Einige Bemerkungen des Malers zu seiner ersten Ausstellung

Was mich bei allen Bildern zutiefst interessiert: Das Spiel der Gegensätze innerhalb ihrer Ganzheit. Der Malakt selbst ist vollständig durchtränkt von der Sehnsucht, die Gegensätze in ein Ganzes zu bringen. Ja, im Grunde ist jedes Beenden des Bildes ein Erlebnis dieser Ganzheit.

Lassen Sie sich bitte von der manchmal aufdringlichen Körperlichkeit meiner Bilder nicht in die Irre führen: Wenn Zeus im Körper eines Schwanes Leda verführt, so hat das auch aus heutiger Sicht nichts mit Pornografie zu tun. Diese vordergründige, reale Körperlichkeit in meinen Bildern ist nicht die Wand, die das Ende des Schauens bedeutet, sondern die erste Stufe einer Treppe, die zum Schritt einlädt in die geistig-symbolische Ebene. Bilderanschauen kommt nicht ganz ohne Anstrengung aus, auch wenn es nur darum geht, den Fuss zu heben.

Ich fühle tiefe Verwandschaft mit allen Primitiven der Kunst, mit den grossen der Art Brut, vorab Aloise und Uölfli, die für ihr Schaffen am meisten zahlten; mit den wenigen, vom Kunsthandel unverdorbenen Naiven, v.a. ihrem Vater Rousseau, dem Zöllner an der Grenze zum Paradies; mit den Kinderzeichnungen, den namenlosen Ex Votos und den in ihrer Schönheit unerreichbaren Bildern der Romanik und Gotik.

Eine chassidische Legende sagt, dass der Messias schon lange wartet vor den Toren Roms - als Bettler.

Ich habe Verständnis, dass man in der Nähe einiger meiner wichtigsten Bilder Mühe haben kann, den Schlaf zu finden. Amüsanterweise träumen gerade die Menschen mit den hübschesten Bildern in der Wohnung die schrecklichsten Dinge.

Die Zeiten haben sich geändert. Wir haben den Drachen besiegt, geschluckt, verdaut und kämpfen nun zu unserer grossen Verwunderung mit unserem Kot. Ich halte dies trotzdem für einen beachtlichen geistesgeschichtlichen Fortschritt: Der einst fernab in irgendeinem verwunschenen Märchenwald hausende Drache hat unverkennbar eigenen Geruch angenommen. Allerdings habe ich beim Malen mit Entsetzen erfahren müssen, dass die gesammelten Kräfte aller Don Quichottes, Heiligen Michaels und Heiligen Georgs nicht genügen, um diesen Kampf zu beenden. So ist dieses Bild nur aus Unvermögen beendet worden und insofern Täuschung.

Schade, dass die wenigsten Leute beim Bilderschauen kauen. Die Bilder würden ganz bestimmt bekömmlicher. Nichts beherrschen wir heute besser, als Bilder zu schlucken. Es hat sich in unseren Seelen gar ein neuartiges Organ gebildet: eine Art Seitenumfahrung des Magens, die es erlaubt, Bilder so unberührt hinausplumpsen zu lassen, wie sie hinein gelangt sind. Deshalb ist es ganz gut, dass manchmal Bilder gemalt werden, die in den falschen Hals geraten. Manchmal ist gerade der falsche Hals der richtige.

Malen ist ein empfindlicher Balanceakt zwischen Stürzen und Aufrechtstehen, also nicht vergleichbar einem Seiltänzer im Gleichgewicht auf dem Seil, sondern vergleichbar einer Unwirklichkeit, worin man ständig vom Seil stürzt und dennoch aufrecht geht.

Über Wunden geschieht der Zugang in die Tiefe. Sie sind die Tore der Seele. So verwundbar bleiben wie Adam und Eva im Augenblick ihrer Vertreibung!

Ich stehe zu einer Malerei des Nicht-Könnens. Gerade in den Fehlleistungen des
Ich-Bewusstseins dringt die Vision aus der Tiefe.

In gewisser, geistiger Hinsicht halte ich den Menschen für nicht viel reifer als ein Spermium, von einem im Patriarchat vereinsamten Gott hinausgeschleudert, voll Sehnsucht, mit der Eizelle wieder zu einem Ganzen zu verschmelzen und neu zu erwachen.

Obschon ich meinen Ospedaletti-Bildern eine gewisse erholende Funktion beim Malen und in der Ausstellung hier zubillige, halten Sie sie bitte trotzdem nicht für Liegestühle: Es sind intime Darstellungen des manchmal zärtlichen, manchmal grausamen Liebesspiels von Land und Meer.
Form und Inhalt in einem Bilde sind Eins wie Seele und Körper im Leben. Anstatt
zu überlegen, was mit der Seele ist ohne den Körper, male ich lieber.

Je tiefer die emotionale Beziehung (Faszination) zum Bildinhalt und je intensiver das Erleben dieser Beziehung beim Malen, desto grösser ist die im Bild eingefangene Kraft.

Malen wie ein Blinder, auf eine höhere Art abwesend. Das Wesentliche beim Halen
geschieht in den blinden Augenblicken.

Ospedaletti Ligure liegt in Italien an der Riviera zwischen San Remo und der französischen Grenze. Aber meine Ospedaletti-Bilder haben mehr Ähnlichkeit mit gewissen Ecken, Winkeln und Aussichtspunkten in meiner Seele als mit diesem Städtchen am Mittelmeer.

Malen ist ein fortwährend unermüdlicher Versuch, die Balance mit der Natur im umfassendsten Sinne zu halten. So gesehen sind schlechte Bilder Umweltverschmutzung.

Vor der Flutwelle

Vor der Flutwelle, Gouache auf Papier, 2019

I have found a great compassion for humanity by meeting my own pain. I have found a great compassion for others by first finding compassion for myself.

*

Ich habe ein großes Mitgefühl für die Menschheit gefunden, indem ich meinem eigenen Schmerz begegnet bin. Ich habe ein großes Mitgefühl für andere gefunden, indem ich zuerst Mitgefühl für mich selbst gefunden habe.

Jeff Foster The Joy of True Meditation

Selbstbildnis eines Malers

Ich bin gegen jedes Virtuosentum. Der Virtuose steht durch seine Fertigkeit eines Gauklers über der Sache. Kann aber ein Dichter über der Sache stehen? Nein! Er wird von der Welt, die er erlebt und darstellt, so wie Gott von seiner Schöpfung gefangen gehalten. Um von ihr frei zu werden, stellt er sie aus sich heraus. Das ist kein Virtuosenakt. Das ist eine Geburt, eine Lebensvermehrung wie jede andere Geburt. Haben Sie aber je gehört, dass eine Frau eine Virtuosin im Gebären sei?
Es gibt keine virtuose Geburt. Es gibt nur eine schwere oder eine leichte, in jedem Fall aber eine schmerzliche Geburt. Die Virtuosität ist nur Komödianten vorbehalten. Die beginnen aber immer dort, wo der Künstler aufhört.

Gustav Janouch Gespräche mit Kafka

 

Selbstbildnis III /Diptychon - Feb/März 89 - Öl auf Novopan

Was abgespalten und nicht gefühlt wird

Was abgespalten ist und nicht gefühlt wird, bleibt immer dasselbe. Wenn es gefühlt wird, ändert es sich. Die meisten Menschen glauben, sie machen sich zu guten Menschen, wenn sie sich das Fühlen ihrer negativen Seiten verbieten. Das bewirkt aber genau das Gegenteil: Es hält diese negativen Seiten statisch.

Gene Gendlin

 

Bild: Jonas in der Welle, die ihn ans Land bricht; Tetralogie des Zerbrechens III - Öl auf Novopan, 1990

 

 

Am Anfang war das Meer.

Ich ging die Houston Street hinunter und nahm den Subway nach Coney Island. Ich fand die Dunkelheit im Tunnel entsetzlich, den Wagen entsetzlich, die ein- und aussteigenden Leute entsetzlich, also starrte ich einfach nur auf den Boden, um niemanden sehen zu müssen, bis die Stunde um war und ich in Brighton Beach ausstieg.
Ohne auf etwas oder jemanden zu schauen, ging ich durch das russische Viertel, und ohne auf jemanden zu schauen, gelangte ich zum Boardwalk. Ich blickte auf, und da war das Meer.
Ich bin keiner, der leicht weint, und auch jetzt weinte ich nicht. Zwei kleine Segelboote, möwenweiss, glitten über das stille Wasser, das weit draussen dunkelblau war und dunkelgrün da, wo die Wellen sich überschlugen, bevor sie ihr Brokatgewebe auf dem Sand ausbreiteten. Es waren Menschen am Strand, die joggten, die badeten. Ein junges Pärchen von etwa zwanzig Jahren warf einer schwarzen Labrador-Hündin einen Ball ins Meer, das Tier stürzte sich ins Wasser, schwamm wie eine Robbe auf den Ball zu, schnappte ihn und brachte ihn an den Strand zurück. Auch wenn ich Gemälde von Tieren nicht mag, ich meine von Säugetieren, dachte ich an ein Bild, auf dem die sich in das smaragdgrüne Wasser stürzende Hündin als ein breiter, schwarzer Pinselstrich zu sehen wäre, ein Strich wie auf einer japanischen Kalligraphie. Es gibt kein glücklicheres Tier als einen Labrador am Strand. Und da konnte ich nicht länger an mich halten und brach in ein Schluchzen aus, das wie ein Erdbeben war. Ich musste mich setzen und spürte, wie die Tränen mir hart und kalt übers Gesicht rannen.
Ich zog mir Schuhe und Socken aus und ging etwa zehn Minuten auf dem festen Sand den Strand entlang, mit den Füssen im Wasser bis zu einer der Wellenbrecher-Molen gegenüber den Chicago-Riesenrad, das schon zu Coney Island gehört. Ich ging vorsichtig über die spitzen Felsbrocken bis zu der Stelle am Wasser, wo sich die Krebse sammelten. Die Krebse waren steinfarben, und wenn sie sich bewegten, war es, als ob die Steine lebten.

Aus Tomas Gonzalez: Das spröde Licht

Bild: Ospedaletti X - Öl auf Novopan 1989

Das Leid

Denn das Leid, Rodja Romanowitsch, ist etwas Grosses und Heiliges.

F.M.Dostojewski Schuld und Sühne

 

Bild: Aloïse, Variation I - 1987 Eitempera auf Packpapier

Gott erschuf den Menschen, weil er Geschichten liebt.

Wenn Rabbi Israel ben Elieser, der Baalschem-tow, sein Volk vom Unglück bedroht sah, pflegte er einen bestimmten Teil des Waldes aufzusuchen und dort zu meditieren. Er entfachte ein Feuer, sagte ein bestimmtes Gebet, und das Wunder geschah, das Unglück wurde abgewendet.

Später, als sein Schüler, der berühmte Maggid von Mesritsch, aus denselben Gründen Gelegenheit hatte, beim Himmel Fürbitte für sein Volk einzulegen, ging er an dieselbe Stelle im Wald und sagte: „Herr des Weltalls, höre! Ich weiss nicht wie man ein Feuer entfacht, aber ich weiss das Gebet noch zu sagen.“ Und wieder geschah das Wunder.

Sein Nachfolger, der Mosche Löb von Sasow, sagte, als er in den Wald ging, um sein Volk zu retten: „Ich weiss zwar nicht, wie man ein Feuer entfacht, auch kenn' ich das Gebet nicht mehr, aber ich weiss den rechten Ort noch, und das muss genügen.“ Das Wunder geschah.

Schliesslich fiel die Aufgabe, das Unglück abzuwenden, dem Rabbi Israel von Rizin zu, der zu Hause im Lehnstuhl sitzend, den Kopf in die Hand gestützt zu Gott sprach: „Ich kann kein Feuer entfachen, ich weiss das Gebet nicht, nicht einmal die Stelle im Wald find ich mehr. Ich kann gerade noch die Geschichte erzählen, das ist alles. Es muss genügen.“ Und es genügte.

Gott erschuf den Menschen, weil er Geschichten liebt.

Eli Wiesel The Gates of the Forest

Bild: Der Schattenschlepper, 1992, Gouache auf Papier

Wenn die Welt sichtbar wird als Welt und nicht als die Welt des Ichs

Fünfundzwanzig Jahre später habe ich noch mehrere solcher Weltgefühlerlebnisse gehabt, aber keines ist so intensiv gewesen wie dieses erste, und im Unterschied zu ihm wurden die späteren von Bildern der Welt ausgelöst, nicht von der Welt selbst. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn dieses erste Weltgefühl enthielt zwei unterschiedliche, in ihre jeweilige Richtung ziehende Größen. Es ging zum einen um eine Präsenz im Augenblick, im Hier und Jetzt, das sich in seiner wahren Form zeigte, ohne Vergangenheit oder Zukunft, während es zum anderen um das Gegenteil ging, also um Abstand und darum, sich außerhalb von etwas zu befinden und es als abgetrennt zu betrachten, und folglich kein Teil davon zu sein. Und das, die Gleichzeitigkeit von Präsenz im Augenblick und Abstand von der Welt, ist der Ort der Kunst.

Das meditativ und religiös gefärbte Erlebnis des Jetzt, diese ungeheure Konzentration auf den Augenblick, die enorme Wellen von Verbundenheitsgefühlen mit der Welt auslöst, und vielleicht nichts weiter sagt als »ich existiere«, ist nur möglich, wenn die Welt sichtbar wird als Welt und nicht als die Welt des Ichs, und das tut sie nur, wenn dieses Ich außerhalb von ihr steht. In ein und derselben Bewegung entfernt die Kunst uns von der Welt und führt uns näher zu ihr heran, zu dieser himmelumspannten und sich langsam bewegenden Materie, aus der auch unsere Träume sind.

Karl Ove Knausgard Das Amerika der Seele

Zeichnung: Tagebuch, 25.4.11

Die Angst, dein bester Freund

Ich hänge an meinen Fingerspitzen ohne Seil und Absicherung in einer senkrechten Wand. Unter mir der Abgrund, in mir keimt die Angst auf. Doch sie versetzt mich nicht in Panik. Im Gegenteil: Sie ermöglicht Konzentration, denn jeder Griff muss sitzen. Die Angst ist nicht meine Schwäche, die Angst ist mein bester Freund. Sie treibt uns an, schützt, warnt, bremst und leitet uns.

Alexander Huber Die Angst, dein bester Freund

Bild: Kreuzigung ans Weibliche II 1987, Öl auf Novopan

Wer träumt?

Yasutani Rōshi
meditiert nicht
er träumt
von zwei Hunden
die unter ihm
schlafen
und träumen
von einem Zenmeister
der nicht meditiert
sondern
schläft
und träumt
in einem Bild
an einer Wand
eines Zimmers
von zwei Hunden
die nicht meditieren
sondern
schlafen
und träumen
sie seien
zwei Menschen
in einem Bett
eines Zimmers
schlafend
und träumend
von einem Zenmeister
genannt
Hakuun Yasutani Rōshi
der mit Eitempera
auf Packpapier
gemalt
schon seit
vielen Jahren
in einem Rahmen
an einer Wand
eines Zimmers
hängt
und nicht schläft
sondern
meditiert
und dank seiner
grossen Leidenschaft
und Geduld
in diesem Augenblick
das Kōan
Wer träumt?
meistert

 

Der Traum von Yasutani Roshi

 

Bild: Yasutani II Eitempera auf Packpapier, 1992

 

Birte

Heute wische ich mir
die Bitternis von den Lippen
die als Stabreim noch
an deinem Namen haftet
Birte

Dann nehme ich deinen Namen
zart in meine Hände
wie eine leere Hülle Haut
Bittere
Birte

Habe durch dich
von der Liebe geschmeckt
die hinter allem wartet
hätte gerne noch mehr vom Leben
mit dir geteilt

Den Schmerz
zum Beispiel
oder ein Kind

Wir hätten dann
im Sessel des Alters
das gelebte Leben betrachtet
wie im Kino den Film
Okuribito
damals
als der unzähmbare Fluss
durch unsere jungen Körper
gerauscht

Wären dann rübergehüpft
über den Tod
wie in den Quartierstrassen
die Kinder
über Hosengummis
einer nach dem andern
ins Grosse Meer
spielerischer Leichtigkeit

Hätten der Schwerkraft
ein Schnippchen geschlagen
die uns so gern
wieder in eine Körperhaut
gedrückt
und in einer Gebärmutter
versenkt

Doch ich weiss nicht
wo du jetzt bist
und was du jetzt tust
vielleicht läufst du umher
grau und mondän
eine fremde Frau
unter vielen

Und fragst dich heimlich
ob du auch geliebt hast
ob du auch
ein rohes Herz trägst
nackt
in die Nacktheit der Liebe

Woher nur
soll ich das wissen
Mein Name ist
eines Morgens
nicht mehr
mit mir
erwacht

O Namenlos
bin ich
dazu verdammt
Engel vom Himmel zu bitten
um auf ihren Häuten
Gedichtchen
zu dichten

An die Namen
all meiner
gegangenen
Geliebten

 

Bild: Im Trojanischen Pferd Gouache auf Papier, 1993

Die Taube

Für Birgit

Hinter verschmutzter Fensterscheibe
wartet der Himmel
weiss wie Kalk

Auf dem scheebesetzten Dachfirst
lässt sich eine Taube nieder

Meine Liebe ging verloren
gestern

Da fliegt der Täuberich zur Taube
und tanzt zum Gesang der Stille

Die Illusionen sind zerfallen
und aus Staub gebaut ist das Haus

Abgrundtief kreuzt ein Schiff
im Himmel

Blauer Trauerstaub verstaubt
meine Seele

Wie vergeblich ist es doch
das verstaubte Staubbeutelfach
des ATEMA 2009 BST
mit dem ATEMA 2009 BST
zu staubsaugen

Deshalb nimm den Staub
und male in den Himmel

Eine Taube in Ultramarinblau

Genau in dem Moment
da sie flattert

Aus der schmerzhaft
sich öffnenden Hand

 

Bild: Gebet um Ganzheit - Tetralogie des Zerbrechens IV Öl auf Novopan, 1990

Fliegen

Ich schreibe
ein Gedicht
am Tisch
Musik
inspiriert mich
Fliegen
stören mich
Mit den Händen
schlag ich sie tot
Eine
nach der andern
Die beharrlichsten
glauben zuerst daran
Goldner Engelflügelstaub
setzt sich fest
und der Bildschirm
des Laptops
erblindet
Meine Finger
schreiben weiter
und zählen
die toten Fliegen
denn in diesem Gedicht
ist jede tote Fliege
ein erobertes Wort

Das Licht
ist immer hier
doch es zu suchen
ist vollkommen
vergeblich

steht da
mit Fliegenblut
geschrieben
Ach
mit Liebesblut
habe ich einst
Lieder gesungen
an Engel
mit bezaubernden Brüsten
und jedes Staubkorn
wurd ein Wort
Heut begnüge ich mich
an Fliegen zu schreiben

Liebe Fliegen
fliegt
geschwind
fliegt
wie weisse Schwäne weit
fliegt

Bild: Eva`s Fall - Tetralogie des Zerbrechens II Öl auf Novopan, 1990

Eine kleine billige Porzellanvase mit blauen Verzierungen auf weissem Grund

He du, sagt jemand, irgendwie von links, von links schräg hinten, vage. Ich glaube, ich habe nichts gehört. Die Arbeit vor mir auf dem Tisch ist zweifellos bedeutend und vereinnahmt all meine Kräfte. He du, sagt dieser Jemand erneut, mit leicht und hübsch geformten Worten wie reizende Sommerwölkchen, so dass ich unwillkürlich mich ein kleinwenig mehr über meine Arbeit beuge; aber als wäre das gerade der genau passende Auslöser gewesen, auf den er nur gewartet habe, schleudert er mir jetzt eine Serie ganzer Sätze wie Boxhiebe in die linke Flanke, ob ich nicht gemerkt hätte, dass es das Leben gewesen sei, das vorhin auf den Boden gefallen sei und dort zerbrochen, dass es das Leben gewesen sei, mehrmals, direkt links in meine Niere mit einer Stimme, die mit der Monotonie eines chronisch tropfenden Wasserhahns in meiner Tiefe die Seele verstört. Aufgeschreckt hebe ich meinen Kopf und richte mich im Stuhl gross auf.
Dieser Elende, der glaubt, das Leben sei vorhin am Boden zerbrochen, sage ich und lächle überlegen. Wie er es mir wieder sagt, diesmal unverschämt vertraulich wie einem Freund ins Ohr, breche ich in unmässiges Lachen aus und schlage mir mit der platten Hand auf den Schenkel: Nein, so ein Unsinn, hat man das schon gehört! Sicher nicht das Leben, nur eine kleine billige Porzellanvase mit blauen Verzierungen auf weissem Grund.
Aber hartnäckig glaubt er mir nicht, und deshalb erkläre ich ihm nochmals, das letzte Mal und mit vor Wut bereits erstarkter Stimme, dass es eine billige Vase gewesen sei, die auf meinem Tisch gestanden wäre und durch irgendeine unkontrollierte, zufällige Bewegung meines linken Ellbogens höchstpersönlich zu Boden gefallen sei, wo sie natürlich auf den harten Fliesen sofort zerbrochen.
Aber plötzlich werde ich unsicher. Es kommt in mich wie eine dunkle schöne Krankheit kommt mit sanft tanzender, schlangenartiger Bewegung, erfasst mich, hebt mich vom Stuhl, legt sich auf meine Schultern und drückt mich tief in die Knie ganz in eine einzige Bewegung hinein, die sich in meinen Fingern zuspitzt, um die Scherben zusammenzukratzen.

Bild: Kreuzigung hinter Gittern Eitempera auf Packpapier, 1987

Enttäuschung ist des Kaisers neues Kleid.

Für Tom

Der Regen regnet. Ich höre sein rieselndes Tropfen. Etwas Sanftes. In mir drin fühle ich synchron etwas Trauriges. Hatte heute eine Auseinandersetzung mit einem mir nahestehenden Menschen. Es regnet etwas kräftiger. Jetzt hat sich mein Hören verändert. Etwas Weiches liegt in meinem Bauchraum auf etwas Hartem, Spitzigem. Das Weiche liegt da wie ein Ei, und weiter oben kommt es mir weit, aber auch nass vor, wie milde Trauer, eine Art Lösen. Trauer hat etwas Lösendes. Jetzt zeichnet der Konflikt deutlich in meinen Gedanken ein Bild. Ich spüre die Spannung zwischen uns, ich spüre sie in mir, lasse sie dort sein und halte sie einwenig. Da zeigt sich Enttäuschung. Irgendwie fühle ich mich enttäuscht, andererseits ist es auch okay. Es ist so. Es herrscht Istigkeit. Wohl deshalb fühle ich jetzt etwas Friedliches in mir. Es passt zum leichten Luftzug, der vom Fenster, das  aufgeklappt ist, hineinzieht und mich berührt. Friede ist Vertrauen, Vertrauen ins Leben, Vertrauen ins Wahrnehmen, ins Nehmen des Wahren. Im Grunde genommen sind wir doch immer eingebettet. Wir sind wie ein Ei eingebettet im Nest des Erlebens, im Nest dessen, was gerade passiert, im Nest des Augenblickes. Ja, in mir ist Frieden eingezogen, vielleicht die Art von Frieden, die sich nach einer erlebten Enttäuschung einstellt. Die Enttäuschung ist des Kaisers neues Kleid. Ich habe mich getäuscht. Ich habe ein Bild gezeichnet, das ich wieder ausradieren musste, weil es nicht stimmte. Das frei radierte Blatt Papier ist ein weiter Raum, jetzt gerade im Brustbereich als Frieden erlebbar. Und etwas Aufregendes entsteht, wenn ich daran denke, dass dieser Friede vom steigenden Vertrauen ins Leben herkommt. Jetzt geschieht das Geräusch eines unten durch den Blumenweg fahrenden Autos. Die Räder des Autos zeichnen das Geräusch ins Nass der Strasse. Und der Regen ist kräftiger geworden. Die Regentropfen trommeln. Mein Rücken schmiegt sich in die Kissen des Bettsofas. Leichte Kopfschmerzen ziehen durch die Stirn wie Wolken. Und der rechte Arm zieht etwas von der Anstrengung des Schreibens. Im Einklang ist die Welt. Ein leeres Schlucken. Da ist Schmerz. Ich lege mich in den Schmerz. Ich fühle ihn. Ich respektiere ihn und bin gleichzeitig frei, frei mit dem Schmerz, der da ist, der unpersönlich durchs Leben zieht, wie ein zäher und dunkler Fluss.

Zeichnung: Der lesende Tom Kratky Bleistift auf Papier, ca. 1980

Ein Hundstag

Ich sitze auf dem Balkon unserer Stadtwohnung. Die nackten Füsse auf dem warmen Boden. Die angenehme Wärme des Steinbodens halten die Füsse fast liebend am Boden fest. Wärme scheint zu verbinden und anzuziehen. Der Balkonboden ist vielleicht nur ein klein wenig wärmer als die gefühlte Wärme in meinen Füssen. Sie macht aber den Eindruck meiner Füsse breiter. Bei den Fersen spüre ich einwenig Schmerz. Vielleicht Reste vom Schmerz des Tages, den ich durchlaufen habe. Ein Arbeitstag ist ja auch fast wie eine Wanderung, äusserlich zwar relativ eintönig und alltäglich, aber innerlich, besonders wenn der Arbeitsalltag in einer psychiatrischen Klinik stattfindet, eine aufregende Reise mit ungewissen, teilweise auch aufwühlenden und gefährlichen Begegnungen.
Mika hechelt fast ununterbrochen. Mit seinem sibirischen Pelz ist ihm die Wärme, die jetzt auch noch 8 Uhr abends herrscht, eine enorme Belastung. Keine Wärme, die verbindet, eher eine, die ihn wegjagt, um einen einsamen Ort zu finden, der einigermassen kühl ist, auch wenn es tief unten im Keller sein sollte. Trotzdem kommt er ab und zu heraus auf den Balkon und schaut durch die Gitterstäbe in das Häusertal des Blumenweges hinunter. Dieses Tal in der Stadt wirkt momentan eher unbelebt. Man hört fliessendes Wasser aus einem Wasserschlauch und feines Spritzen aus einer Giesskanne. Der Himmel fällt langsam in die Nacht. Er ist ganz ruhig und klar, und die Sonne strahlt immer dunkler. Ab und zu höre ich noch das Ziepen der Mauersegler, die den Himmel von den Mücken bereits abgeerntet haben, und sich jetzt langsam in die Nacht zurückziehen. Eine raue Stimme eines Mannes, der entweder telefoniert oder seine Frau auf einem Balkon beschwatzt. Und natürlich ab und zu das auf- oder abbrausende Motorengeräusch von an- oder abfahrenden Autos oder Motorräder in den labyrinthischen Quartierstrassen. Die Welt ist gross; das Leben ist gross. Es ist so gross, dass es mich umfängt und hält und mich schützen könnte wie eine riesige Kirche, wenn ich mich ihm nur anvertrauen würde und einwenig darauf verzichten, zu glauben, ich müsste es kontrollieren. Das Leben ist wie eine Kirche, in die einzutreten, einen den Glauben und die Hoffnung kostet. Die Unmöglichkeit und Absurdität und Ohnmacht, das Erleben auch nur annährend zu beschreiben, fällt mich zwischendurch an wie ein wildes Tier. Sie lösen keine Lähmung aus wie früher oder einen Anfall von narzistischer Überheblichkeit; jetzt ist es eher ein Wundern, das ich da sein lassen kann, ein Erstaunen über diese gewaltige Kraft und Mächtigkeit. Die Geräusche werden dann gleichsam zur Haut Gottes und berühren mich so intim wie die Wärme des Steinbodens meine Füsse und tragen und halten mich im freien Fall des Bewusstseins.

Bild: Das Meer Gouache auf Papier, 1993

Ein Traum und eine Antwort aus dem Alltag

Lieber Martin

Seit dem 9. Mai habe ich fast täglich in deinen Blog hineingeschaut. Zuerst waren es die Hunde, die meine ganze Aufmerksamkeit auf sich zogen, aber allmählich begann ich mich auch auf deine persönlichen Beiträge zu freuen. Es ist für mich gut spürbar gewesen, wie im Verlaufe dieser Wochen bei dir die Lebensfreude und die Zuversicht gewachsen sind. Diese Mischung macht diesen Blog einzigartig. Einerseits beschreibt er das Heranwachsen der Welpen mit wunderschönen Bildern, andererseits ist darin auch der Weg erkennbar, den ihr selbst in dieser Zeit gemacht habt, von tiefer Unsicherheit bis zum Entschluss, das Wagnis mit diesen sieben Huskys einzugehen, von einem grossen Vorhaben und dessen Umsetzung mit allen zur Verfügung stehenden Kräften. Und je mehr sich das gute Gelingen am Horizont abzeichnet, desto mehr sprudeln deine kreativen Ideen.
Dein Blog kommt mir im Nachhinein vor wie die Schriften, die in früheren Jahrhunderten von Mönchen verfasst wurden. Sie schrieben einerseits die Geschichte, in ihrem Fall wohl einen biblischen Text. Daneben aber schmückten sie die Anfangsbuchstaben der Schriften und die Ränder der Seiten mit allerlei wundersamen Bildern und liessen dabei ihrer Fantasie und ihrer Gestaltungsfreude freien Lauf.
Vorletzte Nacht hatte ich einen Traum: Mein Sohn und ich gehen mit den Hunden spazieren. Ayscha läuft vorne, wie sie es ihr Leben lang getan hat. Benja nehme ich nicht wahr, vermute aber, dass sie dicht hinter uns geht. Auf einmal sind auch alle eure Welpen dabei. Wir kommen auf eine mit Stauden und Buschwerk bewachsene Wiese. Plötzlich tauchen mehrere Katzen vor uns auf. Einen Augenblick stehen alle still, die Katzen, die Hunde und wir Menschen. Ich will Ayscha abrufen, aber da ist es auch schon zu spät. Die Katzen stieben auseinander, Ayscha hinterher. Als erster folgt ihr Tikaani. Und dann führt Ayscha alle zur Jagd.
Im Traum bin ich darüber verärgert und besorgt. Als ich aber erwache und feststelle, dass keiner Katze etwas passiert ist, steigt in mir allmählich Freude auf. Von früheren Erfahrungen weiss ich: Sobald ich von einer verstorbenen Person (in diesem Fall Ayscha) träume, ist es gut. Und ich spekuliere ein bisschen: Vielleicht war es gar nicht Tikaani, der als erster Ayscha nachgefolgt ist. Womöglich war es der achte Welpe?
Jetzt wird es dann wohl allmählich stiller werden auf der Welpenalp. Ich wünsche euch viel Kraft zur Bewältigung auch dieser Phase und eine gute Rückkehr ins Alltagsleben.

Herzlich

Catherine

Liebe Catherine

Welch ein schöner Traum! Seine Schönheit regt mich an, deinen Kommentar als neuen Blogeintrag zu benutzen und dir eine lange Antwort zu schreiben.

Dein Traum spielt in den Ewigen Jagdgründen (The Happy Hunting Ground), wo Ayscha (Die Lebendige) jetzt lebt.

Und wir auch. Nur erleben wir uns nicht dort. Wir grenzen die Ewigen Jagdgründe in der alltäglichen Realität aus. Wir tun so, als würden sie nicht existieren oder uns nichts angehen oder vielleicht irgendwann mal in ferner Zukunft.

Erst wenn ein Wesen, zu dem wir eine Bindung aufgebaut haben, stirbt, dann trifft das die Selbstverständlichkeit unseres Selbstbildes schockartig und erschüttert unseren Verstand, unser Ich denke, also bin ich. (Descartes)

Denn unser Verstand funktioniert hauptsächlich in der alltäglichen Realität gut; er kann nicht viel anfangen mit den Ewigen Jagdgründen, mit den anderen Welten; die kann er nicht wirklich begreifen.

Die Träume aber tauchen auf aus den Ewigen Jagdgründen wie die Blasen vom Grund des Glases voll frischem kohlensäurenhaltigem Mineralwasser auf dem Tisch. Wenn wir auf das Träumen achten würden, anstatt es ständig ob all unseren vielen Alltagspflichten und -sorgen wegzuschieben, dann könnte es uns wieder an die tiefe Vielfalt, an all diese zahllosen Parallelwelten, an das Ganze, an das Heilige und Heilsame, an die vollkommen einfache Grundstruktur des Lebens erinnern, und wir könnten es als genauso wertvolles Erleben zulassen, begleiten und unterstützen wie unser Erleben der Alltagswelt.

Und unser Leben würde wieder voll Zauber, Wunder, Synchronizitäten und gespürten Verbundenheiten. Es würde nicht nur reicher sondern auch freier. Wir könnten besser atmen. Wir würden dann nicht nur die Luft der Alltagsrealität atmen, sondern auch die der anderen Welten. Wir hätten wieder den Traumatem, den Todesatem, den Geburtsatem, den Schlafatem und natürlich den Hundeatem.

Hunde sind die kraftvollsten Vermittler zwischen diesen Welten. Weil sie uns in der sozialen Struktur so ähnlich sind und weil sie wie kein anderes Tier so nah unseren Alltag teilen. Wir führen sie, wir schützen sie und arrangieren uns mit ihnen, damit sie in der anthromorphen Realität bestehen können und mit so wenig Leid als möglich leben dürfen. Schliesslich sind wir ihnen diese Verantwortung schuldig, denn wir haben sie aus ihrer Wolfs-Welt in unsere Mensch-Affen-Welt hinüber verführt, wir haben sie domestiziert.

Aber eigentlich, tief drin, in ihrer Grundstruktur bleiben unsere Hunde Wölfe und leben wie Wölfe. Das heisst, sie jagen auch im Alltag weiterhin in den Ewigen Jagdgründen.

In diesem Zusammenhang wird gern vergessen, dass das Wichtigste im Leben des Wolfes neben den täglichen ca. 16 (!) Stunden Schlaf mit all seinem Träumen, das Jagen in den Jagdgründen ist. Die Sexualität und all die Betrügereien, Tricksereien, Intrigen und Machtkämpfen, die unweigerlich damit einhergehen, lebt der Wolf nur drei Wochen im Jahr, weshalb sie sein Leben viel weniger bestimmen als das der Affen und das von uns Menschen. Diese wichtige Verschiedenheit zu uns und die Konsequenzen daraus hat der Philosoph Mark Rowlands im dem genialen Buch Der Philosoph und der Wolf  ausgearbeitet.

So findet das Wie im Leben des Hundes, sein strukturiertes inneres Erleben, das sein Handeln motiviert, immer noch dort statt, wo der Wolf jetzt lebt, und es findet dem Wolfsverhalten synchron statt. Deshalb ist es auch für das Verständnis des Hundeverhalten derart wichtig, den Wolf in der Freiheit zu beobachten. So verstehen wir sein Verhalten und fühlen sein Wesen.*
(Siehe die Bücher von Günther Bloch und Elli Radinger.)

Zum Beispiel kann die Frage, ob ein Welpe Welpenschutz hat, nicht nur über schmerzhafte Versuche oder gar aufwendige Experimente geklärt werden; die Antwort zeigt sich uns viel schlichter und eleganter mittels des gesunden Menschenverstandes (common sense), der das wölfische Verhalten beobachtet. Der allerdings scheint momentan genau so selten anzutreffen zu sein, wie der Wolf in unserem Land.

Wie begegnet ein Wolf einem Welpen? Wenn es einer aus seinem Rudel ist, dann wird er ihn schützen. Wenn es aber einer aus einem fremden Rudel ist, wird er ihn sofort töten. Deshalb hat auch ein Hund nur wirklichen Schutz innerhalb des eigenen Rudels, hingegen können Begegnungen mit fremden Hunden für den Welpen ganz bös enden.

Dass der Wolf in den letzten Jahren nun auch wieder seinen Lebensraum bei uns einfordert, ist im Grunde genommen auch ein Traum, den wir momentan kollektiv träumen. Der Wolf taucht wieder auf nach jahrhundertelanger Verfolgung, Ausgrenzung, Unterdrückung bis zur Fastausrottung, und nicht nur der reale Wolf in Italien, Deutschland und in der Schweiz, sondern auch der Wolf im Hund und der Wolf in unserer Psyche.
(Zum Beispiel in Clarissa Pinkola Estés Die Wolfsfrau.)

Denn auch im Hund wurde und wird weiterhin der Wolf als das Böse und Falsche ausgegrenzt und unterdrückt. Denk nur, was wir vom Hund alles als selbstverständlich abverlangen:

Er soll nicht jagen, keine Katzen, keine Hühner, nicht einmal Mäuse - die übertragen Krankheiten; er darf nicht natürliches Rohfleisch und Knochen fressen - die wissenschaftliche Werbung hört nicht auf, uns erfolgreich vorzugaukeln, der Hund bleibe nur gesund, wenn er ein Leben lang die gleiche industrielle Trockennahrung schlucke, die ein Mensch, der noch alle Tassen im Schrank hat, nur schlucken würde, wenn er sich auf der Reise zum Mars befände; er soll schon vor der Pubertät seine Eier abgeben - die er dann ausgewachsen mit etwas Glück als Kunsteier wieder montiert zurückkriegt, zumindest in der USA; er darf keine Stehohren mehr haben, keine wolfsähnliche Schnauze mit den imposanten Zähnen, sondern ein Jö- oder Affengesicht; er soll eh kindlich bleiben und darf nicht erwachsen werden; er darf nicht mehr gross und selbstsicher sein; er darf nicht raufen, knurren, kämpfen; er darf seine Grenzen und sein Territorium nicht schützen; nicht Respekt von andern einholen; er muss an der Leine laufen, darf nicht streunen; er darf keine Menschen erschrecken - die Angst des Menschen vor dem Hund ist heilig, aber die Angst des Hundes vor dem Menschen muss ihm als vom Teufel ausgetrieben werden; er darf nicht als Familienorganisation (Vater und Mutter) seine Welpen aufziehen - kurz, seine innerste Struktur, seine wilde Wolfsnatur wird fortwährend unterdrückt, imperialisiert, kolonialisiert, marginalisiert, ausgebeutet.

Das läuft wie ein Virenprogramm im Hintergrund eines Computerbildschirms schon seit Jahrhunderten unter dem euphemistischen Begriff der Domestikation. Euphemistisch deshalb, weil wir das nicht sehen, weil wir in unserer Anthropozentrik das andere Wesen permanent vergessen; es ist unbewusst, ausgeblendet, genauso wie wir unsere Körperempfindungen und -impulse, unsere Gefühle, unsere Träume, Phantasien, Instinkte, das intuitiv Gespürte, den Felt Sense (Focusing), unsere Buddha-Natur fortwährend ausblenden.

Wenn wir den Mut hätten, genau hinzuschauen, würden wir sehen, wie wir den Hund immer noch tagtäglich benutzen und missbrauchen; früher und in anderen Ländern noch tendenziell mehr als Sache, heute in unserer Kultur vermehrt narzistisch emotional.

Zum Beispiel dieser Mann, der, 90 Jahre alt und nicht mehr wirklich mobil, sich übers Internet einen Labradorwelpen kauft. Alle, auch seine Frau, haben ihm gesagt, er solle das lassen, er sei nicht mehr in der Lage, angemessen zu einem solchen Hund zu schauen. Aber der alte Mann lebt nicht mehr wirklich in der Realität. Er vermischt die Welten und merkt es nicht. So wie eine Magersüchtige sich im Spiegel als dick sieht, so sieht er sich im Spiegel nicht als greiser, gesundheitlich angeschlagener, nicht mehr mobiler Mann, der langsam aber sicher auch körperlich in die ewigen Jagdgründe aufbricht; sondern er sieht sich als jung und vital und behandelt die Umgebung, seine Mitmenschen dementsprechend. Da seine Frau neben ihm derart alt aussieht, muss er sie natürlich dauerverachten.

Er macht das, weil er dem eigenen Schmerz nicht in die Augen sehen kann, dem Schmerz über den Tod des alten Hund, der vor nicht langer Zeit gestorben ist, dem Schmerz über den allmählichen Kontrollverlust, über das Schwinden der Lebenskräfte, dem Schmerz der starken emotionalen Verwahrlosung aus der eigenen Kindheit. Er hat keine Werkzeuge und Hinweise mitbekommen, wie man eine gute Beziehung aufbauen kann mit der inneren Welt. Er hat eine starke, äusserlich auch erfolgreiche Einseitigkeit entwickelt, lebt, obschon wohlbemittelt, in einem konstanten Gefühl des Mangels und hat den Kontakt mit seinem inneren Reichtum längst verloren. Und weil er seinen Schmerz innerlich permanent unterdrückt und bekämpft, blüht dieser im Untergrund. Er wird zu seiner Austrahlung und beginnt als Schmerzkörper wie ein Monster sich vom Schmerz in der Umgebung zu ernähren, den er dort erzeugt, weil der Mann ihn selbst nicht fühlen will.
(Eckhart Tolle hat diesen Mechanismus gut beschrieben.)

Und was macht die Umgebung? Sie ist genauso hilflos. Sie kann diesen Schmerz auch nicht wirklich fühlen und übt sich in, was Ken Wilber treffend ausdrückt, idiotischem Mitgefühl.

Das heisst, die Umgebung nimmt ihm jetzt nicht etwa den Welpen weg, eine ethisch richtige Handlung, die nötig wäre, um das Tier zu schützen und diesen Mann auch, um offensichtliches, durch diese heillose Überforderungssituation sich persistierendes Leid zu mindern, sondern unterstützt ihn nun mit verharmlosenden und betäubenden Aussagen wie: Seine Frau wird schon zu dem Kleinen schauen. Man darf sich jetzt nicht in sein Leben einmischen. Ihm diesen kleinen herzigen Welpen wegzunehmen, würde ihm das Herz brechen.

Aber das Gegenteil von Gut ist nicht Böse, sondern gut gemeint.

Tucholsky

Und genau das beschreibt idiotisches Mitgefühl. Wir fühlen nicht wirklich das Leben, unsere Gefühle, die Gefühle der andern, sondern geben vor, wir würden, indem wir eine Vorstellung vor und über das Leben stellen.

Nun ist aber nicht die Vorstellung das Problem, sondern das Problem ist die unbewusste Identifikation mit der Vorstellung und der damit einhergehende Kontaktverlust mit dem Leben und dem Fühlen.

Zum Beispiel die Aussage, die jemand in einem Kommentar in diesem Blog geschrieben hat: Es gibt so viele arme Hunde im Tierheim, deshalb ist es doch unverantwortlich noch weitere Hunde zu züchten.

Der erste Teil des Satzes ist eine mehr oder weniger überprüfbare Tatsache. Es stimmt, es gibt viele Tierheimhunde, die auch oft schlecht gehalten werden. Der andere Teil hingegen ist eine Vorstellung, mit der man identifiziert ist, und die über das Erleben gestülpt wird, und zwar, um es zu vermeiden.

Das Erleben wäre: Der Schmerz darüber, dass es so viele Tierheimhunde hat, die in schlechten Verhältnissen leben, und die mit diesem emotionalen Schmerz einhergehenden starken primären Gefühlen, wie Angst, Wut, Trauer, Ohnmacht etc. Dieser Schmerz und die Gefühle werden in dem Moment aber nicht wirklich gefühlt und erlebt. Das Erleben des Schmerzes wird vermieden, unterdrückt und marginalisiert, und mit einer moralischen es sollte-Vorstellung ersetzt, die niemals wahr sein kann, da sie keinen Boden unter den Füssen hat und keinen Kontakt mit der Wahrheit des Augenblicks, der Sinneswelt besitzt.

Der nicht gefühlte Schmerz und die ausgegrenzten Gefühle werden dann, natürlich unbewusst, entweder nach Innen oder nach Aussen projiziert, quasi weggegeben. Nach Innen, zum Beispiel, wenn ich jetzt meinem inneren Wunsch folgen würde, Hunde zu züchten, dann würde ich mich schlecht fühlen und von schlechtem Gewissen geplagt. Nach Aussen als Moral: All diese unverantwortlichen Menschen, die immer noch Welpen auf die Welt vermehren, obschon es so viele Tierheimhunde hat!

Anstelle des Erlebens - Erleben meines Leids, das mich dann verbinden könnte mit dem Leid all dieser vielen fühlenden Wesen auf diesem Planeten, echtes Mitgefühl wecken und zu ethisch sinnvollen Handeln führen - tritt die Vierte Welt, die Welt des Verstandes, des Denkens, der Vorstellungen, der Meinungen, der Kognitionen, der Moral, der Verbote und Gebote, der Regeln.

Und ohne es zu merken, leben wir in der Welt der Neurose, in dieser Mind-Made-Welt, in der Welt des Junk-Foods, des Trockenfutters, der Kartonnahrung, die nicht wirklich nährt, und die dann auch plötzlich mal fürchterlich Feuer fangen kann, was man dann etikettiernd Burnout nennt.

Moral ist ein Symptom dieses Kontaktverlust zum eigenen Selbst. In Büchners Woyzeck gibts diese treffende Definition:

Moral ist, wenn man moralisch ist.

Das beschreibt präzise dieses Mindfucking, dieses ständig wiederholende Kreisen der Gedanken (im Focusing nennt man das strukturgebundenes Erleben) der vierten Welt,
das unsere Kultur so grandios kultiviert: Schlechtes Gewissen, Schuldgefühle, wenn- und hätte ich doch-Sätze, Vergleiche mit den Anderen, all diese Selbstquälereispiele, mit denen die Selbstzerfleischung und Selbstzerhirnung auf exzellente Höchstleistung getrieben wird.

Das kann dann gegen Innen bös abgehen, nicht nur in ein Burnout, sondern direkt in den Hades einer abgrundtiefen Depression oder zu Selbstverletzungen, starker Sucht oder sogar Suizid führen. Oder noch böser nach Aussen: Wieviel Leid und Krieg sind doch aus solchen, ursprünglich gut gemeinten Vorstellungen entstanden! (Kommunismus, Übermensch der Nazis, Heilige Kriege etc.)

Da das Leben mittels einer moralischen Vorstellung nicht abgeholt wird, d.h. nicht bewusst erlebt und begleitet werden kann, kann auch kein nächster guter Schritt passieren. Das Erleben bleibt stecken und bildet neurotisch stinkende Pfützen ausserhalb des Lebensflusses.

Würde der Schmerz gefühlt und sinnhaft verbunden mit dem eigenen Schmerz von früher vielleicht, wo man sich auch wie ein armer Tierheimhund ausgegrenzt, verlassen und verwahrlost erlebt hat, dann könnte aus diesem Erleben ein nächster Schritt kommen, der einem sagt, was gut ist, quasi ein ethisch abgestimmter Schritt:

Das könnte durchaus die Wahl eines Tierheimhundes sein, das könnte aber auch all dieser Aufwand sein, den wir jetzt hier auf uns genommen haben, um dieses wunderbare Mysterium der Hundegeburt hautnah zu erleben.

Mit anderen Worten: Wir müssen den sauren Apfel vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen wirklich ganz zerkauen und runterschlucken. Die Dualistische Sicht des Verstandes auf die Welt muss vollständig durchschaut und verdaut werden.

Bedingung dazu ist das mit dem Aussen verknüpfte beharrliche Nach-Innen-Schauen. Dabei stösst man unweigerlich zuerst auf das, was man weggelebt hat, auf die vergrabenen Hunde, die Leichen im Keller und die Armen Seelen. Das zu sehen und zu erleben und dann diese Teile langsam zu befreien und ans Tageslicht des Bewusstseins zu holen, tut schrecklich weh, ist eine Ohrfeige nach der anderen, wie jemand einmal Selbsterkenntnis definiert hat. Doch durch diese jahrelange Knochenarbeit kann es dann plötzlich passieren, dass das Ganze des Lebens als bedingungsloses Wunder des Sowohl-als-Auch gesehen wird. Und man erlebt sich glücklich wandernd durch die Ewigen Jagdgründe. Und es war nie anders. Und es wird nie anders sein.

Dostojewski hat das schön beschrieben:

Alles ist gut...Alles. Der Mensch ist unglücklich, weil er nicht weiss, dass er glücklich ist. Nur deshalb! Das ist alles, alles! Wer das erkennt, der wird gleich glücklich sein, sofort, im selben Augenblick....

Zurück zum Beispiel des alten Mannes, der sich den Welpen gekauft hat, obschon er dessen Bedürfnissen nicht gerecht werden kann.

Man könnte sagen. Er sieht den Hund nicht als Hund. Er sieht in ihm seine Sehnsucht, eine Schmerzlinderung, ein Mittel seinen inneren Mangel zu stopfen, ein Mittel sich das Jungsein weiterhin vorzugaukeln, ein Betäubungsmittel. Was der Hund braucht, kann er nicht mehr sehen, deshalb wird hier der Hund grob missbraucht. Man könnte das auch so formulieren, dass dieser alte Mann innerlich überflutet wird von zu vielen Emotionen, die von seine verdrängten Geistern ausgesandt werden. Die emotionale Welt bricht allmählich in seine Persönlichkeit ein und führt zu einem mehr oder weniger starken Realitätsverlust.

Seine nahe Umgebung kompensiert co-abhängig seine Einseitigleit mit der Haltung: Ein Hund ist ein Hund. Nur ein Hund. Und weil ein Hund nur ein Tier ist, kein wertvoller Mensch, wie zum Beispiel mein eigenes Kind, ist es doch nicht so schlimm, wenn der Welpe jetzt dem armen alten Mann hilft in seinen letzten Lebenstagen noch etwas glücklich zu sein und dabei halt etwas leidet, schliesslich leiden noch viele andere Tiere auf diesem Planeten, und die letzte verbürgte Hundschlachtung in Deutschland fand 1986 in Augsburg statt. (Siehe: Michael Grewe Hunde brauchen klare Grenzen)

Diese materialistische Haltung ist zutiefst anthropozentrisch. Sie ist eine Schutzhaltung. Ich kultivierte sie früher auch, denn sie ist so bequem. Sie baut eine eiserne Festung ums Herz. Eisenhans wird eingesperrt, die Wolfsfrau verbannt. Sie schützt vor dem Fühlen des Schmerzes. So fand ich es früher, auch wenn ich es nicht immer sagte, lächerlich und vermenschlicht, wenn Leute lang und heftig wegen ihrem toten Hund oder ihrer toten Katze trauerten.

Einmal hatte ich in der statinoären Therapie der Klinik eine Patientin, deren Katze schwer erkrankt war. Daheim wollte aber niemand wirklich Verantwortung übernehmen. Ihr Mann wollte sie sofort einschläfern lassen, ihr Sohn weigerte sich. Als mir die Patientin das erzählte, verstand ich plötzlich, dass die Katze die Patientin rief, sich um sie zu kümmern, und sie mit Bewusstheit in den Tod zu begleiten. Die Katze wollte der Frau das Sterben zeigen. Die Frau verweigerte auch das Sterben eines Teils von sich und war deshalb in einer Depression erstarrt, genauso wie der Mann und der Sohn daheim einen nächsten Schritt blockierten. Die Frau ging heim, ging mit der Katze zum Tierarzt und erlebte das Sterben ihrer Katze. Und ich erkannte meine arrogante Haltung von eine Katze ist eine Katze. Das war für mich der Beginn meine anthropozentische und egozentrische Ansicht Tieren gegenüber ins Gesicht zu schauen. Ich erinnerte mich, dass ich als Kind Tiere über alles liebte und ursprünglich Tierarzt werden wollte. Der nächste integrative Schritt war dann das Auftauchen von Kaya in mein Leben.

Beide Haltungen dem Hund gegenüber sind deshalb falsch, weil sie einseitig sind. Sie zeigen nicht tiefer. Sie bleiben getrennt. Sie bauen keine Brücke, sie haben keinen gemeinsamen Boden (felt sense im Focusing). Sie erreichen deshalb nicht die Vielseitigkeit des Ganzen. Sie berühren nicht den Grund der Wahrheit und führen unweigerlich zu Verwirrung und Moral - dem hilflosen Versuch des Verstandes, wieder Klarheit in die Verwirrung zu bringen - und zu Leidanfälligkeit, die in jeder Monokultur implizit angelegt ist.

Wenn der Hund sowohl als Hund, als auch nicht als Hund gesehen werden kann, dann wird er zum Psychopompos, zum Seelenfüher, zum Vermittler und Botschafter zwischen den Welten, wie du es jetzt erfährst mit Ayscha, der Lebendigen im Traum. Der Hund hilft dir klar zu bleiben, luzid im Hinblick auf die Welt, in der du dich grad aufhälst, und du kannst die Aggregatzustände deines Bewusstseins leichter wechseln. Dein Hund zeigt dir wie kein anderes Wesen die Wahrheit des Augenblicks, er gibt dir das Wahre und du nimmst das Wahre von ihm, du nimmst durch ihn wahr und du weisst, dass es reine Energieverschwendung ist, dich dermassen in den Vorstellungen zu drehen und der Moral zu verfallen, stattdessen opferst du deinen Verstand, verlierst ihn einwenig und wendest dich wieder deinem inneren Erleben zu, den Gefühlen, den Körperempfindungen, dem Felt Sense, dem Happy Hunting Ground deines Körpers.

Das Bewusstsein der Ewigen Jagdgründe ist ein Bewusstsein des Todes, des Verfalls, der Nichtigkeit, der Vergänglichkeit, der Leere von allem. Das Fleisch konfrontiert uns damit, das Rohfleisch, die Verwesung, Maden. Wenn du deinen Hund mit Rohfleisch fütterst, dann kommst du in Kontakt mit dem, und es kann durchaus passieren, wie uns hier oben auf der Alp, dass du Maden begegnst. Es ist eine Art Leichenfeldbetrachtung im Alltag.

So schaut dich deinHund schaut morgens an und erinnert dich an dein Körperdasein, daran, dass deine blossen Füsse in Wirklichkeit nicht in Schuhen sondern auf dem Boden der Ewigen Jagdgründe stehen.

Und wenn du bereit bist, ihm wirklich in die Augen zu schauen, seinen unbegreiflichen Blick, den du nie verstehen wirst, auszuhalten mit deinen eigenen neugierigen von den Nachtträumen gewaschenen Augen...

Und wenn du zudem das Glück hast, einen guten Hund zu haben, einen, der noch stark verwurzelt ist in den Ewigen Jagdgründen, einen instinktsicheren, noch nicht qualverzüchteten und veroperierten...

...dann erinnert er dich an die Ewigen Jagdgründe als Grund von allem Leben, und wölfischböse wird er dir nicht gehorchen, so wie Ayscha in deinem Traum; er wird zu deinem eigenen Doppelgänger, deinem inneren Verbündeten, deinem Seelenzwilling; zum Daimon, der als Dämon und Symptom dein Leben durcheinanderbringt, um dich an den Weg zu erinnern; er wird zum Engel, mit dem du ringen musst, um den Segen des Lebens zu erhalten; er stört dich; er jagt, wenn er nicht sollte, und sogar, wenn er einer Rasse angehört, der das angeblich weggezüchtet worden ist; er haut ab und streunt; er reisst dir die Leine aus der Hand, damit sie brennt, und du dich um deine Hand und dein Handeln kümmerst; er pöbelt andere an, um dich daran zu erinnern, dass wir Gefühle haben; er arrangiert Konflikte mit andern Hundebesitzern und sogar mit Hundehassern, damit wir miteinander reden; er mischt den Bodensatz unserer Gefühle zum Chaos auf - Chaos wunderlicher Sohn, der er ist - um uns zu erinnern, dass wir fühlende Wesen sind und uns um unsere Gefühle kümmern und diese achtsam und liebevoll wie Welpen behandeln. Warum? Weil wir leben, weil wir auch unbegreifliches, fühlendes Leben sind, genauso wie er, aber im Unterschied zu ihm, darüber reden und schreiben können.

Zum Schluss möchte ich Dir noch ganz besonders danken für diese schöne Metapher des Mönchs, der in der Klausur die heilige Schrift abschreibt und die Buchstaben verziert. Ich bin mir sicher, dass du diese Metapher mit Ayscha in den Ewigen Jagdgründen erjagt hast.:-)

Denn genau so ist mein Bloggen hier in der Welpenklausur! Die Hunde halten meinen Blick gegen Innen, und ich bin in gutem Kontakt mit meiner Innenwelt. Zudem ist dieser Ort mit der Lichtung zwar kein Kloster, aber doch wie ein Zentrum der Stille und Abgeschiedenheit in der Natur.

Und etwa vor einem Monat habe ich den Satz hingeschrieben, dass meine Aufgabe in diesem Blog ist, die Geschichten, die das Leben schreibt, abzuschreiben.

Und jetzt weiss ich, dass ich die Grossbuchstaben mit den Fotos, den Geschichten und Gedichten und den Bildern verziere.

Herzlich

Martin

* Was ich aber als unethisch ablehne, ist die Haltung des Wolfes in der Gefangenschaft und die im Moment der Hirnmodellmode so beliebte kognitive Verhaltenstherapie mit all diesen Experimenten. Aus dem simplen Grund, weil der Lebensraum das Verhalten diktiert, und das ganz besonders beim Wolf. Der Wolf ist nur Wolf mit seinem Jagdgrund. Sobald dieser verändert wird: Gehegehaltung, keine Möglichkeit zu Jagen oder gar das brutale Wegnehmen der Jungen aus dem Bau, um sie auf den Menschen zu prägen, wird das Wesen des Wolfes stark verfälscht.
Die Erkenntnisse, die diese Tierexperimente bringen, lohnen den Aufwand und den Schmerz der Tiere nicht. Für mich ist das auch keine Wissenschaft mit Tiefe, sondern eine oberflächliche Flachlandwissenschaft; sie bringt der Seele so wenig wie Junkfood dem Körper.

Bild: Ruhen bei der Sphinx Gouache auf Papier, 1992