Ein Haken im Himmel

Als ich geboren wurde, hielten sie mich für tot. Paul war zehn Minuten vor mir da. Jetzt kam ich an die Reihe. Ich rutschte heraus, klein und gelb, die Augen zu. Ich weinte nicht. Im Moment, als ich in diese Welt geboren wurde, hatte ich das Gefühl, dass es sich um ein Missverständnis handelte. Ich konnte weder schreien noch weinen oder mich verteidigen. Reglos lag ich da und wünschte mich dorthin zurück, von wo ich gekommen war.
Nachdem sie mich in einen kleinen Kasten aus Glas gesteckt hatten, wachte ich langsam auf.
Paul und ich teilten uns ein Gitterbettchen. Während er ständig etwas vor sich hin brabbelte, das außer mir niemand verstand, lag ich stumm auf dem Rücken und streckte meine Arme zum Himmel empor. Ich fuchtelte mit den Händen in der Luft herum, um die unsichtbaren Linien zu erwischen, die nur ich sah. Die Fäden, die alle Augenblicke miteinander verbinden: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Stricke, die das menschliche Schicksal zusammenhalten, von der Ewigkeit bis zu den Sternen.
Als Baby habe ich ein paar Mal versucht zu sterben. Einmal wäre mir das auch beinahe gelungen, indem ich meinen Mund gegen die Innenseite des Babybettchens presste und keine Luft mehr bekam. Doch Paul rettete mich - er rettete mich, indem er zu schreien begann und nicht mehr damit aufhörte. Überhaupt schien es so, als wäre er für immer da, um auf mich aufzupassen, und es fiel mir schwer, ihm das nicht übel zu nehmen. Meine Seele war frei herumgeflogen, bis sie sich im Moment der Zeugung verfangen hatte; als wäre ich an einem Haken aus dem Himmel herabgezogen und in ein Wesen dieser Welt verwandelt worden.
Die ersten Worte, die ich aufschnappte und die nicht von Paul stammten, gingen so: »Die Taubstummen sind jetzt ein Jahr alt, ein Jahr auf den Tag genau.«
Bis ich drei Jahre alt war, redete ich kein Wort. Einmal ging Dad mit mir in den Garten. Er nahm mich auf den Arm, hob mich hoch und deutete auf einen Baum. An diesem kühlen Herbstmorgen kamen mir, während er mich festhielt, die ersten Worte über die Lippen. »Schau. Apfel.«

Aus: Tracey Emin Strangeland

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