Dem individuellen Prozess folgen

Alle sprechen davon, das Unbewusste zu leben, sie sprechen vom Selbst, von Gott, von innerer Weisheit, davon, einfach sich selbst zu folgen und von all diesen Dingen. Aber wenn es dann darauf ankommt, vertrauen wir uns und unseren Wahrnehmungen einfach nicht genügend und folgen dann nicht wirklich unseren eigenen Prozessen. Wir schätzen nicht, was wir sehen, hören, fühlen, wie wir uns bewegen, Beziehungen schaffen oder die Welt erfahren. Es ist kein Wunder, dass so viele Menschen dauernd mit dem Gefühl herumlaufen, ungeliebt zu sein und kritisch beurteilt zu werden! Sie hassen ihre eigenen Wahrnehmungen und können sich selbst deshalb nicht folgen. Sie können ihren eigenen individuellen Prozessen nicht folgen und programmieren sich statt dessen bis zum Geht-nicht-mehr. Einen individuellen Prozess zu haben und ihm auch zu folgen, ist deshalb die älteste, aber auch die neueste Idee. Vielleicht wird sie nie Mode werden, oder sagen wir, sie ist noch nicht en vogue! Und doch ist es gerade das, was die meisten von uns in ihrem innersten Herzen wünschen.

Arnold Mindell Riding the Horse Backwards

Mika und Ganesha

Wir alle haben Angst vor unseren Symptomen und möchten sie heilen. Wir suchen alle Arten von Heilern auf und vergessen dabei, dass unser schlimmstes Problem nicht die Krankheit ist, sondern die Tatsache, dass die Kultur uns hypnotisiert zu glauben, dass das, was wir erleben, schlecht sei und unterdrückt und geheilt werden müsse, anstatt es zu leben und zu lieben.

Arnold Mindell Riding the Horse Backwards

Du wirst mir fehlen, wenn ich aufwache.

Hutmacher: Weisst du, was ein Rabe mit einem Schreibtisch gemeinsam hat?
Alice: Lass mich überlegen.
Hutmacher: Du weisst, was morgen ist, nicht wahr?
Alice: Der Blumer Tag. Wie könnte ich das vergessen! Ich wünschte, ich würde aufwachen.
Hutmacher: Du glaubst noch, das sei ein Traum?
Alice: Natürlich. Das entspringt alles meiner Einbildung.
Hutmacher: Das würde bedeuten, auch ich bin nicht real?
Alice: Ich fürchte, so ist es. Du bist nur ein Geschöpf meiner Fantasie. Typisch, dass ich jemanden erträume, der halb verrückt ist.
Hutmacher: Ja. Ja. Aber du müsstest selbst halb verrückt sein, um mich zu erträumen.
Alice: Das muss ich wohl sein. Du wirst mir fehlen, wenn ich aufwache.

Alice im Wunderland

Jahr Eins

Die moderne Physik macht uns darauf aufmerksam, daß wir in einem post-Einsteinschen Universum leben, anders gesagt, in einem Raum «ohne Orte», in dem alles unmittelbar miteinander verbunden ist und wo sich die Gedanken und Gefühle aller vermischen - so daß eine Welt entsteht, in der es keine Versteckmöglichkeiten gibt: Wir können einander nicht ausweichen. Der Begriff «Ökologie» muß erweitert werden. Im Jahr Eins erkennen wir, daß nichts, nicht einmal Phantasien, Gefühle oder Gedanken, weggeworfen werden kann, weil es keinen Ort mehr gibt, wohin es verschwinden könnte.

Arnold Mindell Das Jahr Eins

Gold

Demnach ist das Gold (der Alchemisten) etwas anderes als die Superkräfte des Yogi, der durch die Luft fliegt, Feuer schluckt oder Wunden heilt. Es kommen selbstverständlich die verblüffendsten Kanalwechsel, Überschneidungen, Levitationen, Heilungen und Unsterblichkeitserfahrungen vor. Aber anders als der alchemistische Heizer, der sich umsonst mit irgendwelchen LSD-Trips von dieser Welt befreien will, verliert ein Mensch des unus mundus das Interesse an den ursprünglichen Träumen von Gold und Unsterblichkeit. Die Erfahrungen in der Arbeit mit Lebenden und Sterbenden machen deutlich, dass erhöhtes Prozessbewusstsein Zukunftserwartungen relativiert. Dieses Bewusstsein ist vielleicht das „Gold“. Und hier treffen sich auch Taoisten, Buddhisten, Yogis und moderne Physiker. Je mehr wir uns dem Ende nähern, umso deutlicher wird, dass es keines gibt, es sei denn, wir bleiben für neue Herausforderungen, wie den letzten Schritt, offen.

Arnold Mindell River's Way

Das verräterische Ich

In unseren Köpfen, Arren. In unseren Köpfen. Das verräterische Ich; das Ich, das schreit: Ich will leben; soll die Welt brennen, wenn ich nur leben kann! Die kleine Verräterseele in uns, die im Dunkeln frisst wie der Wurm im Apfel. Er spricht zu uns allen. Aber nur wenige verstehen ihn. Die Magier und Zauberer. Die Sänger, die Macher. Und die Helden, die danach streben, sie selbst zu sein. Zu sein, wer man ist, ist etwas Seltenes und Großes. Bis in alle Ewigkeit zu sein, wer man ist: Ist das nicht noch besser?

Ursula K. Le Guin Das fernste Ufer

Einatmen

Wenn man einatmet, weiss der Körper, wie man ausatmet, und wenn man ausatmet, weiss er wie man einatmet. Mit den Gefühlen ist es ganz ähnlich. Wenn man ein menschliches Problem absorbiert, alle Details einer verrückten Situation, die noch nie geschehen sind - also etwas, das wir alle haben und kennen - dann sucht man einen stimmigen Schritt: Das ist wie Ausatmen, nur dass es noch nie dagewesen ist.

Gene Gendlin Körperbezogenes Philosophieren

Die Wunde ist geheilt

»Estarriol«, sagte Ged, »schau, es ist vollbracht. Es ist vorbei.« Er lachte. »Die Wunde ist geheilt. Ich bin ganz, ich bin frei.« Dann beugte er sein Haupt und verbarg das Gesicht in den Armen und weinte wie ein Kind.

Bis zu dem Augenblick hatte Vetsch ihn mit Angst und Sorge beobachtet, weil er nicht sicher war, was dort auf dem dunklen Land geschehen war. Er hatte nicht gewusst, ob es Ged war, der mit ihm im Boot saß, und hatte stundenlang die Hand am Anker gelassen, um damit ein Loch ins Boot zu hacken und es im Meer zu versenken, weil er um keinen Preis das böse Wesen, von dem er fürchtete, es könnte Geds Aussehen angenommen haben, in die Häfen von Erdsee mitnehmen wollte. Als er jetzt seinen Freund sah und sprechen hörte, schwand sein Zweifel. Und er begann die Wahrheit zu erkennen:

Ged hatte weder verloren noch gewonnen, sondern sich, indem er seinen Todesschatten mit dem eigenen Namen angerufen hatte, ganz gemacht, zu einem Mann, der, da er sein ganzes wahres Wesen kennt, von keiner anderen Macht als der eigenen zu benutzen oder besitzen ist und der sich und sein Leben deshalb in den Dienst des Lebens stellt und niemals in den Dienst von Zerstörung, Leid, Hass oder Dunkelheit.

Ursula K. LeGuin

Achtung

ACHTE DICH SELBST
so sehr, dass du dich um deine Bedürfnisse
kümmerst,
anstatt sie der Laune und Willkür anderer
auszusetzen

und

ACHTE DEINE MITMENSCHEN
so sehr, dass du sie mit der Last
deiner emotionalen Bedürfnisse verschonst
und ihnen die Freiheit gewährst,
sie selbst zu sein.

 

Safi Nidiaye Die Stimme des Herzens

Nicht-Liebe ist Traum.

 

Wach bist du in dem Masse, in dem Liebe in dir lebendig ist.
Denn das Wesen der Realität ist Liebe. Nicht-Liebe ist Traum.
Bist du im Traum befangen, so hältst du die Welt für einen finsteren Ort und dein Leben für eine leidvolle Angelegenheit. Bist du erwacht, siehst du in allem die Liebe am Werk. Liebe, die danach trachtet, sich zu manifestieren; Liebe, die sich Gehör verschaffen möchte; Liebe, die die Menschen ruft; Liebe, die schafft und zerstört, die auflöst und neu zusammensetzt.

Safi Nidiaye Die Stimme des Herzens

Die Berührung des Herzens

 

Was bedeutet die Berührung des Herzens? Es bedeutet, daß der Mensch seinen Schmerz nicht länger vor sich selbst versteckt, sondern es wagt, ihn zu fühlen, zu würdigen und anzunehmen. Was bedeutet das Verstehen des Herzens? Es bedeutet, daß der Mensch sich selbst dafür versteht und liebt, daß er so gelitten hat. Was bedeutet das Umfangen des Herzens? Es bedeutet, daß der Mensch mit allen Fasern seines Seins und Bewußtseins jedes Partikelchen Schmerz berührt und versteht.

Dem Herzen ist es gleich, ob ein Schmerz dieser oder jener Person gehört; es nimmt sich jeden Schmerzes an, der ihm begegnet, und umfängt ihn.
Ein Schmerz, der vom Herzen abgelehnt wird, verwandelt sich in Leid; ein Schmerz, der vom Herzen angenommen wird, verwandelt sich in Freude.

Safi Nidiaye Die Stimme des Herzens

Mika im Ei

Aber es gibt keinen Weg zur Liebe, der nicht durchs Herz führt. Bevor der Mensch die Liebe finden kann, die er ersehnt, muß er sein eigenes Herz finden; und mit ihm seine verschüttete innere Wahrheit samt allen Leiden und Schmerzen, samt all dem Schrecklichen, das er in seinem Herzen vor dem Licht der Bewußtheit verborgen hält.

Safi Nidiaye Die Stimme des Herzens

Stille

Lumme ließ sein Messer ruhen und fragte: »Was ist mit dem Tod?«

»Damit ein Wort gesprochen werden kann«, antwortete Ged bedächtig, »muss es Stille geben. Zuvor und hernach.«

Ursula K. Le Guin Ein Magier von Erdsee

Der ganze Fluss

 

»An der Quelle der Ar habe ich dich getauft«, sagte der Magier, »einem Fluss, der vom Berg hinunter ins Meer fließt. Ein Mann möchte das Ziel kennen, zu dem sein Weg führt, doch er kann es nicht kennen, wenn er nicht umkehrt und an seinen Ursprung zurückgeht und diesen Ursprung in sein Wesen aufnimmt. Will er nicht ein Stock sein, der von der Strömung umhergeworfen wird, muss er zum Fluss selbst werden, dem ganzen Fluss, von der Quelle bis zu seinem Eingang im Meer. Du bist nach Gont zurückgekehrt, du bist zu mir zurückgekehrt, Ged. Kehre jetzt ganz um und suche den ersten Anfang und das, was vor dem Anfang liegt. Da liegt deine Hoffnung auf Stärke.«

Ursula K. Le Guin Ein Magier von Erdsee

Der Weg des Magiers

Du hast als Kind gedacht, ein Magier wäre ein Mensch, der alles machen kann, was er will. Auch ich habe das einst gedacht. Wir haben es alle gedacht. In Wahrheit jedoch wird der Weg, den ein Mensch gehen kann, in dem Masse, wie seine tatsächliche Macht und sein Wissen wachsen, immer schmaler und schmaler, bis er am Ende keine Wahl mehr trifft, sondern einzig und ganz und gar das tut, was er tun muss.

Ursula K. Le Guin Ein Magier von Erdsee

Darum geht es.

Gouache & Ölkreide

In diesem Augenblick ist das Leben in dir ein Aufruhr der Empörung. In einem anderen Augen­blick ist das Leben in dir Schmerz. In einem anderen Mo­ment ist es Freude. In einem anderen Kraft. In einem anderen Müdigkeit. In einem anderen Frische. In einem anderen Staunen. In einem anderen Schönheit. In einem anderen Elend. Das ist alles. Du aber bist nicht die Em­pörung, nicht die Freude und nicht das Elend: Du bist das Leben, das sich selbst als all das und in all dem erlebt. Und ebenso bist du das Leben, das sich als du und in dir erlebt. Du bist nicht du - du bist das Leben, das sich als du erlebt. Das bedeutet nicht, dass dieses Erleben frei von Schmerz oder Leid wäre.

Safi Nidiaye Die Schönheit der Liebe

Die Schönheit deines Schicksals

Ölkreide

Schau nur deinen eigenen Fall an. Denk an all das, was du entbehrt hast in deinen Kinderjahren. Bis heute leidest du unter diesem Mangel. Aber hat nicht gerade dieser Mangel dir zu der großen Tiefe verholfen, die du dir erschlossen hast? Haben nicht gerade diese Schmerzen und Leiden dazu geführt, dass du gelernt hast, dein Herz zu öffnen und wahre Liebe zu entwickeln? Und gehört nicht der tragische Selbstmord deiner Mutter und ihre große Liebe zu deinem Vater ebenso zu der einzigartigen Schönheit deines Schicksals und Lebens wie die Geschichte deiner eigenen Lieben?

Safi Nidiaye Die Schönheit der Liebe