Ein Loch im Blumenbeet

Heute ist ein Morgen an einem Samstag, ungefähr 8 Uhr. Ich sitze auf dem vor nicht langer Zeit gebauten, gegen Süden ausgerichteten Holzbänklein des alten Bauernhäuschen. Ein andauerndes Geräusch von der Stalllüftung des grossen Bauernhauses unten kommt vom Tal herauf. Die Gegend scheint verschummert. Nach vielen Tagen heisser und harter Trockenheit hat es über Nacht, unterstützt von kräftigen Gewittern, endlich wieder mal geregnet. Und heute wirkt der Tag wie eine schlecht ausradierte Bleistiftzeichnung. Auch mein Kopf hat etwas Verschwommenes. Ich merke die grosse Mühe, mit der ich mich plage, das Aussen und Innen hier in Worte zu fassen.

Gestern hatte ich viele leichte und glückliche Phasen des Fliessens. Jetzt fühlt es sich irgendwie zäh an und ausgefranselt. Gestern schien es eine Richtung zu haben. Heute scheint es zu dümpeln. Meine Füsse spüren die offene, leichte Form der Birkenstocksandalen, in denen sie stecken. Das Geräusch eines Traktors kommt vom anderen Bauernhof das Tal hinauf. Jetzt verstummt es wieder. Und regelmässig regnet es Kuhglockenklänge. Irgendein Duft von wilder Pflanze dringt sanft in meine Nase. Und die alte Mauer des alten Bauernhäuschens liebkost meinen Rücken. Diese Berührung ist so angenehm und kommt mir so alt vor wie eine lebenslange, treue Liebesbeziehung.

Ein Grün beherrscht den heutigen Tag, eine Art Fichtengrün. Der Himmel ist wolkenverhangen. Er scheint auf den Tag zu drücken. Vielleicht darum auch meine leichten Kopfschmerzen über den Augen. Jetzt setzt sich Ely rechts an meine Seite, und wir schauen gemeinsam ins Tal hinunter.

Im Grunde genommen ist der Boden des Lebens Glück. Egal was an der Oberfläche gerade vorherrscht oder durch die Luft der Gedanken und Gefühlen schwirrt, der Grund ist immer Glück. Das Glück des Lebens, des Da-Seins. Darauf stehe ich, darauf gehe ich und darauf wandere ich. Dieses Glück ist Stille, zwecklose, sinnlose, nutzlose Stille. Einfach so. Sie ist immer da und trägt alles. Auch die Schreie des Rotmilans, die jetzt in die Dumpfheit des heutigen Tages ein paar klare Wunden schlagen, die aber von der Stille sofort zugeheilt werden; und alles dümpelt wieder vor sich hin.

Gestern habe ich viel gelesen, seit Jahren wieder einmal Jiddu Krishnamurti. Seine Worte machen mich glücklich. Ich lese sie, und die Wahrheit ist da, unübersehbar, unüberlebbar.

Auch in Arnold Mindell`s Buch Dance of the Ancient One. Beim Lesen ist mir, als würde ich es selber schreiben. Ich hab es ja schon einmal gelesen. Aber als ich gestern las, war mir, als wäre es das erste Mal. Ich staunte immer wieder über diese offensichtliche Soheit, die ich genau so sehe, und die mir immer wieder neu in die Sinnen fliesst, wie das fortwährende, beharrliche Geräusch der Lüftung vom Stall unten, aufgefrischt mit den leichten Kuhglockenklängen von links.

Eigentlich gibt es kein Wissen. Wissen ist tot. Es gibt nur immer wieder neues Sehen. Neu gefundene, neu und frisch entdeckte Einsichten. Einsichten, die sich wie Herzschläge aneinanderreihen oder wie Atemzüge.

Ely hat seinen kleinen Kopf auf meinen rechten Fuss gelegt. Ich spüre seine Körperwärme, wie sie voll Entzücken in mein Herz fliesst und dort wie ein Fluss ins Meer des Glücks mündet.

Und jetzt weiss ich, was diese Dumpfheit über dem heutigen Tag ist: Es ist der Segen aus der verschwommenen Welt des Träumens. Es ist, als wäre über Nacht in der Alltagsrealität ein Riss entstanden, und durch diesen Riss fliesst jetzt das Träumen in die Welt.

Und angekündigt von ein paar überraschenden Windstössen beginnt es zu regnen.

Ich stehe auf und nehme mir vor, das von den Hunden über Nacht gescharrte Loch im Blumenbeet heute noch offen zu lassen und es erst am Sonntag, bevor wir in die Stadt gehen, wieder aufzufüllen.

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