Exploring

We shall not cease from exploration
And the end of all our exploring
Will be to arrive where we started
And know the place for the first time.

*

Wir werden nicht aufhören zu ergründen
Und das Ende all unserer Erkundungen
Wird sein, dass wir dort ankommen, wo wir angefangen haben
Und den Ort zum ersten Mal erkennen.

T. S. Eliot, poet, playwright, aka “Old Possum”

No hay camino

Caminante, no hay camino.

Se hace camino al andar.

*

Wanderer, es gibt keinen Weg.

Der Weg entsteht im Gehen.

 

Antonio Machado Extracto de Proverbios y cantares (XXIX)

Foto: St.G.

Einige Bemerkungen des Malers zu seiner ersten Ausstellung

Was mich bei allen Bildern zutiefst interessiert: Das Spiel der Gegensätze innerhalb ihrer Ganzheit. Der Malakt selbst ist vollständig durchtränkt von der Sehnsucht, die Gegensätze in ein Ganzes zu bringen. Ja, im Grunde ist jedes Beenden des Bildes ein Erlebnis dieser Ganzheit.

Lassen Sie sich bitte von der manchmal aufdringlichen Körperlichkeit meiner Bilder nicht in die Irre führen: Wenn Zeus im Körper eines Schwanes Leda verführt, so hat das auch aus heutiger Sicht nichts mit Pornografie zu tun. Diese vordergründige, reale Körperlichkeit in meinen Bildern ist nicht die Wand, die das Ende des Schauens bedeutet, sondern die erste Stufe einer Treppe, die zum Schritt einlädt in die geistig-symbolische Ebene. Bilderanschauen kommt nicht ganz ohne Anstrengung aus, auch wenn es nur darum geht, den Fuss zu heben.

Ich fühle tiefe Verwandschaft mit allen Primitiven der Kunst, mit den grossen der Art Brut, vorab Aloise und Uölfli, die für ihr Schaffen am meisten zahlten; mit den wenigen, vom Kunsthandel unverdorbenen Naiven, v.a. ihrem Vater Rousseau, dem Zöllner an der Grenze zum Paradies; mit den Kinderzeichnungen, den namenlosen Ex Votos und den in ihrer Schönheit unerreichbaren Bildern der Romanik und Gotik.

Eine chassidische Legende sagt, dass der Messias schon lange wartet vor den Toren Roms - als Bettler.

Ich habe Verständnis, dass man in der Nähe einiger meiner wichtigsten Bilder Mühe haben kann, den Schlaf zu finden. Amüsanterweise träumen gerade die Menschen mit den hübschesten Bildern in der Wohnung die schrecklichsten Dinge.

Die Zeiten haben sich geändert. Wir haben den Drachen besiegt, geschluckt, verdaut und kämpfen nun zu unserer grossen Verwunderung mit unserem Kot. Ich halte dies trotzdem für einen beachtlichen geistesgeschichtlichen Fortschritt: Der einst fernab in irgendeinem verwunschenen Märchenwald hausende Drache hat unverkennbar eigenen Geruch angenommen. Allerdings habe ich beim Malen mit Entsetzen erfahren müssen, dass die gesammelten Kräfte aller Don Quichottes, Heiligen Michaels und Heiligen Georgs nicht genügen, um diesen Kampf zu beenden. So ist dieses Bild nur aus Unvermögen beendet worden und insofern Täuschung.

Schade, dass die wenigsten Leute beim Bilderschauen kauen. Die Bilder würden ganz bestimmt bekömmlicher. Nichts beherrschen wir heute besser, als Bilder zu schlucken. Es hat sich in unseren Seelen gar ein neuartiges Organ gebildet: eine Art Seitenumfahrung des Magens, die es erlaubt, Bilder so unberührt hinausplumpsen zu lassen, wie sie hinein gelangt sind. Deshalb ist es ganz gut, dass manchmal Bilder gemalt werden, die in den falschen Hals geraten. Manchmal ist gerade der falsche Hals der richtige.

Malen ist ein empfindlicher Balanceakt zwischen Stürzen und Aufrechtstehen, also nicht vergleichbar einem Seiltänzer im Gleichgewicht auf dem Seil, sondern vergleichbar einer Unwirklichkeit, worin man ständig vom Seil stürzt und dennoch aufrecht geht.

Über Wunden geschieht der Zugang in die Tiefe. Sie sind die Tore der Seele. So verwundbar bleiben wie Adam und Eva im Augenblick ihrer Vertreibung!

Ich stehe zu einer Malerei des Nicht-Könnens. Gerade in den Fehlleistungen des
Ich-Bewusstseins dringt die Vision aus der Tiefe.

In gewisser, geistiger Hinsicht halte ich den Menschen für nicht viel reifer als ein Spermium, von einem im Patriarchat vereinsamten Gott hinausgeschleudert, voll Sehnsucht, mit der Eizelle wieder zu einem Ganzen zu verschmelzen und neu zu erwachen.

Obschon ich meinen Ospedaletti-Bildern eine gewisse erholende Funktion beim Malen und in der Ausstellung hier zubillige, halten Sie sie bitte trotzdem nicht für Liegestühle: Es sind intime Darstellungen des manchmal zärtlichen, manchmal grausamen Liebesspiels von Land und Meer.
Form und Inhalt in einem Bilde sind Eins wie Seele und Körper im Leben. Anstatt
zu überlegen, was mit der Seele ist ohne den Körper, male ich lieber.

Je tiefer die emotionale Beziehung (Faszination) zum Bildinhalt und je intensiver das Erleben dieser Beziehung beim Malen, desto grösser ist die im Bild eingefangene Kraft.

Malen wie ein Blinder, auf eine höhere Art abwesend. Das Wesentliche beim Malen
geschieht in den blinden Augenblicken.

Ospedaletti Ligure liegt in Italien an der Riviera zwischen San Remo und der französischen Grenze. Aber meine Ospedaletti-Bilder haben mehr Ähnlichkeit mit gewissen Ecken, Winkeln und Aussichtspunkten in meiner Seele als mit diesem Städtchen am Mittelmeer.

Malen ist ein fortwährend unermüdlicher Versuch, die Balance mit der Natur im umfassendsten Sinne zu halten. So gesehen sind schlechte Bilder Umweltverschmutzung.

For The Planet

There is a feeling in the world, the pulse of eternal knowledge.

When you sense the oneness, you are with us.

We brought life to Earth.

You can`t see us, but we flourish all around you ...

Everywhere, in everything, and even inside you ...

in darkness, and in the light.

We are the oldest, and youngest.

We are the largest, and smallest.

We are the wisdom of a billion years.

We are creation.

We are resurrection.

We are condemnation and regeneration.

*

Es gibt ein Fühlen in der Welt, den Puls des ewigen Wissens.

Wenn du das Einssein spürst, bist du bei uns.

Wir brachten das Leben auf die Erde.

Du kannst uns nicht sehen, aber wir blühen um dich herum....

Überall, in allem, und sogar in dir....

in der Dunkelheit und im Licht.

Wir sind die Ältesten und Jüngsten.

Wir sind die Größten und Kleinsten.

Wir sind die Weisheit von Milliarden Jahren.

Wir sind die Schöpfung.

Wir sind die Auferstehung.

Wir verurteilen und erneuern.

 

Foto und Gedicht aus Fantastic Fungi

Fantastic Fungi

Foto aus Fantastic Fungi

I believe that mushrooms are like our older planetary brothers and sisters. As a species we are very young, barely in puberty, and behaving accordingly. But when we approach these elders respectfully, they will talk to us, invite us into their world, and give us instructions. And mostly, what they seem to be saying is to take care of our environment and this planet.

*

Ich glaube, dass Pilze wie unsere älteren planetarischen Brüder und Schwestern sind. Als Spezies sind wir sehr jung, kaum in der Pubertät und verhalten uns entsprechend. Aber wenn wir uns diesen Ältesten respektvoll nähern, werden sie mit uns reden, uns in ihre Welt einladen und uns Anweisungen geben. Und was sie hauptsächlich zu sagen scheinen, ist, dass wir uns mehr um unsere Umwelt und diesen Planeten kümmern.

Vanja Palmers in Fantastic Fungi

Das weglose Land

Es gibt keine Landkarte, die dir den Weg zeigt von der Landkarte zum Land. Du kannst Landkarten studieren, mit Landkarten Wege suchen, neue, immer exaktere Landkarten zeichnen - ein unterhaltsames und faszinierendes Spiel, das dich aber kein Jota näher bringt zum Land. Denn du bist bereits das Land, auf dem du gehst, und wirst es immer sein - und deshalb findest du in Wahrheit auch nirgendwo einen Weg.

Dankbarkeit

Wieso dankbar sein?
Wenn Dankbarkeit auftaucht
dann ist Dankbarkeit da

Doch niemand
der dankbar ist

Wie gut
der Dankbarkeit
nicht auch noch
danken zu müssen

Ohne Liebe gibt es keine Trauer.

Meinem Freund Gordon Wheeler zufolge, einem Psychologen, erinnert uns die Trauer an die Tiefe unserer Liebe. Ohne Liebe gibt es keine Trauer. Wenn wir unsere Trauer spüren, so unangenehm und schmerzhaft wie sie auch sein mag, ist es tatsächlich eine Erinnerung an die Schönheit der Liebe, die wir verloren haben.

Douglas Abrams, Dalai Lama, Desmond Tutu Das Buch der Freude

To Fall In Love

I started to fall in love with life again on this strange planet called Earth. All of life, the joy and the sorrow too, the boredom and the confusion, the disappointment and the doubt and the longing and the loneliness. All was sacred now. All was beloved and fascinating to me, like it had been when I was very young. I no longer wanted to be free from my feelings, I wanted to feel them all, experience them all, taste them all. I was no longer afraid of my thoughts, I wanted to think up entire universes, create entire galaxies of imagination. I was an artist again, as I had been when I was very young, in love with all of creation, seeing life through new eyes, eyes full of innocence and wonder. I was a vast ocean of Consciousness, learning to love all of the waves of thought, feeling, sensation…

I wanted to be broken and whole at the same time. I wanted the positive and the negative of existence too. I wanted the bliss but also the heartache. I wanted the expansion but I also wanted the contraction. I wanted the “up” but I also wanted the “down” of life. I wanted desire and lack of desire. I wanted feeling and I wanted to feel the absence of feeling too. I was hungry for all polarities of being. The yin and the yang. The comedy and the tragedy. The agony and the ecstasy. The storm and the sunshine. The flaws and the imperfections and the unbearable perfection of it all; I wanted all of myself, the mess and the miracle, the dirt and the stars. I wanted wholeness. Yes, not happiness but wholeness, a gift far greater than the mind’s limited notion of happiness.

*

Ich begann mich wieder in das Leben auf diesem seltsamen Planeten namens Erde zu verlieben. Das volle Leben, die Freude und auch die Trauer, die Langeweile und die Verwirrung, die Enttäuschung und der Zweifel und die Sehnsucht und die Einsamkeit. Alles war jetzt heilig. Alles wurde geliebt und faszinierend für mich, so wie es war, als ich noch sehr jung war. Ich wollte nicht mehr frei von meinen Gefühlen sein, ich wollte sie alle spüren, sie alle erleben, sie alle schmecken. Ich hatte keine Angst mehr vor meinen Gedanken, ich wollte ganze Universen erfinden, ganze Galaxien der Phantasie erschaffen. Ich war wieder ein Künstler, wie ich es war, als ich noch sehr jung war, verliebt in die ganze Schöpfung, sah ich das Leben mit neuen Augen, Augen voller Unschuld und Wunder. Ich war ein riesiger Ozean des Bewusstseins, der lernte, all die Wellen des Denkens, Fühlens und Empfindens zu lieben.....

Ich wollte gebrochen und gleichzeitig ganz sein. Ich wollte auch das Positive und das Negative der Existenz. Ich wollte die Glückseligkeit, aber auch den Herzschmerz. Ich wollte die Erweiterung, aber ich wollte auch die Kontraktion. Ich wollte das "auf", aber ich wollte auch das "down" des Lebens. Ich wollte Begehren und Mangel an Begehren. Ich wollte Gefühl und ich wollte auch die Abwesenheit von Gefühl spüren. Ich war hungrig nach allen Polaritäten des Seins. Das Yin und das Yang. Die Komödie und die Tragödie. Die Qualen und die Ekstase. Der Sturm und der Sonnenschein. Die Fehler und die Unvollkommenheiten und die unerträgliche Vollkommenheit von allem; ich wollte alles von mir, das Chaos und das Wunder, den Dreck und die Sterne. Ich wollte Ganzheit. Ja, nicht Glück, sondern Ganzheit, ein Geschenk, das unendlich größer ist als der begrenzte Begriff des Glücks im Kopf.

Jeff Foster The Joy of True Meditation

Vor der Flutwelle

Vor der Flutwelle, Gouache auf Papier, 2019

I have found a great compassion for humanity by meeting my own pain. I have found a great compassion for others by first finding compassion for myself.

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Ich habe ein großes Mitgefühl für die Menschheit gefunden, indem ich meinem eigenen Schmerz begegnet bin. Ich habe ein großes Mitgefühl für andere gefunden, indem ich zuerst Mitgefühl für mich selbst gefunden habe.

Jeff Foster The Joy of True Meditation

Der verrückte König

Beziehungen sind normalerweise kein Meditationsobjekt. Daher gibt es Meditationsformen, die durch besondere Versprechen erweitert werden; zum Beispiel verspricht der Meditierende in dem berühmten Boddhisattva-Gelübde, daß er auch nach der Erleuchtung auf der Erde bleiben wird, zum Wohle aller Menschen.
Es gibt eine schöne Geschichte, die ein solches Versprechen anschaulich darstellt. Ein indischer König träumte einst, daß sein Volk durch einen giftigen Regen verrückt werden würde. Er warnte das Volk vor der Katastrophe, aber es war umsonst. Als der Regen kam, trank jeder davon und wurde verrückt, wie es der Traum vorhergesagt hatte. Was tat nun der König? Auch er trank von dem Wasser, damit er bei seinem Volk bleiben konnte, und auch er wurde verrückt.
Diese Geschichte von dem mutigen König ist ein Bild für diejenigen, die diese Welt verlassen wollen, die der Wahnsinn dieser Welt depressiv und müde gemacht hat und die den Sinn des Lebens nicht mehr sehen können. Die Geschichte enthält aber noch eine subtilere Botschaft. Der König war nicht nur mutig, er war auch einseitig. Als König mag er erleuchtet gewesen sein, aber als gewöhnlicher Mensch war er es nicht. Deshalb mußte er in das alltägliche, gewöhnliche Leben zurückgehen, um auch hier Erleuchtung zu erlangen. Er mußte die Erleuchtung aufgeben, um ganz bewußt erfahren zu können, wie verrückt er werden würde, wenn er Alltagsproblemen begegnete, wie Geldverdienen, Sorgen um die Kinder, Einkaufen in überfüllten Geschäften und Ertragen von Freude und Spannungen in seinen Beziehungen.
Der Entschluß des Königs, das Gift zu trinken, ist der Entschluß, in Samsara, den Strudel dieser Welt einzutreten. Es ist erschreckend, aber auch wichtig zu erkennen, daß die Erleuchtung den König nicht von seiner Verrücktheit in der Welt befreit. Wahre Erleuchtung heißt, diese Welt zu betreten und genauso verrückt zu werden wie wir alle! Viele spirituelle Führer können uns bei unseren weltlichen Problemen nicht helfen, weil sie ihre eigene weltliche Verrücktheit nicht aus-reichend durchlebt haben. Alle Achtung also vor dem indischen König!
Entweder bleibst du also freiwillig hier, um den anderen zu helfen, oder du wirst unfreiwillig dazu gezwungen werden. Die Welt macht dich vielleicht depressiv, und du würdest am liebsten deinen Körper und diesen Planeten verlassen. Du willst auch nicht die Verrücktheit dieser Erde in dich aufnehmen. Aber die meisten von uns haben keine Wahl: wir müssen dies alles durchmachen. Wir müssen alle diese Luft einatmen und den sauren Regen trinken, und wir müssen alle in der Spannung zwischen Krieg und Frieden leben.
Don Juan Matus, Carlo Castanedas Lehrer, würde sagen, daß die Welt für den an seiner Selbstwerdung arbeitenden spirituellen Krieger vollkommen in Ordnung ist, so wie sie ist. Eine wirklichkeitsnahe Erleuchtung unserer Zeit ist eine politische Aktivität, sie hat eine Beziehung zur unmittelbaren und zur ferneren Umgebung.

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Relationship is not normally an object of meditation. Thus, many meditation procedures are supplemented with special oaths such as the famous Bodhisattva vow which ensures that after achieving enlightenment the meditator remains on the human plane for the benefit of other people. According to Buddhist tradition, the initiate pledges that he will not go into samadhi but will stay here for others and help them until they too can leave with him in the direction of freedom.
There is a beautiful story exemplifying this pledge. A wise and enlightened Indian king once dreamed that his people would be poisoned and driven mad by evil rains. He warned his people about the coming catastrophe, but to no avail. When the rains came, everyone drank and went crazy, as predicted in his dream. So what did he do? He drank the water as well in order to be with them, and he went crazy too.
This story about the courageous king is a metaphor for those who want to leave this world, who have become depressed and tired of its madness and cannot see the purpose of living any longer. There is, however, a subtler message to the story. This king was not simply courageous; he was also one-sided. He may have been enlightened as long as he was a king, but not as an ordinary man. He therefore had to go back to ordinary, everyday life to become enlightened there as well.
For the king to leave enlightenment he needed consciously to experience how crazy he became when he encountered everyday problems such as earning money, caring for the kids, shopping in a crowded store, and staying in the joy and tension of relationships.
The king's decision to drink the poison is the decision to enter samsara, the whirlpool of this world. It is frightening and important to realize that the king's enlightenment does not free him from worldly insanity. Real enlightenment means entering this world and becoming as crazy as the rest of us! Many spiritual leaders cannot help us with worldly problems because they have not sufficiently experienced their own worldly madness. Hurrah for the Indian king!
Either you voluntarily take the vow of the Bodhisattva and remain here to help others, or else you will be forced despite yourself to become a Bodhisattva. The world may depress you, you may want to leave your body and this planet, you may not want to drink the insanity of this earth, but most of us have no choice; we have to do these things. We all have to breathe the air and drink the acid rain. We all have to live in the tension of war.
Don Juan would say that the world is just perfect for the spiritual warrior interested in becoming himself. A realistic enlightenment today is a political activity; it entails a relationship with both the immediate and the distant environment.

Arnold Mindell Working on Yourself Alone/Traumkörper und Meditation

“Träume sind Prozesse, die sich zu verwirklichen versuchen.” A. Mindell

Das Paradigma, dem ich folge, wenn ich mit Träumen oder Körperproblemen arbeite, ist, daß ich nicht weiß, was «Traum» oder «Körper» bedeutet. Wenn mir also jemand einen Traum erzählt, denke ich mir, daß das Wort «Traum» ein allgemeiner Begriff ist, der nicht mehr bedeutet als ledig­lich die Erfahrung eines Menschen, der schläft. So höre, sehe und fühle ich nach, um herauszufinden, was dieser individu­elle Mensch vor mir mit diesem Wort «Traum» meint.

Ich beschränke meine Theorien auf ein Mindestmaß. So den­ke ich nicht, daß der Traum eine Kompensation ist, obwohl das meistens zutrifft; noch, daß er ein Prozeß ist, der sich ereignen will, obwohl es meistens stimmt; auch nicht, daß er das Sexuelle verdrängt, obwohl viele Träume das tun; noch daß er etwas ist, das im Hier und Jetzt geschehen will, ob­wohl viele Träume das sind; noch daß er die königliche Straße zum Unbewußten ist, weil auch der Körper königlich ist; noch daß man dazu assoziieren sollte, obwohl es für viele Menschen gut wäre; noch daß er spielerisch dargestellt wer­den sollte, obwohl viele Menschen das ganz spontan tun; noch daß er eine Botschaft von einer anderen Welt enthält, obwohl sich bei vielen Träumen zeigt, daß es tatsächlich so ist.

Ich befasse mich nicht mit den Träumen. Ich befasse mich mit den träumenden Prozessen. So bleibe ich dabei, keine Traum­theorie zu haben. Die Methode, die sich als die aufregendste, nützlichste und praktischste in der alltäglichen Arbeit ge­zeigt hat, ist, dem Unbekannten nachzugehen. Das positivste Feedback meiner Klienten erhalte ich, wenn ich die Worte «Traum», «Körper», «Schmerz», «Problem» oder irgend ei­nen anderen Begriff, den ich nicht ganz verstehe, vergesse und den genauen Prozeß suche, der sich hier vor mir ereignet. Auf diese Weise arbeite ich mit einem Prozeßparadigma und nicht mit einem vorgegebenen Traumkonzept, weil solch ein Konzept normalerweise vom Körper, vom lebendigen, mo­mentanen Unbewußten, wegführt.

Arnold Mindell Traumkörper und Meditation

Disziplin, Liebe und Erleuchtung

Die großen Weltreligionen Buddhismus und Christentum sagen, daß Bewußtwerden mit Schmerzen beginnt. Das Christentum sagt, daß wir leiden, weil wir unseren Trieben folgen. Der Buddhismus sagt, das Leben sei Leiden und Schmerz. Obwohl heute viele Menschen ohne bestimmten Grund eine Psychotherapie beginnen, gibt es keinen Weg, der Tatsache des Schmerzes auszuweichen. Wachstum und Einsicht beginnen meistens mit Unzufriedenheit, Unglücklichsein und Schmerz. Man könnte denken, daß Schmerz allein ein ausreichender Grund zur Veränderung sei.
Früher setzte ich einfach voraus, daß die Menschen sich schon ändern würden, wenn es erforderlich sei. Aber nach vielen Jahren therapeutischer Arbeit machte ich eine beunruhigende Entdeckung, die mein Vertrauen in die Menschen erschütterte. Ich entdeckte, daß Schmerz nicht ausreicht, um die Menschen zur Wandlung zu bewegen; allein sein Vorhandensein oder seine Abwesenheit ist nicht genug, um die Menschen zu ändern. Da ist etwas anderes, ein seltsames, nicht vorhersagbares Element, das erforderlich ist, bevor die Menschen ihre Probleme bearbeiten und ihr Leben ändern können. Dieses Element ist eine Mischung aus Disziplin, Liebe und Erleuchtung.

A. Mindell Traumkörper und Meditation