Einige Bemerkungen des Malers zu seiner ersten Ausstellung

Was mich bei allen Bildern zutiefst interessiert: Das Spiel der Gegensätze innerhalb ihrer Ganzheit. Der Malakt selbst ist vollständig durchtränkt von der Sehnsucht, die Gegensätze in ein Ganzes zu bringen. Ja, im Grunde ist jedes Beenden des Bildes ein Erlebnis dieser Ganzheit.

Lassen Sie sich bitte von der manchmal aufdringlichen Körperlichkeit meiner Bilder nicht in die Irre führen: Wenn Zeus im Körper eines Schwanes Leda verführt, so hat das auch aus heutiger Sicht nichts mit Pornografie zu tun. Diese vordergründige, reale Körperlichkeit in meinen Bildern ist nicht die Wand, die das Ende des Schauens bedeutet, sondern die erste Stufe einer Treppe, die zum Schritt einlädt in die geistig-symbolische Ebene. Bilderanschauen kommt nicht ganz ohne Anstrengung aus, auch wenn es nur darum geht, den Fuss zu heben.

Ich fühle tiefe Verwandschaft mit allen Primitiven der Kunst, mit den grossen der Art Brut, vorab Aloise und Uölfli, die für ihr Schaffen am meisten zahlten; mit den wenigen, vom Kunsthandel unverdorbenen Naiven, v.a. ihrem Vater Rousseau, dem Zöllner an der Grenze zum Paradies; mit den Kinderzeichnungen, den namenlosen Ex Votos und den in ihrer Schönheit unerreichbaren Bildern der Romanik und Gotik.

Eine chassidische Legende sagt, dass der Messias schon lange wartet vor den Toren Roms - als Bettler.

Ich habe Verständnis, dass man in der Nähe einiger meiner wichtigsten Bilder Mühe haben kann, den Schlaf zu finden. Amüsanterweise träumen gerade die Menschen mit den hübschesten Bildern in der Wohnung die schrecklichsten Dinge.

Die Zeiten haben sich geändert. Wir haben den Drachen besiegt, geschluckt, verdaut und kämpfen nun zu unserer grossen Verwunderung mit unserem Kot. Ich halte dies trotzdem für einen beachtlichen geistesgeschichtlichen Fortschritt: Der einst fernab in irgendeinem verwunschenen Märchenwald hausende Drache hat unverkennbar eigenen Geruch angenommen. Allerdings habe ich beim Malen mit Entsetzen erfahren müssen, dass die gesammelten Kräfte aller Don Quichottes, Heiligen Michaels und Heiligen Georgs nicht genügen, um diesen Kampf zu beenden. So ist dieses Bild nur aus Unvermögen beendet worden und insofern Täuschung.

Schade, dass die wenigsten Leute beim Bilderschauen kauen. Die Bilder würden ganz bestimmt bekömmlicher. Nichts beherrschen wir heute besser, als Bilder zu schlucken. Es hat sich in unseren Seelen gar ein neuartiges Organ gebildet: eine Art Seitenumfahrung des Magens, die es erlaubt, Bilder so unberührt hinausplumpsen zu lassen, wie sie hinein gelangt sind. Deshalb ist es ganz gut, dass manchmal Bilder gemalt werden, die in den falschen Hals geraten. Manchmal ist gerade der falsche Hals der richtige.

Malen ist ein empfindlicher Balanceakt zwischen Stürzen und Aufrechtstehen, also nicht vergleichbar einem Seiltänzer im Gleichgewicht auf dem Seil, sondern vergleichbar einer Unwirklichkeit, worin man ständig vom Seil stürzt und dennoch aufrecht geht.

Über Wunden geschieht der Zugang in die Tiefe. Sie sind die Tore der Seele. So verwundbar bleiben wie Adam und Eva im Augenblick ihrer Vertreibung!

Ich stehe zu einer Malerei des Nicht-Könnens. Gerade in den Fehlleistungen des
Ich-Bewusstseins dringt die Vision aus der Tiefe.

In gewisser, geistiger Hinsicht halte ich den Menschen für nicht viel reifer als ein Spermium, von einem im Patriarchat vereinsamten Gott hinausgeschleudert, voll Sehnsucht, mit der Eizelle wieder zu einem Ganzen zu verschmelzen und neu zu erwachen.

Obschon ich meinen Ospedaletti-Bildern eine gewisse erholende Funktion beim Malen und in der Ausstellung hier zubillige, halten Sie sie bitte trotzdem nicht für Liegestühle: Es sind intime Darstellungen des manchmal zärtlichen, manchmal grausamen Liebesspiels von Land und Meer.
Form und Inhalt in einem Bilde sind Eins wie Seele und Körper im Leben. Anstatt
zu überlegen, was mit der Seele ist ohne den Körper, male ich lieber.

Je tiefer die emotionale Beziehung (Faszination) zum Bildinhalt und je intensiver das Erleben dieser Beziehung beim Malen, desto grösser ist die im Bild eingefangene Kraft.

Malen wie ein Blinder, auf eine höhere Art abwesend. Das Wesentliche beim Halen
geschieht in den blinden Augenblicken.

Ospedaletti Ligure liegt in Italien an der Riviera zwischen San Remo und der französischen Grenze. Aber meine Ospedaletti-Bilder haben mehr Ähnlichkeit mit gewissen Ecken, Winkeln und Aussichtspunkten in meiner Seele als mit diesem Städtchen am Mittelmeer.

Malen ist ein fortwährend unermüdlicher Versuch, die Balance mit der Natur im umfassendsten Sinne zu halten. So gesehen sind schlechte Bilder Umweltverschmutzung.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.