Der Zungenkuss

Einssein ist Wirklichkeit und Getrenntsein ist Wirklichkeit. Es ist eine Frage der Ebene, von denen aus du die Welt betrachtest. Empfindest du dich als körperliches Wesen, so erlebst du dich und deinen Geliebten als getrennt; im Herzen jedoch kannst du Verbundenheit erleben, die sich aus einer tiefen gemeinsamen Quelle des Seins nährt. Allerdings kannst du dem Schmerz des Getrenntseins nicht entrinnen, indem du dich auf die Ebene des Herzens begibst; der Schmerz ist vielmehr das Tor, das du durchschreiten musst, um ins Herz zu gelangen. Gibst du dich deinem Schmerz bewusst und ohne Gegenwehr hin, trägt er dich in die Wirklichkeit von Liebe, Schönheit und Verbundenheit hinein.

Safi Nidiaye

Bild: Der Zungenkuss  Ölkreide auf Papier, gezeichnet im Alter von 5 Jahren, stellt wohl meine Eltern dar.

Kleine Kreuzigung

Ihr macht einen grossen Fehler, wenn ihr Gott nur für das Schöne und Gute dankt, das er euch antut, ihr müsst ihm auch für das Schlechte und den Schmerz danken.

Shri Ramana Maharsi

Bild: Kleine Kreuzigung Bleistift auf Papier, 1987

Heute ist Kaya`s dritter Geburtstag

Merle's Art, mit Enttäuschungen umzugehen und Wut zu verarbeiten, war in meinen Augen vorbildlich, denn er weigerte sich, sich von solchen Emotionen beherrschen zu lassen. Er hielt sie einfach einen Moment fest, so wie unsere Berge an ihrem Wetter festhalten, und liess sie dann über sich hinwegrollen und entschwinden.

Aus: Ted Kerasote Merle's Tür

Angst

Anscheinend geschieht die Trennung für das Baby, wenn die Mutter plötzlich nicht nur eine andere Form seiner selbst ist, sondern zu einer Mutter wird - zu einer Person da draussen, die Klaus oder Suzanne zu ihm sagt. Dieser erste Augenblick, wo plötzlich der Glaube auftaucht: "Ich bin ein Individuum - ich bin hier draussen allein", führt zu massiver Angst. Massive Angst geht mit dem Gefühl einher, in einer fremden Welt zu sein, getrennt zu sein.
Und solange die Trennung nicht verfliegt, herrscht Angst. Der verrückte Witz ist natürlich, dass die Angst, die wir verspüren, der Geliebte ist; die Angst, die wir verspüren, ist die Einladung. Es muss Angst herrschen, weil diese Angst in Wirklichkeit natürlich der Geliebte ist.
Die Angst ist ein Gefühl hier drinnen - sie ist die Lebendigkeit. Und die Geschichte darum herum ist Quatsch. Die Geschichte, "Werde ich pleite gehen?" oder "Liebt sie mich noch?" ist nur eine Information. Die Angst ist einfach nur Angst. Und die Angst sagt:"Komm nach Hause!"

Du kommst nicht mit der Angst klar - hier fällt alles Klarkommen weg. Es gibt kein Klarkommen, aber die Angst ist da, also ist die Angst das, was auftaucht. Punkt. Ende.
Solange ein Gedanke da ist: "Das hier ist Angst, ich fürchte mich - ich muss etwas tun.", solange bleibt die Geschichte am Laufen und die CD dreht sich weiter: "Er liebt mich nicht", oder was auch immer. Aber wenn du es einfach lässt, hier drin, nicht wahr? (Zeigt auf den Solar Plexus) - dieses schwarzgrüne Brennen und all das...Wisse einfach, dass dort drinnen etwas ist und sieh es einfach."

Aus: Tony Parsons - DAS IST ES

Noam trägt das lila Blütenblatt

Warum lieben wir - oder wenigstens einige von uns - unsere Hunde? Warum habe ich Brenin geliebt? Ich möchte glauben - und hier muss ich wieder zu einer Metapher greifen -, dass unsere Hunde etwas in den tiefsten Winkeln eines längst vergessenen Bereiches unserer Seele anrühren. Dort verweilt ein älterer Teil von uns, der schon dort war, bevor wir Affen wurden. Es ist der Wolf, der wir einst waren. Dieser Wolf weiss, dass Glück nicht in der Berechnung zu finden ist. Er weiss, dass keine wirklich bedeutungsvolle Beziehung je auf einem Vertrag basieren kann. An erster Stelle steht die Loyalität, und das müssen wir beachten, auch wenn der Himmel einstürzt. Berechnung und Verträge kommen stets später, denn der äffische Teil unserer Seele geht aus dem wölfischen Teil hervor.

Aus: Mark Rowlands Der Philosoph und der Wolf

Lila, die Sechstgeborene,

From the withered tree, a flower blooms.

Shoyo Roku

Lila, die Sechstgeborene, hat heut Nachmittag auch einen guten Platz gefunden. Sie heisst jetzt Aiyana (Indianisch: "Ewige Blüte"). Sie wird ca. Mitte Juni abwandern.

In der Schönheit ist immer die Liebe versteckt.

Schönheit ist Ausdruck der Liebe. Schönheit ist der Ruf, mit dem die Liebe das Herz weckt. Schönheit berührt die Herzen und öffnet die Herzen, und Schönheit ent­springt dem Herzen aller Dinge selbst.
In der gewaltigsten wie in der winzigsten Äußerung von Schönheit ist die Liebe zu finden; in der Schönheit des Sonnenaufgangs wie in der Schönheit einer Blüte, ei­nes Steins, eines Fliegenflügels; in der Schönheit eines Lächelns, einer Handlung, einer Geste; in der Schönheit der Bewegung von Blättern und Wogen, Wolken und Meer, im Flug der Amsel wie im Sprung des Jaguars.
In der Schönheit ist immer die Liebe versteckt.
Liebe ist das Verborgene; Schönheit das Offenbare.
Wenn die Schönheit einer Blume dein Herz berührt, dann deshalb, weil du die Liebe fühlst, die in ihr Aus­druck findet.
Hänge dein Herz nicht an die Blume, die morgen verwelkt; hänge es an die Liebe. Liebe die Blume; pfle­ge und ehre und achte sie; fühle ihr Leben und fühle ihr Sterben; aber hänge dein Herz nicht an sie.

Safi Nidiaye, Die Stimme des Herzens, ISBN: 978-3-404-70153-7