Der Wandheilige

Der Wandheilige an der Friedhofwand in Ospedaletti Ligure

The human species has been growing and maturing since we awoke on the grassy savanna some 150,000 years ago. The evolutionary leap that ultimately separated us from our predecessors wasn’t a physical change, it was an internal one. It was the emergence of self-reflective consciousness—in other words, we became aware that we were aware. This made us into a unique species. Prior to this radical change, humans walked around the waking world much like we walk around in our dreams today—void of self-reflection in a sort of automatic, reactive state. Before this change, we were aware of our external environment, sure, but we didn’t have the ability to reflect upon life. After the change, we emerged as Homo sapiens sapiens, Latin for “man wise wise,” or, as author Michael Mahoney muses, “he who knows he knows.” We were human beings, equipped with an enlarged perspective and an internal world.

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Die menschliche Spezies wächst und reift, seit wir vor etwa 150.000 Jahren in der Grassavanne erwacht sind. Der Evolutionssprung, der uns schließlich von unseren Vorgängern trennte, war keine physische, sondern eine innere Veränderung. Es war die Entstehung eines selbstreflektierenden Bewusstseins - mit anderen Worten, wir wurden uns bewusst, dass wir bewusst sind. Das machte uns zu einer einzigartigen Spezies. Vor dieser radikalen Veränderung liefen die Menschen im Wachzustand ähnlich wie wir heute in unseren Träumen umher - ohne Selbstreflexion in einer Art automatischem, reaktivem Zustand. Vor dieser Veränderung waren wir uns unserer äußeren Umgebung bewusst, sicher, aber wir hatten nicht die Fähigkeit, über das Leben zu reflektieren. Nach der Veränderung tauchten wir als Homo sapiens sapiens auf, lateinisch für "der weise Mensch", oder, wie der Autor Michael Mahoney meint, "der, der weiß, dass er weiß". Wir wurden Menschen, ausgestattet mit einer erweiterten Perspektive und einer inneren Welt.

Dylan Tuccillo, Jared Zeizel, Thomas Preisel A Field Guide to Lucid Dreaming

Dormiens vigila.

 

Dormiens vigila.

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Während du schläfst, schau.

 

Diese lateinische Inschrift aus der europäischen Alchemie steht in einem Kreis im berühmten Stich mit dem Titel Die erste Stufe des großen Werkes, den der Arzt Hienrich Khunrath 1604 in seinem Buch Amphitheater der ewigen Weisheit zeichnete.

Aus: David Jay Brown Dreaming Wide Awake

For The Artist

Sometimes you sit down to write, and no words come. But don’t you see, my love, that too is creativity! The absence of words! Or the absence of song, the absence of dance, that exquisitely fertile void out of which the manifest world emerges; this is not a “block” you are experiencing, you are not “failing” to create now, these are silly adult concepts! Be a child again, be in this space of pure creativity, pure fascination where words come or do not come - THAT is the joy! Create silence, then! Create space! Create words AND the absence of them! Create moments of not knowing, in-between moments where you are not “producing” but simply resting, glowing in the knowledge that you are one with the earth, the stars and moon and the great and unknowable expanses of ocean. And you will never be “blocked” again, for even your block is pure creativity, even your struggle is an expression of infinite wealth, even your “nothing” is so damn alive!

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Manchmal setzt du dich hin, um zu schreiben, und es kommen keine Worte. Aber seht ihr nicht, meine Lieben, auch das ist Kreativität! Das Fehlen von Worten! Oder die Abwesenheit von Gesang, die Abwesenheit von Tanz, jene aussergewöhnlich fruchtbare Leere, aus der die manifeste Welt hervorgeht; dies ist keine "Blockierung", die du erlebst, es ist nicht so, dass du jetzt versagst, zu erschaffen, das sind alberne Konzepte für Erwachsene! Sei wieder ein Kind, sei in diesem Raum der reinen Kreativität, der reinen Faszination, wo Worte kommen oder nicht kommen - das ist die Freude! Dann schaff Ruhe! Schaffe Raum! Schaffe Worte UND die Abwesenheit von ihnen! Schaffe Momente des Nichtwissens, zwischen Momenten, in denen du nicht "produzierst", sondern einfach nur ruhst, in dem Wissen, dass du eins bist mit der Erde, den Sternen und dem Mond und den großen und unbekannten Weiten des Ozeans. Und du wirst nie wieder "blockiert" werden, denn selbst deine Blockierung ist reine Kreativität, selbst dein Kampf ist Ausdruck unendlichen Reichtums, selbst dein "Nichts" ist so verdammt lebendig!

Jeff Foster

Die Intimität mit dem Leben selbst

"After many years of speaking with thousands of seekers,” Jeff says, “I have realised that underneath nearly all of our suffering, spiritual seeking and exhausting self-improvement quest, there is a primordial sense that we are not good enough, that there is something missing at our core. Paradoxically, when we stop trying to feel worthy, and end the fight to fix or transcend ourselves, we can begin to discover we were never broken, and there was never anything to fix. When we stop seeking a different moment and instead dive courageously into this one, we can actually heal the addiction of a lifetime, and find the one thing we were always longing for: intimacy with Life itself."

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"Nach vielen Jahren des Sprechens mit Tausenden von Suchenden", sagt Jeff, "habe ich erkannt, dass unter fast all unserem Leiden, unserem spirituellen Suchen und unserem anstrengenden Streben nach Selbstverbesserung ein ursprüngliches Gefühl liegt, dass wir nicht gut genug seien, dass etwas in unserem Kern fehle. Paradoxerweise, wenn wir aufhören zu versuchen, uns wertvoll zu fühlen, und den Kampf beenden, uns selbst zu reparieren oder zu transzendieren, können wir anfangen zu entdecken, dass wir nie gebrochen wurden und es nie etwas zu reparieren gab. Wenn wir aufhören, einen anderen Moment zu suchen und stattdessen mutig in diesen eintauchen, können wir tatsächlich die Sucht eines Lebens heilen und das finden, wonach wir uns immer gesehnt haben: die Intimität mit dem Leben selbst".

Jeff Foster

Man sagt sich mehr als einmal Lebewohl

Wenn wir einen nahestehenden Menschen, eine geliebte Person, verlieren, lebt etwas von dem, was sie uns gegeben haben, in uns weiter und inspiriert uns. Unsere Toten leben in unseren Herzen weiter. Das ist die tröstlichste Form der »Unsterblichkeit«, sie gefällt mir am besten.
Den folgenden Satz aus dem Brief eines Mannes, den er seiner Frau geschrieben hat, als er in den amerikanischen Bürgerkrieg zog, liebe ich sehr. Seine Chancen, aus dem Krieg zurückzukehren, standen schlecht. »Wenn ich nicht körperlich zurückkomme«, schrieb er, »vergiss nicht, dass jedes Mal, wenn du den Wind auf deinen Wangen spürst, ich es bin, der dir einen Kuss gibt.« Dieses Gefühl würde ich gern mit meiner Frau und meinen Kindern teilen: dass sie, wenn sie die Liebkosung des Windes im Gesicht spüren, sagen: »Schau, Papa hat mir einen Kuss gegeben.«

David Servan-Schreiber Man sagt sich mehr als einmal Lebewohl

Exploring

We shall not cease from exploration
And the end of all our exploring
Will be to arrive where we started
And know the place for the first time.

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Wir werden nicht aufhören zu ergründen
Und das Ende all unserer Erkundungen
Wird sein, dass wir dort ankommen, wo wir angefangen haben
Und den Ort zum ersten Mal erkennen.

T. S. Eliot, poet, playwright, aka “Old Possum”

No hay camino

Caminante, no hay camino.

Se hace camino al andar.

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Wanderer, es gibt keinen Weg.

Der Weg entsteht im Gehen.

 

Antonio Machado Extracto de Proverbios y cantares (XXIX)

Foto: St.G.

Einige Bemerkungen des Malers zu seiner ersten Ausstellung

Was mich bei allen Bildern zutiefst interessiert: Das Spiel der Gegensätze innerhalb ihrer Ganzheit. Der Malakt selbst ist vollständig durchtränkt von der Sehnsucht, die Gegensätze in ein Ganzes zu bringen. Ja, im Grunde ist jedes Beenden des Bildes ein Erlebnis dieser Ganzheit.

Lassen Sie sich bitte von der manchmal aufdringlichen Körperlichkeit meiner Bilder nicht in die Irre führen: Wenn Zeus im Körper eines Schwanes Leda verführt, so hat das auch aus heutiger Sicht nichts mit Pornografie zu tun. Diese vordergründige, reale Körperlichkeit in meinen Bildern ist nicht die Wand, die das Ende des Schauens bedeutet, sondern die erste Stufe einer Treppe, die zum Schritt einlädt in die geistig-symbolische Ebene. Bilderanschauen kommt nicht ganz ohne Anstrengung aus, auch wenn es nur darum geht, den Fuss zu heben.

Ich fühle tiefe Verwandschaft mit allen Primitiven der Kunst, mit den grossen der Art Brut, vorab Aloise und Uölfli, die für ihr Schaffen am meisten zahlten; mit den wenigen, vom Kunsthandel unverdorbenen Naiven, v.a. ihrem Vater Rousseau, dem Zöllner an der Grenze zum Paradies; mit den Kinderzeichnungen, den namenlosen Ex Votos und den in ihrer Schönheit unerreichbaren Bildern der Romanik und Gotik.

Eine chassidische Legende sagt, dass der Messias schon lange wartet vor den Toren Roms - als Bettler.

Ich habe Verständnis, dass man in der Nähe einiger meiner wichtigsten Bilder Mühe haben kann, den Schlaf zu finden. Amüsanterweise träumen gerade die Menschen mit den hübschesten Bildern in der Wohnung die schrecklichsten Dinge.

Die Zeiten haben sich geändert. Wir haben den Drachen besiegt, geschluckt, verdaut und kämpfen nun zu unserer grossen Verwunderung mit unserem Kot. Ich halte dies trotzdem für einen beachtlichen geistesgeschichtlichen Fortschritt: Der einst fernab in irgendeinem verwunschenen Märchenwald hausende Drache hat unverkennbar eigenen Geruch angenommen. Allerdings habe ich beim Malen mit Entsetzen erfahren müssen, dass die gesammelten Kräfte aller Don Quichottes, Heiligen Michaels und Heiligen Georgs nicht genügen, um diesen Kampf zu beenden. So ist dieses Bild nur aus Unvermögen beendet worden und insofern Täuschung.

Schade, dass die wenigsten Leute beim Bilderschauen kauen. Die Bilder würden ganz bestimmt bekömmlicher. Nichts beherrschen wir heute besser, als Bilder zu schlucken. Es hat sich in unseren Seelen gar ein neuartiges Organ gebildet: eine Art Seitenumfahrung des Magens, die es erlaubt, Bilder so unberührt hinausplumpsen zu lassen, wie sie hinein gelangt sind. Deshalb ist es ganz gut, dass manchmal Bilder gemalt werden, die in den falschen Hals geraten. Manchmal ist gerade der falsche Hals der richtige.

Malen ist ein empfindlicher Balanceakt zwischen Stürzen und Aufrechtstehen, also nicht vergleichbar einem Seiltänzer im Gleichgewicht auf dem Seil, sondern vergleichbar einer Unwirklichkeit, worin man ständig vom Seil stürzt und dennoch aufrecht geht.

Über Wunden geschieht der Zugang in die Tiefe. Sie sind die Tore der Seele. So verwundbar bleiben wie Adam und Eva im Augenblick ihrer Vertreibung!

Ich stehe zu einer Malerei des Nicht-Könnens. Gerade in den Fehlleistungen des
Ich-Bewusstseins dringt die Vision aus der Tiefe.

In gewisser, geistiger Hinsicht halte ich den Menschen für nicht viel reifer als ein Spermium, von einem im Patriarchat vereinsamten Gott hinausgeschleudert, voll Sehnsucht, mit der Eizelle wieder zu einem Ganzen zu verschmelzen und neu zu erwachen.

Obschon ich meinen Ospedaletti-Bildern eine gewisse erholende Funktion beim Malen und in der Ausstellung hier zubillige, halten Sie sie bitte trotzdem nicht für Liegestühle: Es sind intime Darstellungen des manchmal zärtlichen, manchmal grausamen Liebesspiels von Land und Meer.
Form und Inhalt in einem Bilde sind Eins wie Seele und Körper im Leben. Anstatt
zu überlegen, was mit der Seele ist ohne den Körper, male ich lieber.

Je tiefer die emotionale Beziehung (Faszination) zum Bildinhalt und je intensiver das Erleben dieser Beziehung beim Malen, desto grösser ist die im Bild eingefangene Kraft.

Malen wie ein Blinder, auf eine höhere Art abwesend. Das Wesentliche beim Malen
geschieht in den blinden Augenblicken.

Ospedaletti Ligure liegt in Italien an der Riviera zwischen San Remo und der französischen Grenze. Aber meine Ospedaletti-Bilder haben mehr Ähnlichkeit mit gewissen Ecken, Winkeln und Aussichtspunkten in meiner Seele als mit diesem Städtchen am Mittelmeer.

Malen ist ein fortwährend unermüdlicher Versuch, die Balance mit der Natur im umfassendsten Sinne zu halten. So gesehen sind schlechte Bilder Umweltverschmutzung.

For The Planet

There is a feeling in the world, the pulse of eternal knowledge.

When you sense the oneness, you are with us.

We brought life to Earth.

You can`t see us, but we flourish all around you ...

Everywhere, in everything, and even inside you ...

in darkness, and in the light.

We are the oldest, and youngest.

We are the largest, and smallest.

We are the wisdom of a billion years.

We are creation.

We are resurrection.

We are condemnation and regeneration.

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Es gibt ein Fühlen in der Welt, den Puls des ewigen Wissens.

Wenn du das Einssein spürst, bist du bei uns.

Wir brachten das Leben auf die Erde.

Du kannst uns nicht sehen, aber wir blühen um dich herum....

Überall, in allem, und sogar in dir....

in der Dunkelheit und im Licht.

Wir sind die Ältesten und Jüngsten.

Wir sind die Größten und Kleinsten.

Wir sind die Weisheit von Milliarden Jahren.

Wir sind die Schöpfung.

Wir sind die Auferstehung.

Wir verurteilen und erneuern.

 

Foto und Gedicht aus Fantastic Fungi

Fantastic Fungi

Foto aus Fantastic Fungi

I believe that mushrooms are like our older planetary brothers and sisters. As a species we are very young, barely in puberty, and behaving accordingly. But when we approach these elders respectfully, they will talk to us, invite us into their world, and give us instructions. And mostly, what they seem to be saying is to take care of our environment and this planet.

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Ich glaube, dass Pilze wie unsere älteren planetarischen Brüder und Schwestern sind. Als Spezies sind wir sehr jung, kaum in der Pubertät und verhalten uns entsprechend. Aber wenn wir uns diesen Ältesten respektvoll nähern, werden sie mit uns reden, uns in ihre Welt einladen und uns Anweisungen geben. Und was sie hauptsächlich zu sagen scheinen, ist, dass wir uns mehr um unsere Umwelt und diesen Planeten kümmern.

Vanja Palmers in Fantastic Fungi