Grauen im Traum

Ruhen bei der Sphinx Gouache auf Papier, 1992

Wir empfinden kein Grauen, weil eine Sphinx uns bedrückt. Sondern wir träumen eine Sphinx, um das Grauen zu erklären, das wir empfinden.

Samuel Coleridge

Leben

Wal, Buechli-Holz, 2022

LEBEN

Mit Gedanken
wie Affen

Mit Gefühlen
wie Hunde

Mit Gliedern
wie Pferden

Mit Körpern
webend

wellend

wirbelnd

Wie Schlangen

oder wie Fische

In strömenden

Wassern

Die Hügel werden höher

Hügel 2021, Gouache auf Papier

When Yasutani Roshi was eighty-eight, on his last birthday before his death, he wrote, “The hills grow higher.” The more clearly we see that there is nothing that needs to be done, the more we see that which needs doing. It’s a funny thing; when we really share what we have—our time, our possessions, and most importantly ourselves—our life will go smoothly. There is a story of a well fed by tiny springs that always gave a good supply of water. One day the well was covered over and forgotten until somebody uncovered it years later. Because nobody had drawn water from it, the springs had stopped feeding it and the well had dried up. It’s the same with us: we can give of ourselves and open further, or we can hold back and dry up.

*

Als Yasutani Roshi achtundachtzig Jahre alt war, schrieb er an seinem letzten Geburtstag vor seinem Tod: "Die Hügel werden höher." Je klarer wir sehen, dass es nichts gibt, was getan werden muss, desto mehr sehen wir das, was getan werden muss. Es ist schon komisch: Wenn wir wirklich teilen, was wir haben - unsere Zeit, unsere Besitztümer und vor allem uns selbst -, wird unser Leben reibungslos verlaufen. Es gibt eine Geschichte von einem Brunnen, der von winzigen Quellen gespeist wurde und immer reichlich Wasser lieferte. Eines Tages wurde der Brunnen zugedeckt und in Vergessenheit geraten, bis ihn Jahre später jemand wieder entdeckte. Weil niemand Wasser aus ihm geschöpft hatte, hatten die Quellen aufgehört, ihn zu speisen, und der Brunnen war versiegt. So ist es auch bei uns: Wir können uns hingeben und uns weiter öffnen, oder wir können uns zurückhalten und austrocknen.

Joko Beck Everyday Zen

Bilder

Portrait, Ölkreide auf Papier, gemalt mit 6 Jahren

BILDER

ich neige mich
ein leben lang
über bilder

wie über wasser
tiefer brunnen

und schaue

bis ich sehe

bis ich im tiefen schatten
den anderen sehe

und schaue weg
schaue jahrelang weg

bis ich in diesem
dunklen anderen

mich sehe

Darum geht es.

Gouache & Ölkreide

In diesem Augenblick ist das Leben in dir ein Aufruhr der Empörung. In einem anderen Augen­blick ist das Leben in dir Schmerz. In einem anderen Mo­ment ist es Freude. In einem anderen Kraft. In einem anderen Müdigkeit. In einem anderen Frische. In einem anderen Staunen. In einem anderen Schönheit. In einem anderen Elend. Das ist alles. Du aber bist nicht die Em­pörung, nicht die Freude und nicht das Elend: Du bist das Leben, das sich selbst als all das und in all dem erlebt. Und ebenso bist du das Leben, das sich als du und in dir erlebt. Du bist nicht du - du bist das Leben, das sich als du erlebt. Das bedeutet nicht, dass dieses Erleben frei von Schmerz oder Leid wäre.

Safi Nidiaye Die Schönheit der Liebe

Die Schönheit deines Schicksals

Ölkreide

Schau nur deinen eigenen Fall an. Denk an all das, was du entbehrt hast in deinen Kinderjahren. Bis heute leidest du unter diesem Mangel. Aber hat nicht gerade dieser Mangel dir zu der großen Tiefe verholfen, die du dir erschlossen hast? Haben nicht gerade diese Schmerzen und Leiden dazu geführt, dass du gelernt hast, dein Herz zu öffnen und wahre Liebe zu entwickeln? Und gehört nicht der tragische Selbstmord deiner Mutter und ihre große Liebe zu deinem Vater ebenso zu der einzigartigen Schönheit deines Schicksals und Lebens wie die Geschichte deiner eigenen Lieben?

Safi Nidiaye Die Schönheit der Liebe

Immer wieder zur Erde fallender Schmerz

Der onanierende Gott oder Immer wieder zur Erde fallender Schmerz - Tetralogie des Zerbrechens I - 1989 - Öl auf Novopan - 95 x 215 cm

 

Genau dort, wo unser größter Mangel liegt, liegt auch unser größtes Potenzial.

Der Mangel ist wie ein Gefäß. Ein kleines Gefäß kann wenig aufnehmen, ein großes viel. Solange wir von unse­rem Mangel und den ihn begleitenden Emotionen be­herrscht werden, bleiben wir unerfüllt. Sobald wir den Mangel fühlen und als Gefühl annehmen, wird er zu ei­nem Gefäß, das sich mit genau dem füllt, wonach wir uns sehnen. Und schließlich fließt es über und bereichert die Welt um uns.

Safi Nidiaye Intimität

Einige Bemerkungen des Malers zu seiner ersten Ausstellung

Was mich bei allen Bildern zutiefst interessiert: Das Spiel der Gegensätze innerhalb ihrer Ganzheit. Der Malakt selbst ist vollständig durchtränkt von der Sehnsucht, die Gegensätze in ein Ganzes zu bringen. Ja, im Grunde ist jedes Beenden des Bildes ein Erlebnis dieser Ganzheit.

Lassen Sie sich bitte von der manchmal aufdringlichen Körperlichkeit meiner Bilder nicht in die Irre führen: Wenn Zeus im Körper eines Schwanes Leda verführt, so hat das auch aus heutiger Sicht nichts mit Pornografie zu tun. Diese vordergründige, reale Körperlichkeit in meinen Bildern ist nicht die Wand, die das Ende des Schauens bedeutet, sondern die erste Stufe einer Treppe, die zum Schritt einlädt in die geistig-symbolische Ebene. Bilderanschauen kommt nicht ganz ohne Anstrengung aus, auch wenn es nur darum geht, den Fuss zu heben.

Ich fühle tiefe Verwandschaft mit allen Primitiven der Kunst, mit den grossen der Art Brut, vorab Aloise und Wölfli, die für ihr Schaffen am meisten zahlten; mit den wenigen, vom Kunsthandel unverdorbenen Naiven, v.a. ihrem Vater Rousseau, dem Zöllner an der Grenze zum Paradies; mit den Kinderzeichnungen, den namenlosen Ex Votos und den in ihrer Schönheit unerreichbaren Bildern der Romanik und Gotik.

Eine chassidische Legende sagt, dass der Messias schon lange wartet vor den Toren Roms - als Bettler.

Ich habe Verständnis, dass man in der Nähe einiger meiner wichtigsten Bilder Mühe haben kann, den Schlaf zu finden. Amüsanterweise träumen gerade die Menschen mit den hübschesten Bildern in der Wohnung die schrecklichsten Dinge.

Die Zeiten haben sich geändert. Wir haben den Drachen besiegt, geschluckt, verdaut und kämpfen nun zu unserer grossen Verwunderung mit unserem Kot. Ich halte dies trotzdem für einen beachtlichen geistesgeschichtlichen Fortschritt: Der einst fernab in irgendeinem verwunschenen Märchenwald hausende Drache hat unverkennbar eigenen Geruch angenommen. Allerdings habe ich beim Malen mit Entsetzen erfahren müssen, dass die gesammelten Kräfte aller Don Quichottes, Heiligen Michaels und Heiligen Georgs nicht genügen, um diesen Kampf zu beenden. So ist dieses Bild nur aus Unvermögen beendet worden und insofern Täuschung.

Schade, dass die wenigsten Leute beim Bilderschauen kauen. Die Bilder würden ganz bestimmt bekömmlicher. Nichts beherrschen wir heute besser, als Bilder zu schlucken. Es hat sich in unseren Seelen gar ein neuartiges Organ gebildet: eine Art Seitenumfahrung des Magens, die es erlaubt, Bilder so unberührt hinausplumpsen zu lassen, wie sie hinein gelangt sind. Deshalb ist es ganz gut, dass manchmal Bilder gemalt werden, die in den falschen Hals geraten. Manchmal ist gerade der falsche Hals der richtige.

Malen ist ein empfindlicher Balanceakt zwischen Stürzen und Aufrechtstehen, also nicht vergleichbar einem Seiltänzer im Gleichgewicht auf dem Seil, sondern vergleichbar einer Unwirklichkeit, worin man ständig vom Seil stürzt und dennoch aufrecht geht.

Über Wunden geschieht der Zugang in die Tiefe. Sie sind die Tore der Seele. So verwundbar bleiben wie Adam und Eva im Augenblick ihrer Vertreibung!

Ich stehe zu einer Malerei des Nicht-Könnens. Gerade in den Fehlleistungen des
Ich-Bewusstseins dringt die Vision aus der Tiefe.

In gewisser, geistiger Hinsicht halte ich den Menschen für nicht viel reifer als ein Spermium, von einem im Patriarchat vereinsamten Gott hinausgeschleudert, voll Sehnsucht, mit der Eizelle wieder zu einem Ganzen zu verschmelzen und neu zu erwachen.

Obschon ich meinen Ospedaletti-Bildern eine gewisse erholende Funktion beim Malen und in der Ausstellung hier zubillige, halten Sie sie bitte trotzdem nicht für Liegestühle: Es sind intime Darstellungen des manchmal zärtlichen, manchmal grausamen Liebesspiels von Land und Meer.

Form und Inhalt in einem Bilde sind Eins wie Seele und Körper im Leben. Anstatt
zu überlegen, was mit der Seele ist ohne den Körper, male ich lieber.

Je tiefer die emotionale Beziehung (Faszination) zum Bildinhalt und je intensiver das Erleben dieser Beziehung beim Malen, desto grösser ist die im Bild eingefangene Kraft.

Malen wie ein Blinder, auf eine höhere Art abwesend. Das Wesentliche beim Malen
geschieht in den blinden Augenblicken.

Ospedaletti Ligure liegt in Italien an der Riviera zwischen San Remo und der französischen Grenze. Aber meine Ospedaletti-Bilder haben mehr Ähnlichkeit mit gewissen Ecken, Winkeln und Aussichtspunkten in meiner Seele als mit diesem Städtchen am Mittelmeer.

Malen ist ein fortwährend unermüdlicher Versuch, die Balance mit der Natur im umfassendsten Sinne zu halten. So gesehen sind schlechte Bilder Umweltverschmutzung.

Vor der Flutwelle

Vor der Flutwelle, Gouache auf Papier, 2019

I have found a great compassion for humanity by meeting my own pain. I have found a great compassion for others by first finding compassion for myself.

*

Ich habe ein großes Mitgefühl für die Menschheit gefunden, indem ich meinem eigenen Schmerz begegnet bin. Ich habe ein großes Mitgefühl für andere gefunden, indem ich zuerst Mitgefühl für mich selbst gefunden habe.

Jeff Foster The Joy of True Meditation

Selbstbildnis eines Malers

Ich bin gegen jedes Virtuosentum. Der Virtuose steht durch seine Fertigkeit eines Gauklers über der Sache. Kann aber ein Dichter über der Sache stehen? Nein! Er wird von der Welt, die er erlebt und darstellt, so wie Gott von seiner Schöpfung gefangen gehalten. Um von ihr frei zu werden, stellt er sie aus sich heraus. Das ist kein Virtuosenakt. Das ist eine Geburt, eine Lebensvermehrung wie jede andere Geburt. Haben Sie aber je gehört, dass eine Frau eine Virtuosin im Gebären sei?
Es gibt keine virtuose Geburt. Es gibt nur eine schwere oder eine leichte, in jedem Fall aber eine schmerzliche Geburt. Die Virtuosität ist nur Komödianten vorbehalten. Die beginnen aber immer dort, wo der Künstler aufhört.

Gustav Janouch Gespräche mit Kafka

 

Selbstbildnis III /Diptychon - Feb/März 89 - Öl auf Novopan

Was abgespalten und nicht gefühlt wird

Was abgespalten ist und nicht gefühlt wird, bleibt immer dasselbe. Wenn es gefühlt wird, ändert es sich. Die meisten Menschen glauben, sie machen sich zu guten Menschen, wenn sie sich das Fühlen ihrer negativen Seiten verbieten. Das bewirkt aber genau das Gegenteil: Es hält diese negativen Seiten statisch.

Gene Gendlin

 

Bild: Jonas in der Welle, die ihn ans Land bricht; Tetralogie des Zerbrechens III - Öl auf Novopan, 1990

 

 

Am Anfang war das Meer.

Ich ging die Houston Street hinunter und nahm den Subway nach Coney Island. Ich fand die Dunkelheit im Tunnel entsetzlich, den Wagen entsetzlich, die ein- und aussteigenden Leute entsetzlich, also starrte ich einfach nur auf den Boden, um niemanden sehen zu müssen, bis die Stunde um war und ich in Brighton Beach ausstieg.
Ohne auf etwas oder jemanden zu schauen, ging ich durch das russische Viertel, und ohne auf jemanden zu schauen, gelangte ich zum Boardwalk. Ich blickte auf, und da war das Meer.
Ich bin keiner, der leicht weint, und auch jetzt weinte ich nicht. Zwei kleine Segelboote, möwenweiss, glitten über das stille Wasser, das weit draussen dunkelblau war und dunkelgrün da, wo die Wellen sich überschlugen, bevor sie ihr Brokatgewebe auf dem Sand ausbreiteten. Es waren Menschen am Strand, die joggten, die badeten. Ein junges Pärchen von etwa zwanzig Jahren warf einer schwarzen Labrador-Hündin einen Ball ins Meer, das Tier stürzte sich ins Wasser, schwamm wie eine Robbe auf den Ball zu, schnappte ihn und brachte ihn an den Strand zurück. Auch wenn ich Gemälde von Tieren nicht mag, ich meine von Säugetieren, dachte ich an ein Bild, auf dem die sich in das smaragdgrüne Wasser stürzende Hündin als ein breiter, schwarzer Pinselstrich zu sehen wäre, ein Strich wie auf einer japanischen Kalligraphie. Es gibt kein glücklicheres Tier als einen Labrador am Strand. Und da konnte ich nicht länger an mich halten und brach in ein Schluchzen aus, das wie ein Erdbeben war. Ich musste mich setzen und spürte, wie die Tränen mir hart und kalt übers Gesicht rannen.
Ich zog mir Schuhe und Socken aus und ging etwa zehn Minuten auf dem festen Sand den Strand entlang, mit den Füssen im Wasser bis zu einer der Wellenbrecher-Molen gegenüber den Chicago-Riesenrad, das schon zu Coney Island gehört. Ich ging vorsichtig über die spitzen Felsbrocken bis zu der Stelle am Wasser, wo sich die Krebse sammelten. Die Krebse waren steinfarben, und wenn sie sich bewegten, war es, als ob die Steine lebten.

Aus Tomas Gonzalez: Das spröde Licht

Bild: Ospedaletti X - Öl auf Novopan 1989

Das Leid

Denn das Leid, Rodja Romanowitsch, ist etwas Grosses und Heiliges.

F.M.Dostojewski Schuld und Sühne

 

Bild: Aloïse, Variation I - 1987 Eitempera auf Packpapier

Gott erschuf den Menschen, weil er Geschichten liebt.

Wenn Rabbi Israel ben Elieser, der Baalschem-tow, sein Volk vom Unglück bedroht sah, pflegte er einen bestimmten Teil des Waldes aufzusuchen und dort zu meditieren. Er entfachte ein Feuer, sagte ein bestimmtes Gebet, und das Wunder geschah, das Unglück wurde abgewendet.

Später, als sein Schüler, der berühmte Maggid von Mesritsch, aus denselben Gründen Gelegenheit hatte, beim Himmel Fürbitte für sein Volk einzulegen, ging er an dieselbe Stelle im Wald und sagte: „Herr des Weltalls, höre! Ich weiss nicht wie man ein Feuer entfacht, aber ich weiss das Gebet noch zu sagen.“ Und wieder geschah das Wunder.

Sein Nachfolger, der Mosche Löb von Sasow, sagte, als er in den Wald ging, um sein Volk zu retten: „Ich weiss zwar nicht, wie man ein Feuer entfacht, auch kenn' ich das Gebet nicht mehr, aber ich weiss den rechten Ort noch, und das muss genügen.“ Das Wunder geschah.

Schliesslich fiel die Aufgabe, das Unglück abzuwenden, dem Rabbi Israel von Rizin zu, der zu Hause im Lehnstuhl sitzend, den Kopf in die Hand gestützt zu Gott sprach: „Ich kann kein Feuer entfachen, ich weiss das Gebet nicht, nicht einmal die Stelle im Wald find ich mehr. Ich kann gerade noch die Geschichte erzählen, das ist alles. Es muss genügen.“ Und es genügte.

Gott erschuf den Menschen, weil er Geschichten liebt.

Eli Wiesel The Gates of the Forest

Bild: Der Schattenschlepper, 1992, Gouache auf Papier

Wenn die Welt sichtbar wird als Welt und nicht als die Welt des Ichs

Fünfundzwanzig Jahre später habe ich noch mehrere solcher Weltgefühlerlebnisse gehabt, aber keines ist so intensiv gewesen wie dieses erste, und im Unterschied zu ihm wurden die späteren von Bildern der Welt ausgelöst, nicht von der Welt selbst. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn dieses erste Weltgefühl enthielt zwei unterschiedliche, in ihre jeweilige Richtung ziehende Größen. Es ging zum einen um eine Präsenz im Augenblick, im Hier und Jetzt, das sich in seiner wahren Form zeigte, ohne Vergangenheit oder Zukunft, während es zum anderen um das Gegenteil ging, also um Abstand und darum, sich außerhalb von etwas zu befinden und es als abgetrennt zu betrachten, und folglich kein Teil davon zu sein. Und das, die Gleichzeitigkeit von Präsenz im Augenblick und Abstand von der Welt, ist der Ort der Kunst.

Das meditativ und religiös gefärbte Erlebnis des Jetzt, diese ungeheure Konzentration auf den Augenblick, die enorme Wellen von Verbundenheitsgefühlen mit der Welt auslöst, und vielleicht nichts weiter sagt als »ich existiere«, ist nur möglich, wenn die Welt sichtbar wird als Welt und nicht als die Welt des Ichs, und das tut sie nur, wenn dieses Ich außerhalb von ihr steht. In ein und derselben Bewegung entfernt die Kunst uns von der Welt und führt uns näher zu ihr heran, zu dieser himmelumspannten und sich langsam bewegenden Materie, aus der auch unsere Träume sind.

Karl Ove Knausgard Das Amerika der Seele

Zeichnung: Tagebuch, 25.4.11

Die Angst, dein bester Freund

Ich hänge an meinen Fingerspitzen ohne Seil und Absicherung in einer senkrechten Wand. Unter mir der Abgrund, in mir keimt die Angst auf. Doch sie versetzt mich nicht in Panik. Im Gegenteil: Sie ermöglicht Konzentration, denn jeder Griff muss sitzen. Die Angst ist nicht meine Schwäche, die Angst ist mein bester Freund. Sie treibt uns an, schützt, warnt, bremst und leitet uns.

Alexander Huber Die Angst, dein bester Freund

Bild: Kreuzigung ans Weibliche II 1987, Öl auf Novopan