesichtslos
wie die Wolken
durch den Himmel

Wandern die Gedanken
durch dich

Ob du nun Wolke bist
oder Himmel
oder beides

Ist so was
von egal

Der Verwesungsgeruch
des Kalbsgelenkknochens
unter der Hängematte

Ist dein heutiges
Erwachen

Jeder Tag

Dem Buechli gewidmet

Jeder Tag
ein Schritt

Jede Stunde
ein Schritt

Jede Minute
ein Schritt

Jede Sekunde
ein Schritt

Und das Land
durch das du wanderst

Ist dieser Augenblick

Abend

Es ist Abend
mit einem Vogelgezwitscher

Und es ist Abend
mit einem Autoabfahrgeräusch

Aber es ist Abend
ohne Telefonklingeln

Da ist nur Abend

Mit Kuhglockenklängen
sanft und grün wie das Gras

Und einem zittrigen Wind
vom Tal herauf

Der über die Dinge streicht
wie über eine Haut

Und alles ist Abend

Siesta

Du bräuchtest
keine Geschichte zu bauen
um diese Stille
die du bist
Du könntest
auch einfach
das Gesumm der Fliege sein
die dich umirrt
und die tiefe Wärme
in deinem Gesicht
oder das zarte Licht
das durch deine Augendeckel
schimmert

Mit deinen Tränen

Mit deinen Tränen
sorgfältig eingefangen
von den Scherben
deines gebrochenen Herzens
tränkst du
das dürstende Meer

 

Bild: Der Kuss des Meeres Bleistift auf Papier, ca. 1987

Vollmondnacht 05:43

Still ist diese Vollmondnacht
vollkommen still
Wie eine Saite gespannt
über das Tal unberührt
vibriert sie doch
O Silbersirren der Stille
Horch!
Einsam ruft ein Käuzchen
Niemand zählt die Sterne
Niemand beendet das Gedicht

In deinem Gesicht ist das Licht

In deinem Gesicht
ist das Licht
Und mit deinem Gesicht
bist du das Licht
Ein dunkles Monster
lehrt dich das
Es ist dein Meister

 

In einer wilden und hügeligen Landschaft: Wir entdecken grosse, wilde Tiere; da ist zum Beispiel eine Wildsau mit ihren Frischlingen, die aber auch gewaltig sind; und auch andere urtümliche, menschtierartige Wesen kommen plötzlich aus ihren Verstecken. Ich fürchte mich einwenig und versuche mich deshalb unscheinbar zu verhalten. Plötzlich kommt so ein Ungeheuer auf mich zu und packt mich. Doch zu meinem Erstaunen zeigt es mir, wie ich mit meinem Gesicht das weisse Licht aufnehmen kann, indem ich mein Gesicht danach richte und es aufsauge…

Mitten in dieser Nacht nach diesem Traum, ziemlich genau bei Vollmond, weckt mich Kaya und will raus - was ganz unüblich ist.

 

Antonio Saura - Goyas Hund http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/kunst/Goyas-kecker-Hund/story/11895659

Abschied

Für Tina

In der Schlaufe des Depots
jammert die erste Strassenbahn
Und Krähen fangen an
den Morgen hervorzuschimpfen
Das Dunkel zerbröckelt
und die Kälte beisst
Die Stadt macht ein Auge auf
spürt den Kater
macht es wieder zu
Ein betrunkener Engel
schiebt sein Fahrrad
durch die Gassen
Und verblühte Nachtschwestern
sind unterwegs
heimzu
Da und dort
hängen noch
Uhren ohne Zeiger
und aus einem offnen Fenster
piepst ein elektronischer Wecker
O Gott
Schlag ihn tot!
Der Morgen möcht noch einwenig Ruhe haben
vor der Grausamkeit des Tages
wie ein Frischgeworfenes in der Fruchthülle
vor dem rauen Zungenlecken des Lebens
Einer Geige klagend Lied wird fortgetragen
vom Trauerzug des Morgennebels
Und in den Bistros suchen die ersten Fabrikarbeiter
ihre dumpfen Spiegelbilder in den halb leeren Kaffeetassen
Ich kann mich dem Gesang des Heilsarmeechores nicht entziehen
der am Frost des Tages glühende Herzen kühlt
und gebe den Uhren die Zeiger zurück
verschämt
weil ich ihre Blösse nicht ertrage
und bin der erste Kunde
in der Buchhandlung um die Ecke
wo ich mir das Buch erwerbe
mit den Liebesbriefen
die du mir
nie geschrieben
du
damals
umarmt
vom Duvet der Nacht
die wir zusammen durchschlafen
bis in der Schlaufe des Depots
die erste Strassenbahn
jammert

Bild: Goyas Hund, aus:
http://de.wikipedia.org/wiki/Hund_%28Goya%29

Ein ganz banaler Engel

Für Ursula

Graublau ist der Himmel
Mein Körper liegt auf dem Sofa
Die Füsse biegen sich angenehm satt
über die Wölbung der Sofakante
Fern klingen die Geräusche der Stadt
und ab und zu der Motor
eines ankommenden oder abfahrenden Autos
Alles ist in der Grossen Stille geborgen
wie in einer dunklen Muschel
Jetzt höre ich sie
mit dem Hund
die Treppe hinaufkommen
Ein Kratzen an der Tür
sie geht auf
und ein nasser und verdreckter Hund
stürmt hinein
und begrüsst mich
hingebungsvoll
Da schwirrt ein ganz banaler Engel
durch den graublauen Himmel
Oder war das eine Täuschung?
Das Rauschen der Pelerine
die sie jetzt abstreift
ist ein Klagegesang
von tausenden
sterbenden
Regentropfen
Es ist unmöglich
das Leben zu beschreiben
Es ist zu gross
Mein Verstand stürzt zusammen
und ich begrüsse das Leben
so hingebungsvoll
wie der Hund
mich

Maya

Für Maya

Maya ist nackt
Maya ist behaart
Maya ist nass
Maya ist hungrig
Maya ist schön
Maya ist ein Hund
eben geboren
Maya ist eine Frau
eben gestorben
Maya ist ein Traum
eben geträumt
Maya ist eine Sehnsucht
die sich sehnt
Maya ist der Schmerz
der schmerzt

 

Maya (Sanskrit: माया māyā „Illusion, Zauberei“)

Welpentage

Welpentage
sind keine Tage
haben keine Zeit
sind ohne Erbarmen
Beutegreifer
deinem Verstand
sind sie eingebrochen
in dein Leben
Überwältigt ist die Angst
unterwürfiger Wächter
der erkennt
es wird nie regnen
unter Brücken

Welpengesänge adern
zeitlose Risse
durch die Dinge
Und Körper
um Körper
geben sie dir
die Stille frei
die du als Geisel
so roh
hast bewacht
in deinem verwundeten Herzens

Welpentage haften wie
rosa Blütenblätter
an deinen verdreckten Stiefeln
und wie taumelnde Flocken
hellen Hundehaarflaums
verirren sie sich
auf deine nachtblaue Bluse
Lass sie ruhen!
Von nestbauenden Vögeln begehrt
gehst du durch die Stadt und vom Licht
sterbender Sternen verregnet
singen dir die Vögel ihre Lieder
patrouillieren dich Abendpfauenaugen
zu den tiefsten Verstecken
der Seele
wo dir meersalzene
Blumen erblühen
an den von den Rüden
hart markierten Hausecken

Welpenmilchgeruch durchtränkt deine Seele
und vom Grossen Traummacher verführt
formen dich deine Träume
in den Sandformen der Nacht
als wärst du bitterfeuchter Lehm
stillen sie dich
an den zitternden Zitzen
des Sternbilds
Mamma Lupa
das seit jeher
namenlos
den Himmel ziert
Gib`s endlich zu!
Du hast es immer gewusst
zuerst die Milch
dann die Brust
Dein Innerstes
ist doch immer nur Schmerz
und Sehnsucht

Süsser Zitzenkrieg an der Front
Wesen sanft und heiss wie Hundstage
kämpfen in tiefstem Entzücken
und stürzen weg
wie gefallene Krieger
während du über die Sonnenaufgänge
deiner verlorenen Nächten
stolperst

Welpentage
sind so licht
du siehst sie nur im Dunkeln
und dann bleibt dir nichts
als zu lauschen
dem ewigen
Wölfen
des Grossen Hunds

Welpentage
rasende Tage
gehen so schnell weg
fallen dir ins Herz
fallen dir
aus der Hand
und du erwachst
mit einem Hund
an der Seite
der dich
über eiserne Grenzen leitet
in die Wildnis
deines Herzens

Welpentage heisst Welpenwägen
Das unmessbare Leben messen
deiner masslosen Liebe

Ich bin dieser Augenblick

Für Mika

Wenn sich mir der Wolf zuneigt
mit der Maske des Waschbären
und begierig das Salz
aus meinen Augen leckt
dann sind die Tränen
die ich ob seiner schieren Schönheit vergiess
in Wahrheit nie geflossen

Wenn er sich nachher
zum Teelöffel schleicht
und sich den Honig nimmt
dann ist er mir so nah
wie mein Schatten mir niemals sein kann

Ich bin dieser Augenblick
in der Blockhütte draussen
jenseits des mächtigen Himalayas
wo sich der Sturm seit Jahrtausenden verschanzt
und habe eben die Fenster ausgehackt
behutsam
damit er die Scheiben nicht zerbricht

Ich bin dieser Augenblick
erwacht im Holzkristallpalast der Seele
erleuchtet nur von Kerzenlicht
ein jahreloser Greis
auf purpurnem Sofa
durchscheinend hell
wie ein herbstlich Ahornblatt
hindert mich am Sterben
allein der Stolz
auf die nicht unbeachtliche Sammlung
mumifizierter Buddhas
im obersten Bücherregal

Während mein weit geöffnetes Auge
keinen Haarbreit Unterschied ausmacht
zwischen dem Blau der Ikea-Tasche an der Holzwand
und dem Blau der blauen Stunde
die der blanke Himmel schlägt
sieht es meine Schuld
bis in alle Ahnen klar

Und von einem Atemhauch umfasst
versengt in der Glut meines  Herzens
ein weisses Papier

Sämtliche Liebesbriefe
meines Lebens
sind im lieblichen Zwinkern
eines Augenblicks
gelöscht

All meine Liebeslieder
fallen
von meinen Geliebten
Lidern

Wie schön!

Ich bin dieser Augenblick

Ich bin der Geliebte!

Mein Lied

Ein Mann sitzt in einem Labor
und macht aus seinem Leben ein Lied
Eine Amsel sitzt auf einem Ast
und singt ein Lied

Ich nehme ihr Lied
und widme es dir
Und du verwechselst das immerzu
Die Intimität mit deiner Geliebten
mit der Intimität deiner Geliebten

Unwohl wohne ich in meiner Haut
Sie dehnt sich aus
wird zu Gottes Haut
Ekstatisch fallen die Regentropfen retour

Und ein Mann geht durch die Stadt
mit einer Bombe im Herzen
Alles ist nichts
und aus dem Nichts
explodiert das Leben

In jedem Augenblick
find ich im Nichts das Alles
und in allem das Nichts
Und stelle mich meiner Nachbarin vor
Ich bin der Mann der Frau

Mit der zuckenden Pfote des träumenden Hundes
hat mich die Wahrheit berührt
Und federnd im Gewicht des Taugenichts
spielen meine linken Hände
am dunklen Ende des Klaviers
mein Lied

 

Bild: Mein Lied Gouache auf Papier, 1992

Die Blumen von Lila

Für Lila

Ich schenke dir Blumen
Lila blühende Blumen
deren Schönheit
dich so berührt
dass du sie essen kannst

Und wenn du sie isst
essen sie dich
und zeigen dir
hinter der Bühne
dieses Grosse Spiel

 

Lila (Sanskrit: लीला Līlā [ˈliːlaː] „Spiel, Belustigung“) ist ein Begriff aus dem Hinduismus, der ein theologisches Konzept beschreibt. Lila bezeichnet das göttliche Spiel, in dem die Gottheit die Schöpfung als Spiel ansieht und dadurch radikale Freiheit und Spontaneität zeigt. Der Begriff stammt aus dem Brahmasutra. Später wurde nicht nur die göttliche Kreativität als Lila angesehen, sondern auch andere Erscheinungen wie Shivas kosmischer Tanz und Kalis Wildheit.