In glückseliger Ruhe

Laska schob immer noch ihren Kopf unter seiner Hand hin und her. Er streichelte sie, und sie rollte sich sofort zu seinen Füßen rund zusammen, indem sie den Kopf auf die eine ausgestreckte Hinterpfote legte. Und um auszudrücken, daß jetzt alles in schönster Ordnung sei, öffnete sie ein wenig das Maul, schmatzte ein paarmal auf, legte die feuchten Lippen bequemer um die alten Zähne zurecht und verstummte in glückseliger Ruhe. Ljewin hatte aufmerksam diese letzten Bewegungen des Tieres beobachtet.
›Ganz, wie ich es auch mache!‹ sagte er zu sich selbst. ›Ganz, wie ich es auch mache! Ich will es mich nicht anfechten lassen. Es wird noch alles gut werden.‹

Tolstoi Anna Karenina

2 Comments

  1. Lieber Martin

    Ich möchte dir einen Text schicken aus dem Buch “Das spröde Licht” von Tomas Gonzalez.

    Ich ging die Houston Street hinunter und nahm den Subway nach Coney Island. Ich fand die Dunkelheit im Tunnel entsetzlich, den Wagen entsetzlich, die ein- und aussteigenden Leute entsetzlich, also starrte ich einfach nur auf den Boden, um niemanden sehen zu müssen, bis die Stunde um war und ich in Brighton Beach ausstieg.
    Ohne auf etwas oder jemanden zu schauen, ging ich durch das russische Viertel, und ohne auf jemanden zu schauen, gelangte ich zum Boardwalk. Ich blickte auf, und da war das Meer.
    Ich bin keiner, der leicht weint, und auch jetzt weinte ich nicht. Zwei kleine Segelboote, möwenweiss, glitten über das stille Wasser, das weit draussen dunkelblau war und dunkelgrün da, wo die Wellen sich überschlugen, bevor sie ihr Brokatgewebe auf dem Sand ausbreiteten. Es waren Menschen am Strand, die joggten, die badeten. Ein junges Pärchen von etwa zwanzig Jahren warf einer schwarzen Labrador-Hündin einen Ball ins Meer, das Tier stürzte sich ins Wasser, schwamm wie eine Robbe auf den Ball zu, schnappte ihn und brachte ihn an den Strand zurück. Auch wenn ich Gemälde von Tieren nicht mag, ich meine von Säugetieren, dachte ich an ein Bild, auf dem die sich in das smaragdgrüne Wasser stürzende Hündin als ein breiter, schwarzer Pinselstrich zu sehen wäre, ein Strich wie auf einer japanischen Kalligraphie. Es gibt kein glücklicheres Tier als einen Labrador am Strand. Und da konnte ich nicht länger an mich halten und brach in ein Schluchzen aus, das wie ein Erdbeben war. Ich musste mich setzen und spürte, wie die Tränen mir hart und kalt übers Gesicht rannen.
    Ich zog mir Schuhe und Socken aus und ging etwa zehn Minuten auf dem festen Sand den Strand entlang, mit den Füssen im Wasser bis zu einer der Wellenbrecher-Molen gegenüber den Chicago-Riesenrad, das schon zu Coney Island gehört. Ich ging vorsichtig über die spitzen Felsbrocken bis zu der Stelle am Wasser, wo sich die Krebse
    sammelten. Die Krebse waren steinfarben, und wenn sie sich bewegten, war es, als ob die Steine lebten.
    Herzlich
    Catherine

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